Wortmarke Maxeiner und Miersch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Angst-Industrie

Wie selbsternannte Menschheitsretter das Geschäft mit der Angst zu einem globalen Wirtschaftsfaktor machen

Von Dirk Maxeiner und und Michael Miersch

 

Vor einiger Zeit rauschte die Meldung durch den Blätterwald, dass die Südseeinsel Tuvalu aufgrund des Klimawandels im Meer versinke. Die Bewohner hätten Asyl in Neuseeland beantragt. Die Umwelt-Aktivisten vom Worldwatch Institut in Washington hatten die Schreckensnachricht verbreitet, um Stimmung gegen die Klimapolitik der US-Regierung zu machen. Es stimmte praktisch nichts daran, doch bis auf wenige Ausnahmen hat kein Journalist die Behauptungen überprüft. Dabei wäre es ein leichtes gewesen, die tatsächlichen Fakten herauszufinden: Der Meeresspiegel um die neun Atolle von Tuvalu ist seit 25 Jahren nicht angestiegen. Den Beweis dafür liefert die dortige Messstation. Der in den Berichten verkündete Anstieg um 30 Zentimeter hatte einen einfachen Grund. Tritt die zyklische warme Meeresströmung „El Niño“ auf, sinkt der Meeresspiegel und kehrt danach zum Normalwert zurück. Auch hatte kein Inselbewohner irgendwo Asyl beantragt. Probleme macht auf Tuvalu vielmehr die hohe Bevölkerungsdichte. Wegen des großen Wasserverbrauchs sinkt der Grundwasserspiegel. Die Küste erodiert, weil der Sand der Strände als Rohstoff der lokalen Bauindustrie abgetragen wird. Obwohl inzwischen auch ein großes deutsches Nachrichtenmagazin die Falschmeldung richtig gestellt hat, taucht die Tuvalu-Ente weiterhin so regelmäßig auf wie das Ungeheuer von Loch Ness. Vom deutschen Umweltminister Jürgen Trittin bis hin zum UNEP-Direktor Klaus Töpfer wird das Märchen vom Versinken der Südseeinseln für die Propagierung des Kioto-Protokolls missbraucht. Inzwischen ist auch die Regierung der Inseln auf den Zug aufgesprungen und fordert munter Kompensationszahlungen. Eine solch wunderbare Gelegenheit am eigenen Versagen auch noch zu verdienen, lässt sich kein Politiker entgehen.

Ganz ähnliches spielte sich vor zwei Jahren in Deutschland ab. Der heiße und trockene Sommer 2003 hatte dem Wald schwer zu schaffen gemacht, wie das solche Wetterlagen immer tun. Wie Kai aus der Kiste tauchte der Begriff des „Waldsterbens“ wieder auf. Man fühlte sich in die achtziger Jahre zurückversetzt, als sich die führenden Intelligenzblätter der Nation darüber stritten, ob der letzte deutsche Baum in fünf oder in zehn Jahren verblichen sein würde. „Dem Wald geht es schlechter als je zuvor“ war zu lesen, und auch der Wald sei „ins Koma gefallen“. „Es geht ums Ganze beim Wald,“ stellt die zuständige Ministerin feierlich fest. Eigenartig, dass sie fast gleichzeitig an anderer Stelle offenbarte, dass der Holzeinschlag in Deutschland um zwanzig Prozent gesteigert werden sollte. Im toten Wald?

Die Forstleute wissen natürlich, dass bei solchen Waldpanikattacken einige Tatsachen verschwiegen werden, die mit der Koma-Diagnose nicht so recht in Einklang zu bringen sind: Der Wald in Deutschland und Europa wächst, und zwar sowohl auf der Fläche als auch im Volumen (Holzmenge pro Hektar). Der Waldzustandbericht ist nichts weiter als eine momentane Zustandbeschreibung der Nadel- und Blattdichte in den Baumkronen. Doch die kann je nach Witterung extrem schwanken. Die schütteren Wipfel von heute, strotzen zwei, drei Jahre später wieder sattgrün oder umgekehrt. Viele Botaniker und Forstwissenschaftler halten den Bericht deshalb methodisch fragwürdig und wenig hilfreich. Im Wald herrscht durchaus keine heile Welt, die durch Landwirtschaft und Verkehr mit Stickstoff überfrachteten Böden sind ein Problem. Nur kann (und konnte nie) von einem flächendeckenden Waldsterben die Rede sein. Die erschreckenden Bilder stammten fast alle aus dem Erzgebirge, dessen Wald damals schwer unter dem Schwefelregen tschechischer Braunkohlekraftwerke zu leiden hatte. Auffällig war außerdem von Anfang an, dass das Waldsterben an der Grenze zu Frankreich schlagartig aufhörte. An solcher Art von Fakten besteht aber auf Seiten der Umwelt-Aktivisten und Behörden offenbar kein großes Interesse. Inzwischen geht in den deutschen Forstämtern die Angst vor Privatisierung und Zusammenlegung um. Womit eine weitere Gruppe ein Interesse an schlechten Nachrichten aus dem Wald hat. Jetzt muss er als Argument gegen Personalabbau herhalten, weshalb dem Waldsterben vermutlich ein ewiges Leben beschieden sein wird.

Der Untergang der Südsee-Atolle und das Wiederauftauchen des Waldsterbens sind nur zwei Erscheinungen, die von einer Angst- und Panikindustrie am laufenden Band produziert werden. Waldsterben, das Ende der Artenvielfalt, Klimakatastrophe: Wer bietet mehr? Bedauerlich nur, dass die hypothetischen Szenarien den Blick auf akute und nachweisbaren Menschheitsprobleme versperren. Wer interessiert sich schon für Kläranlagen in Entwicklungsländern, wer für die Überfischung der Meere oder die Stickstoffbelastung europäischer Böden, wenn das Brandenburger Tor demnächst im Meer versinkt? Es gibt eine hysterische Form der Problemwahrnehmung, die genauso blind macht, wie die Verdrängung. Oft steckt hinter den beängstigenden Schlagzeilen ein Konglomerat aus widersprüchlichen oder fragwürdigen Zahlen, aus Behauptungen, Annahmen und Schätzungen, aus fehlenden Messungen und unbekannten Zusammenhängen. Macht man sich einmal die Mühe und fragt verschiedene Fachleute, stellt sich nicht selten heraus, dass die so genannte Faktenlage keine ist.

Josef H. Reichholf, renommierte Münchner Ökologe und Führungsmitglied des WWF, verfasste eine Streitschrift, in der er sein Wissensgebiet gegen Vereinnahmung als Religionsersatz in Schutz nimmt („Die Falschen Propheten“). Über diesen “Ökologismus“ heißt es darin, er habe sich vor einem Dritteljahrhundert der Ökologie bemächtigt und „zu einem religionsartigen Lebensmodell entwickelt, dass uns in immer stärkerem Maße vorschreibt, was zu tun und zu lassen ist.“ Wenn ein ganzes Volk mit leeren Dosen im Kreis herumgeschickt wird (und das in großer Zahl auch noch gut findet) dann geht es erkennbar um Erhalt eines Weltbildes, nicht um Ressourcenschonung

In Deutschland herrscht ein Katastrophen-Konsens von katholisch-konservativ bis links-alternativ, den kaum jemand zu bezweifeln wagt: Je schlechter jemand über die Welt und seinen Mitmenschen berichtet, desto besser ist er angesehen. „Das schlimmstmögliche Szenario für wahrscheinlich, ja wahr zu halten, gilt als Ausweis des kritischen Bewusstseins“, schrieb die Publizistin Katharina Rutschky, „mit einer gewissen moralisch, aber auch intellektuell gefärbten Wollust lassen sich deshalb alle gern über den desolaten Zustand der Welt informieren.“ Wer besonders schlechtes erwartet ist stets auch auf der sicheren Seite. Man verzeiht dem falschen Propheten, wenn es besser kommt als er es vorausgesehen hat.

Wem soll ein Normalbürger denn noch trauen? Was stimmt, was ist übertrieben, was schamlos gelogen? Wissenschaftler konkurrieren um Aufmerksamkeit und Forschungsgelder, Politiker um moralische Pluspunkte. Redakteure und Nachrichtenmacher, die Schleunsenwärter der Informationsflut, lassen vielfach aus Bequemlichkeit oft aber auch aus Voreingenommenheit die gute alte journalistische Grundregel vermissen: Höre zumindest eine Gegenstimme.

Mahnen und Warnen, Moralisieren und Boykottieren, Verhindern und Verteufeln sind längst wichtige Wirtschaftsfaktoren geworden. Tatsächliche oder vermeindliche Umweltskandale erschüttern Börsenkurse, die Angst vor Katastrophen treibt Versicherungsprämien und dient als willkommenes Alibi für neue Steuern und Belastungen der Bürger. Schlagworte wie „Vorsorgeprinzip“ oder „Nachhaltigkeit“ werden immer häufiger dazu genutzt, den freien Markt mit staatlichen Regulierungen außer Kraft zu setzen. Die Medien, die Wissenschaft, die Politik, Verbände und Nicht-Regierungsorganisationen sind die Akteure in einem Milliarden-Poker, der vorgibt das Wohl der Menschen im Auge zu haben, oft aber nichts anderes als Einzelinteressen bedient. Vielfach geht es auch um die Durchsetzung gesellschaftlicher Zielvorstellungen. Die Wirtschaft selbst beklagt meist Angstmache und Skandalisierung, macht sich Ängste der Bevölkerung aber auch selbst zu Nutze, wenn es opportun erscheint. Millionen von Meinungsmachern und Experten, Forschern und Kontrolleuren, Beamten und Bürokraten leben mittlerweile von diesem System.

Umweltschützer sitzen nicht mehr im gelben Ölzeug im Schlauchboot. Versierte Dritte-Welt-Aktivisten besuchen nur noch selten ein staubiges Dorf. Sie reisen Businessklasse und treffen sich alle auf dem globalen Parkett, man kennt sich, man sieht sich. Die Nichtregierungsorganisationen (NGOs) spielen eine immer größere Rolle und sind überall dabei. „Diese immer wichtiger werdenden Organisationen der Zivilgesellschaft gewinnen durch medienwirksame Aktionen die Aufmerksamkeit der Menge und lassen gleichzeitig ihre Spendenkassen klingeln. Sie geben der Diskussion um ein Phantomrisiko eine zusätzliche gesellschaftliche Kraft, machen sie salonfähig“, schreibt die Stiftung Risiko-Dialog.
Eines sei gewiss: „Der durch Phantomtrisiken ausgelöste Prozess bringt vielen Interessengruppen ein Geschäft.“ Gleichzeitig verlangsame und verteuere sich der Fortschritt. Die Beispiele reichen von der Bekämpfung der grünen Gentechnik (und ihrer Potentiale für Entwicklungsländer), über das Boykottieren von Impfungen (wodurch sie Infektionskrankheiten wieder ausbreiten), bis hin zum Verhindern medizinischer Forschung, weil dafür Tierversuche notwendig sind.

Weltweit agieren mittlerweile 35 000 Nichtregierungs-Organisationen. Nach einer Studie, die das Beratungsinstitut „SustainAbility“ im Auftrag der UN erstellt hat, verwalten sie etwa eine Billion Euro jährlich und sind somit der achtgrößte Wirtschaftsbereich der Welt. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Diese Organisationen können keineswegs pauschal der „Angstindustrie“ zugeordnet werden, die meisten leisten wertvolle und Hilfe, im sozialen, ökologischen, kulturellen oder auch Menschenrechts-Bereich. Aber selbst wenn nur ein Prozent der verfügbaren Mittel im hier angesprochenen, negativen Sinne verwendet würde, enstpricht dies zehn Milliarden Euro.

Spätestens seit dem Erdgipfel in Rio 1992, zu dem damals 35 000 Teilnehmer kamen, entsteht eine besondere Form von „neuer Klasse“. Dieser Begriff wurde von dem jugoslawischen Kommunisten und späteren Dissidenten Milovan Djilas Ende der fünfziger Jahre in die Welt gesetzt. Er sollte deutlich machen, dass die Partei-Elite in den kommunistischen Ländern mehr war als nur eine Nomenklatur etablierter Ex-Revolutionäre. Die Apparatschiks bildeten eine neue Klasse, die ihre ökonomische Vormachtstellung und ihre Privilegien sicherte und ausbaute.

Die neue Welt-Klasse der rapide wachsenden supranationalen Organisationen und endlosen Kettenkonferenzen ist noch nicht soweit. Doch eines ist ihnen gemeinsam: Niemand hat sie gewählt und sie haben keine Basis, der sie sich ernsthaft verantworten müssten. In Aussehen, Habitus und einer gewissen Art schlechtes Englisch zu sprechen haben sie es bereits zu bemerkenswerter Uniformität gebracht. Sie wechseln vom IRK zur WHO, vom WWF zum IWF und zurück. Wer jung ist, Fremdsprachen spricht und gute Abschlüsse vorweisen kann, versucht auf dieses Karussell aufzuspringen. Man sieht die Welt und genießt weitaus mehr soziales Renommee als der Studienkollege, der sich bei einem finsteren multinationalen Konzern verdingen muss. Das tut gut, wenn man neben ihm im Flugzeug sitzt.

Doch so losgelöst die neue Klasse auch wirkt, ihre ökonomische Ausstattung wird von den Steuerzahlern der Nationen bestritten. „Sie sind,“ sagte DIE ZEIT-Herausgeber Josef Joffe einmal, „keine staatstragende, aber eine vom Staat getragene Klasse.“ Die Bürger beschleicht das Gefühl, mehr erfahren zu wollen, über das Gremientreiben in UN und EU. Sie möchten mal erklärt bekommen, warum bei Klimakonferenzen Zehntausende teilnehmen müssen. Und weshalb jedes modische Problem entschlossen mit einer internationalen Tagung bekämpft wird. Aber die neue Klasse ist längst in den Wolken entschwunden.

Dennoch will beispielsweise die Europäische Union deren Stellung weiter stärken. Heute schon werden in Bereichen wie Entwicklungshilfe, Soziales, Umwelt oder Menschenrechte über NGO’s etwa eine Millarde Euro aus dem EU-Topf verteilt. Laut dem neuen Verfassungsentwurf soll ihre Bedeutung im Entscheidungsprozess der Gemeinschaft weiter zunehmen. Doch was hier als „Zivilgesellschaft“ oder „partizipatorische Demokratie“ so harmos daherkommt ist äußerst umstritten. Neben der europäischen Kommission, die nicht gewählt, sondern von Politikern eingesetzt wird, soll also eine weitere nicht demokratisch legitimierte Mitspracheebene eingeführt werden. Der tschechische Ministerpräsident Václav Klaus warnt eindringlich vor einem „NGOismus“ und der „Vernebelung demokratischer Prinzipien“. Er nennt dabei ausdrücklich den „Ökologismus“, der „Privilegien für organisierte Gruppen“ beanspruche. Das bedeute nichts anderes als eine „Re-Feudalisierung der Gesellschaft“.

Auch dafür ein Beispiel: Im Stile eines Großinquisitors veranstaltete die Organisation Greenpeace eine „Umfrage“ unter Lebensmittelkonzernen zum Thema getechnisch veränderte Lebensmittel. Wer dabei nicht nach der Pfeife der Umwelt-Aktivisten tanzen wollte, dem richtete man aus. „Wir fordern von der Geschäftsführung eine öffentliche Klarstellung mit einem klaren Nein zu Genfood“. Als das nicht verfing, marschierte man vor den Zentralen der betroffener Unternehmen auf, beklebte Joghurtbecher mit Angst-Parolen oder warf Leuchtschriften in den Himmel : „Gen-Soja - Metro macht uns zum Versuchskaninchen“. Aus Angst vor Stigmatisierung und Umsatzeinbussen schworen in Deutschland alle großen Lebensmittelketten von der Gentechnik ab. In vielen Ländern der Welt konsumieren seit Jahren Millionen von Menschen mit Hilfe der Gentechnik erzeugte Lebensmittel – ohne das auch nur eine Person zu Schaden gekommen sei. Es rede hierzulande deshalb bloß keiner von „Wahlfreiheit des Konsumenten“. Greenpeace geht es um das genaue Gegenteil. Der dumme Verbraucher soll auf jeden Fall daran gehindert werden, auch nur in Versuchung zu geraten, ein gentechnisch erzeugtes Produkt im Supermarkt zu entdecken (und möglicherweise für gut zu befinden). Mit der vielbeschworenen „Zivilgesellschaft“ von „Nichtregierungsorganisationen“ hat dies rein gar nichts, mit Erziehungsdikatur einer semireligiösen Sekte umso mehr zu tun.

Besonders erschreckend ist die Greenpeace-Kampagne gegen den so genannten „goldenen Reis“. Diese mit Vitamin-A angereicherte Reissorte könnte weltweit Millionen Menschen helfen, die an Vitamin-A-Mangel leiden und deshalb erblinden oder gar sterben. Zwei deutsche Gentechnik-Forscher, die den Reis entwickelt haben, haben diese Erfindung den Kleinbauern der Dritten Welt geschenkt. Die „Umwelt-Aktivisten“ interessiert das alles nicht, sie fürchten lediglich eine wachsende Akzeptanz von Gentechnik-Lebensmitteln. Das Märchen vom Greenpeace-David gegen den Goliath stimmt schon lange nicht mehr: Der Greenpeace-Konzern hat im Verlaufe der letzten zehn Jahre rund eine Milliarde (!) Dollar vorwiegend an Spenden eingenommen. Die Anti-Gentechnik-Kampagne, deren Bestandteil der Kampf gegen den Goldenen Reis ist, hat in den letzten Jahren alleine rund 20 Millionen Dollar gekostet. Das ist dreimal soviel wie insgesamt für die Entwicklung des „Golden Rice“ zur Verfügung stand..

Gemeinsam ist diesen Gruppen ein Weltbild, dass der holländische Umwelt-Historiker Wygbert-Versteegen als „Green Thinking“ beschreibt. Dieses beruht auf subjektiven und vom herrschenden Zeitgeist gebauten Pfeilern: Man betrachten den Menschen immer nur als Verbraucher und Verursacher und nie als Problemlöser und Erschaffer. Der Mensch wird häufig sogar als „Krebsgeschwür“ und Belastung der Natur verachtet. Technik gilt nicht mehr länger als Lösung von Problemen gesehen, sondern meist als deren Ursache. Eine vorgeblich immer schnellere technische und ökonomische Entwicklung soll gebremst werden. Der freie Markt uns seine Akteure gelten als räuberisch und oft gegen das Allgemeinwohl gerichtet. An seine stelle möchte man ein wie auch immer geartetes natürliches „Gleichgewicht“ setzen, dass es in der Natur selbst allerdings überhaupt nicht gibt (Ihre Geschäftsgrundlage ist die permanente evolutionäre Veränderung).

Dieses als alternativlos imaginierte Denken ist inzwischen auch in weiten Kreisen der Wirtschaft und Industrie angekommen. Der „World Business Council for Sustainable Development“ (WBCSD) beispielsweise ist ein Zusammenschluss von mittlerweile 160 der größten Unternehmen weltweit (von ABB bis Volkswagen, von Gerling bis Schweizer Rück). In einer Broschüre „Global Scenarios 2000 – 2050“ werden drei mögliche Zukunftspfade der Menschheit vorgestellt. Im ersten Szenario sieht es ganz bös aus: „Glolabliserung“ und „Liberalisierung der Märkte“ haben zusammen mit zunehmender Verstädterung „soziale Ungleichheit und Unruhen in einem Maß gesteigert“, das ein grundsätzliches Überleben der Menschheit und der Ökosysteme bedrohe. Das zweite ist auch nicht gerade beruhigend: Es ensteht eine „Global Ecosystem Organisation“ deren „weitreichende Vollmachten“ dafür genutzt werden, Umwelt und Gesellschaft zu schützen – selbst wenn dies ökonomische Opfer erfordere. Im dritten Szenario wird hingegen eine schöne heile Welt aufgelegt, in der „Nicht-Regierungs-Organisationen , Regierungen, betroffene Verbraucher und Wirtschaft als Partner agieren“ und in der Vereinbarungen durch „Mediation“ zustande kommen. Das beste was dem freien Markt passieren kann ist also, dass er durch einen runden Tisch ersetzt wird.

Gemäß der Managementregel „If you can’t beat them, join them“ werden NGO’s aller Art vom progressiven Managment geherzt und geknutscht, auf das endlich Friede, Freude Eierkuchen herrsche. Attac, Greenpeace und der Dalai Lama kriegen vor lauter Umarmungen kaum noch Luft. Das amerikanische „Capital Research Center“ schätzt, dass US-Unternehmen Ende der neunziger Jahre fast viermal soviel an Gruppen aus dem ökosozialen Millieu spendeten, wie an Befürworter der Marktwirtschaft. Wer einen Verein gründet, den Furor des Gerechten in sich trägt und dabei geschickt die Worte „Globalisierung“, „Gerechtigkeit“ oder „Umwelt“ einstreut, endet beinahe zwangsläufig „mahnende Stimme“ auf dem Podium einer Bank oder in der Hauszeitschrift eines Pharmakonzerns.. Die Wirtschaftselite der Industriestaaten gefällt sich darin, den Geist ihrer Widersacher zu integrieren und mitunter kritiklos zu assimilieren.

Zum Beispiel Bart Jan Krouwel, holländischer Investment-Banker und Präsident der Organisation „European Partners for Environment“ (EPE). Er hat die Phrasen der Globalisierungsgegner der Einfachheit halber wörtlich übernommen: „Europa sollte sich im Globalisierungsprozess als Gegenentwurf zur Vision einer westlichen, räuberischen und gegen das Allgemeinwohl gerichteten Industriegesellschaft etablieren, die immer größere Ungleichheiten produziert.“ Der Kapitalismuskritiker vom Bankhaus möchte die Welt statt dessen mit einer „Global Well-beeing Society“ beglücken. Ein Runde Mitstreiter hat sich dafür bereits gefunden: Auf der EPE-Mitgliedsliste stehen unter anderen Repräsentanten von Coca Cola International, Dow Europe, TotalFinaElf, Monsanto, Sony International, Deutsche Bank, PriceWaterhouseCoopers und Unilever.

Der sich ökologisch gebende Zeitgeist pflegt die Geschichte der Wissenschaft und der Industrialisierung gerne als Verfallsgeschichte darzustellen. Welch ahistorische Sichtweise. Man schaue sich doch nur die jüngste Vergangenheit an: Fortschritt ist eine messbare Tatsache. Er misst sich an Lebenserwartung, Kindersterblichkeit, Alphabetisierung, Nahrungskalorien pro Kopf, Durchschnittseinkommen und vielen anderen Indikatoren. Welchen davon man auch immer nimmt, alle sahen vor 25, 50 oder vor 100 Jahren schlechter aus als heute. Die Welt ist besser geworden, entgegen aller Prognosen von Endzeitpropheten und kulturpessimistischen Intellektuellen.

In den letzten 200 Jahren hat sich die Lebenserwartung in Europa verdoppelt und diese Entwicklung wird in den weniger entwickelten Ländern mit einer Zeitverzögerung nachgeholt. Das Wachstum der Weltbevölkerung ist nicht darauf zurückzuführen, dass Frauen immer mehr Kinder bekommen, sondern darauf dass immer mehr Kinder überleben. Weltweit liegt heute die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau bei 2,7. Das ist der niedrigste Stand in der gesamten Menschheitsgeschichte. Bei einer Kinderzahl von zwei flacht der Bevölkerungszuwachs ab und pendelt sich schließlich auf einem gleich bleibenden Niveau ein. In Deutschland liegen wir etwas darunter, was prompt wieder zur Schreckensnachricht befördert wird: „Sterben die Deutschen aus?“ oder: „Vergreist die Gesellschaft?

Abstrakte Gebote wie „gentechnikfrei“,„atomfrei“, „chlorfrei“, „chemiefrei“ dürfen nicht den Blick auf die realen Lebensrisiken verstellen. Falsche Risikowahrnehmung kann tödlich sein. Sie kostet inzwischen Menschenleben, und zwar sehr viele. Weltweit stirbt alle 30 Sekunden ein Mensch an Malaria. Mitverantwortung dafür tragen linke Ökoeliten, die gegen jede Vernunft und gegen jedes soziale Gewissen eine kurzsichtige Ächtung des Spritzmittels DDT durchgesetzt haben, durch dessen Einsatz die Zahl der Erkrankungen vielerorts drastisch reduziert werden konnte (Es wird dabei vergleichsweise winzigen Mengen angewandt und schadet - im Gegensatz zum Einsatz in der Landwirtschaft - auch nicht den Vögeln). Seitdem explodiert die Infektionsrate wieder. Dies ist eines der schwärzesten Kapitel in der Geschichte der Angstindustrie. Nur aufgrund des heftigen Protests von Medizinern, Vertretern der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der betroffenen armen Länder wurden inzwischen einige Ausnahme-Regelungen zugestanden.

Je mehr die Technik unser Leben erleichtert und verlängert, desto größer wird das Misstrauen ihr gegenüber. Wer die Technik lobt und an den Fortschritt befürwortet, muss sich schnell belehren lassen, dass er einem naiven Fortschrittsglauben huldige und einer unkritischen Technikgläubigkeit verfallen sei. In den medizinisch, sozialen, politisch stabilen und sicheren Ländern der ersten Welt, sind die Ängste paradoxerweise am größten. Das Projekt des nackten Überlebens wurde hier vom Wunsch nach dem schönen Leben ersetzt. „Menschen, die nach oben wollen , haben Mittelkrisen. Menschen, die oben sind haben Sinnkrisen“, schreibt der Soziologe Gerhard Schulze. Der behütete, sichere und bequeme Alltag lässt die Menschen alsbald nach neuen Gefahren Ausschau halten. Selbst gegenüber entfernteste Risiken wird dann null Toleranz gefordert. Eine riesige Kaste von Therapeuten, Gutachtern, Politikern, Medienschaffenden und Sozialpädagogen widmet sich begeistert den wachsenden Ängsten der Bevölkerung. Sie verfolgen dabei alle möglichen Interessen, nur nicht die Überwindung der Angst, denn das wäre schlecht fürs Geschäft.

Erschienen im Jahr 2005