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Biokost und ÖkokultWelches Essen Von Dirk Maxeiner & Michael Miersch Piper Verlag VorwortDas Großstadtkind Christian wollte mal einen richtigen Bauernhof sehen. Der nette Landwirt, der einmal pro Woche frische Eier brachte, hörte davon und lud ihn zu sich ein. Als der Junge zurückkam, erzählte er seinem Opa, dass es beim Bauern ganz anders war, als er sich das vorgestellt hatte: Die Hühner kratzten nicht auf dem Mist, sondern waren in kleine Käfige eingesperrt. Da schmiedete der Großvater mit dem Enkel einen Plan. Am Tag als der Bauer wieder in Frankfurt Eier auslieferte, fuhren sie heimlich zu seinem Hof und filmten die Käfigbatterie. Kurz darauf wurde der Film im Fernsehen gezeigt, denn Christians Opa hieß Bernhard Grzimek. Das war im Jahre 1971. Der Beitrag über Käfighennen in Grzimeks Sendung "Ein Platz für Tiere" war die erste Konfrontation der deutschen Stadtbevölkerung mit der Realität der modernen, technisierten Landwirtschaft. Das Publikum war entsetzt - auch wir damals noch Jungendlichen. Hühner in Käfigen, Kühe, die mit Maschinen gemolken werden, Tomaten, die in riesigen Glashäusern ohne Erde heranreifen: Was war aus Opas Bauernhof geworden? Wir sind beide Stadtmenschen der ersten Generation. Unsere Väter waren in jungen Jahren noch in der Land- und Forstwirtschaft zuhause. Heute haben die wenigsten überhaupt noch einen echten Bauern in der näheren Verwandtschaft oder im Freundeskreis. Auch schon 1971, als Grzimek mit dem Hühnerfilm das Publikum schockte, war das Landleben für die meisten Menschen bereits nicht mehr mit Arbeit verbunden, sondern mit Sonntagspaziergängen und Picknicks. Gleichzeitig wurde ein Idealbild des kleinbäuerlichen Lebens im Seelenhaushalt konserviert. Darin stapfte noch der Sämann mit dem Tragetuch voller Korn über den Acker und zogen Pferde den Pflug. Auch in den Lesebüchern der Schulen war die Landwirtschaft im 19. Jahrhundert stehen geblieben. Agrarindustrie und Lebensmittelhändler hatten kein Interesse, dieses Bild zu korrigieren, denn Landromantik verkauft sich gut. Kühe auf der Wiese, Ferkel im Stroh und die rosige Bäuerin, die hinterm Geranien geschmückten Fenster einen rustikalen Brotlaib anschneidet. So gefiel es den Werbeagenturen und dem Bauernverband - und so glaubten es die Kunden gern. Doch Grzimeks Hühner-Dokumentation war der Anfang vom Ende dieses Idylls. In den folgenden drei Jahrzehnten wurden die Schattenseiten der modernen Nahrungsmittelproduktion immer häufiger von Fernsehscheinwerfern ausgeleuchtet. Nun prägten taumelnde BSE-Kühe, lecke Pestizidfässer und Gülleseen das gängige Bild der Landwirtschaft. Testlabors hatten Konjunktur. Jedes Pikogramm Unkrautvernichtungsmittel, das noch auf einem Salatblatt nachgewiesen werden konnte, war für eine Schlagzeile gut. Lebensmittel erschienen auf einmal lebensgefährlich. Je stärker echte und vermeintliche Skandale die Verbraucher verunsicherten desto mehr stieg die Nachfrage nach etwas Reinem, Unbefleckten. Zwar existierte die Biolandwirtschaft bereits seit dem frühen Zwanzigsten Jahrhundert. Doch sie verharrte lange in einer kleinen Nische von Anthroposophen und Reformhausjüngern. Der große Aufschwung begann erst in den neunziger Jahren. Nun galten Biobauern als die Guten im finsteren Geschäft der Nahrungsmittelproduktion. Und wenn auch nicht alle ihre Produkte kauften, der Applaus war ihnen sicher. Bis heute genießen Biobauern einen tadellosen Ruf: Sie sind lieb zu ihren Tieren, benutzen kein Gift und schonen die Umwelt. Die von ihnen produzierten Lebensmittel gelten als rundum gesund. Der Siegeszug der Biolandwirtschaft hat die meisten westlichen Industrieländer erfasst, doch nirgends ist er so glanzvoll wie in Deutschland, Österreich und der Schweiz. In keinem Land Europas wird so viel Biokost verkauft wie in den deutschsprachigen Ländern. Dafür zahlen viele Kunden gern etwas mehr, sowohl im Supermarkt als auch via Finanzamt, denn inzwischen erhält die Biolandwirtschaft besonders üppige Subventionen. Die kleinbäuerliche Lesebuchidylle ist zurückgekehrt. Hinter dem Sumpf der wechselnden Lebensmittelskandale leuchtet der Ort, wo die Hühner glücklich, die Äpfel ungespritzt und die Menschen ehrlich sind. Der Biolandbau stillt die Sehnsucht nach einer intakten Welt, einer unkomplizierten, widerspruchsfreien Ordnung, in der wir uns zuhause fühlen können. Der Erfolg der Biokost verläuft nicht zufällig parallel zur Konjunktur der Homöopathie und anderer esoterischen Heilmethoden. Viele Menschen erblicken darin die sanfte Alternative zur modernen Medizin, die sie ängstigt. Diese Haltung durchdringt immer mehr Lebensbereiche. "Viele Verbraucher," schrieb die taz, "wissen nicht, was ,bio' eigentlich konkret bedeutet - aber sie finden es gut." Das Bild der Verbraucher von ,bio' sei ziemlich diffus, Je stärker die Erfolge des wissenschaftlichen, technischen und ökonomischen Fortschritts unsere Leben verbessern und unsere Wahlmöglichkeiten ausweiten, desto mehr Menschen fürchten sich vor diesem rasanten Fortschritt. Die Errungenschaften nach denen sich unsere Großeltern sehnten und um die uns Menschen in Entwicklungsländern beneiden, erscheinen entseelt und bedrohlich. Lieber träumt man von der vermeintlich heilen Agrargesellschaft der Urgroßeltern. Doch zu dieser Idylle gehörten harte Knochenarbeit, bittere Armut, Unwissenheit und früher Tod. Dass die Vergangenheit besser war als die Gegenwart ist nur einer der Ernährungsmythen, aus denen sich das makellose Image des Biolandbaus speist. Ein anderes Vorurteil lautet "natürlich ist besser als künstlich". Da Biobauern keinen Kunstdünger und keine synthetischen Pestizide einsetzen bedeutet jedoch nicht, dass sie eine schadstofffreie Landwirtschaft praktizieren. Auch sie bekämpfen Insekten und Schimmelpilze - nur mit anderen Giften als ihre Kollegen. Das macht Bioprodukte nicht gefährlich und man kann sie unbesorgt kaufen. Allerdings gilt das auch für die konventionellen Lebensmittel. Für dieses Buch haben wir uns die Klischees, die über Biokost im Umlauf sind, einmal genauer angesehen und hartnäckig die Frage gestellt: Stimmt das überhaupt? Dabei stellte sich heraus, dass Bioprodukte nicht gesünder sind als andere und - was uns am meisten überraschte - dass Biolandwirtschaft auch nicht besser ist für die Umwelt. Andererseits sind viele Biobetriebe vorbildlich in Sachen Tierschutz und legen viele mehr Wert auf artgerechte Nutztierhaltung. Wer sich mit dem Für und Wider des Biolandbaus beschäftigt, gerät leicht in einen erbittert geführten ideologischen Streit. Man bewegt sich auf vermintem Terrain, das macht es nicht gerade leicht, ein populäres Sachbuch zu schreiben, das die Leser nicht nur aufklären, sondern auch unterhalten soll. Schon wenn wir früher in Zeitungen über dieses Thema schrieben, war die Aufregung groß. Zitiert man eine wissenschaftliche Studie, in der der Biolandbau schlecht wegkommt, kontern die Verbandsfunktionäre mit einer Gegenstudie. Die gibt es natürlich auch, besonders viele von den Instituten der Bio-Organisationen, die allerdings nur sehr selten die eigenen Dogmen in Frage stellen. Aber auch die Befunde unparteiischer Forschungseinrichtungen sind nicht immer eindeutig und widerspruchsfrei. Wem soll man glauben? Wir haben uns die unterschiedlichsten Arten von landwirtschaftlichen Betrieben im In- und Ausland angesehen, Primär- und Sekundärquellen gesichtet, Experten befragt und zitieren hauptsächlich Studien von staatlichen Universitäten, Regierungsbehörden und angesehenen Institutionen wie beispielsweise der Stiftung Warentest. Wenn uns der Leiter eines Instituts für Biolandbau schrieb: "Sicherheitsprobleme mit Schimmelpilzgiften oder Coli-Bakterien, wie sie den Bioprodukten gern angedichtet werden, sind vernachlässigbar." Dann schauten doch lieber nochmals beim Bundesinstitut für Risikobewertung nach, wo wir lasen, dass solche Gifte "nicht frei von gesundheitlichen Risiken" sind und sogar "Krebs auslösen" können. Oder bei der Stiftung Warentest, die schreibt: "In unseren Tests schnitten viele Bioprodukte bei der mikrobiologischen Prüfung schlecht ab." Die Interviews mit Biologen, Medizinern, Lebensmittelchemikern und anderen Fachleuten geben Ihnen eine zusätzliche Einschätzung aus erster Hand. Für "bio" und konventionelle Landwirtschaft gilt, es muss sich noch vieles ändern, bis sie wirklich zukunftsfähig sind. Die UN-Bevölkerungsprognosen sagen voraus, dass die Menschheit bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts weiter wachsen wird. Es ist eine Herkulesaufgabe, die dafür nötige Steigerung der globalen Agrarproduktion möglichst umweltverträglich zu gestalten. Denkverbote und Dogmatismus helfen dabei nicht weiter. Die Recherchen für dieses Buch ergaben: Biolandbau hat Vorteile und Nachteile, ist aber nicht grundsätzlich besser als die moderne Landwirtschaft - in manchen Bereichen sogar schlechter. Das hat uns selbst verblüfft, denn wir waren lange Zeit davon überzeugt, dass Bioproduktion ökologisch überlegen und gesundheitlich vorteilhaft ist. Wir haben "bio" eingekauft und tun das teilweise noch heute. Wir besuchten zahlreiche Biohöfe und haben dabei viele sympathische, engagierte und gewissenhafte Landwirte kennen gelernt. Dies Buch ist keine "Abrechnung" und auch keine sensationsgierige "Entlarvung". Die Skandale um Pestizidreste auf Biokarotten und andere Betrugsfälle interessieren uns nicht. Wenn irgendetwas erfolgreich ist, versuchen früher oder später Abzocker auf den Zug aufzuspringen. Das ist normal und sollte nicht als Argument gegen "bio" ausgenutzt werden. Wir sind auch nicht der Meinung, dass Biolandbau grundsätzlich schlecht ist. In der Bio-Ideologie wurden jedoch leider einige Illusionen konserviert, über die einmal offen geredet werden sollte. Die Verbände pflegen Dogmen und schotten sich gegen neues Wissen ab. Und der Handel gaukelt den Kunden eine ländliche Idylle vor, die angeblich bessere Lebensmittel hervorbringt, für die man höhere Preise verlangen kann. Dieses Buch will auch nicht die konventionelle Landwirtschaft reinwaschen. Obwohl sich manches zum Besseren entwickelt hat, gibt es immer noch einiges zu kritisieren. Manche Methoden der modernen Agrarproduktion belasten die Umwelt erheblich. Während wir dieses Buch schreiben, ist im Osten und Norden Deutschlands der Bau von mehreren riesigen industriellen Schweinemastbetrieben mit bis zu 95 000 Tieren geplant. Die Sorge ist berechtigt, dass die Tier- und Umweltschutzstandards davon platt gewalzt werden. Trotz mancher Fehlentwicklungen können wir Konsumenten in den wohlhabenden Industrieländern aus einer Vielfalt gesunder und hochwertiger Lebensmittel auswählen von denen unsere Vorfahren nur träumten. Die wichtigste Botschaft diese Buches lautet: Ja, es gibt Skandale, Betrug und Schlamperei. Doch das gab es schon immer und es besteht kein Grund Angst vorm Essen zu haben, egal ob "bio" oder konventionell. In diesem Sinne: guten Appetit.
Biokost und Ökokult Inhaltsangabe
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