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Das stalinistische Bambi

Was Che Guevara mit Spinat und Osama bin Laden gemeinsam hat

Von Michael Miersch

 

Manche Tiere werden von allen geliebt: Robben und Koalabären beispielsweise. Selbst wenn sie zur Plage werden, darf man diesen Tieren nichts tun. Sie sind einfach zu niedlich. Im Naturschutz heißt dieses Phänomen „Bambi-Syndrom“. Che-Guevara-Kult ist politisches Bambi-Syndrom. Jeder weiß, dass der Kommunismus ein Nebelreich der Armut und Unterdrückung war (und in Kuba noch immer ist). Jeder weiß, dass der lateinamerikanische Guerillakampf ein grausames Spiel ideologischer Phantasten war (und in Kolumbien noch immer ist). Und dennoch: Che, der Kommunist und Guerillakrieger gilt als kuchengut wie der Dalai Lama. Während seine Geistesverwandten längst von ihren Betonsockeln gestoßen wurden, prangt Che weiter auf T-Shirts und Postern, eröffnen Bars und Cafés mit seinem Namen, tragen Uhren, Weinflaschen und Skateboards sein Konterfei, erscheinen Bücher in denen, sein erotischer „Duft von Gebirge und Schmutz, Haut und Hitze“ besungen wird (Ana Menéndes: Geliebter Che).

Warum wird ein totalitärer Machthaber als Freiheitskämpfer verehrt? Warum schleppen Friedensdemonstrationen das Bild eines Feldherren, der den Dritten Weltkrieg herbei bomben wollte. Warum steht jemand für rebellischen Individualismus, der kollektivistische Unterordnung und eiserne Disziplin predigte?

Der Spinat-Mythos war auch so ein zähes Missverständnis. 1890 unterlief einem Chemiker, der bei der ersten Labor-Analyse von Spinat mitschrieb, ein Kommafehler. Aus 2,2 Milligramm Eisen pro hundert Gramm Spinat machte er 22. Obwohl der Fehler bereits 1930 entdeckt wurde, zwangen Eltern ihre Kinder noch hundert Jahre später zum Spinatessen, weil dieses Gemüse als besonders eisenhaltig galt.

Der Kommafehler bei Guevara war die Fotografie des Alberto Korda, auf der der Comandante mit wehendem Haar unterm Barett ins Unendliche blickt. Eine Ikone des jugendlichen Nonkonformismus war geboren. Styling und Accessoires wurde millionenfach kopiert: Lange Haare (Beatles), Drei-Tage-Bart (Dutschke), Zigarre (Schröder). „Die Menschen stehen zum Mythos nicht in einer Beziehung der Wahrheit, sondern des Gebrauchs,“ schrieb Roland Barthes. „Sie entpolitisieren nach ihren Bedürfnissen.“ Diese mythologische Verwandlung ist wohl bei keinem politischen Führer so gründlich geglückt wie bei Che Guevara (der Kennedy-Kult ist auch entpolitisiert, aber längst nicht so verbreitet). Ernesto Che Guevara mutierte posthum zu Pop-Ikone, wie James Dean oder Elvis. Wie sagte Satre so schön: „Che war der vollendetste Mensch unserer Zeit.“

Dass die heutige soundsovielte Retrowelle wieder ausgerechnet ihn ausgräbt, dass Che-Guevara-T-Shirts nun in Schwabinger Schicki-Boutiquen angeboten werden und ein Che-Double für Sitzmöbel wirbt, ist die konsequente Weiterführung einer Legendenbildung, die kurz nach seinem Tod einsetzte. Guevara stand schon damals für politische Unverbindlichkeit. Die linken Studenten paukten Marx und Lenin, kaum Guevara. Auf Che konnten sich alle einigen, die mit dem Zeitgeist gingen, vom Twen-Leser bis zum Juso. Selbst kritische Abweichler, denen Mao und Stalin durchaus suspekt waren, stellten sich den schönen Revolutionär als eine Art bewaffneten Hippie vor, einen undogmatischen, menschenfreundlichen Rebellen der karibische Wärme ausstrahle, statt sibirischer Kälte. Hat er nicht Gesagt, Kuba sei „Sozialismus mit Cha-Cha-Cha“? Klingt doch irgendwie liberal.

Che Guevara wurde nicht gelesen, sondern einfach nur angehimmelt: Eine Projektionsfläche für alles und nichts. Und genau dies gibt dem Mythos bis heute ihre Strahlkraft. Die Beliebigkeit, das Unverbindliche ist die dritte Komponente, die für Entstehung einer langlebigen Pop-Ikone nötig ist. Jugendliche Schönheit und früher Tod sind die beiden anderen. Die Bedeutung darf nicht zu klar, zu festgelegt sein. Che-T-Shirts harmonieren auch mit der Südstaatenflagge auf der Motorradjacke. Und der Träger muss deshalb weder links noch Rassist sein.

Die romantische Naivität, mit der Jugendliche ihr Che-T-Shirt tragen, wird oftmals vom Wohlwollen der Eltern begleitet: Sehrt her, unser Junge, ein Rebell! Als der Comandante auf einer Münchner städtischen Jugendbühne gefeiert wurde, hefteten stolze Väter ihren Sprösslingen das Idol der eigenen Jugend an die Brust. Als besonderen Service hatte die Theaterleitung im Foyer einen Che-Button-Automaten aufgestellt. Diese gutbürgerlichen Väter hätten eigentlich genug Zeit gehabt, mal über Kult, Mythos und Realität nachzudenken. Mochten sie aber nicht. Sie konservierten lieber ihre eigene adoleszente Ignoranz und verkaufen sie als Courage: Che lebt, und ich bin kein Spießer geworden.

Während die heutigen Bewunderer von Osama bin Laden die Taten ihres Idols wenigstens kennen, schließen Guevara-Bewunderer fest die Augen. Dabei sind sich die beiden Idole gar nicht so unähnlich. Schließlich wollte der Comandante auch gern New York in Schutt und Asche legen. Als die Kubakrise 1962 vorüber war, sagte er gegenüber einem britischen Journalisten, die Kubaner hätten die Raketen gezündet, wenn die Russen es nur erlaubt hätten. Er war kein „sanfter Revolutionär“, sondern ein bekennender Stalinist, der nach dem Sieg die Übernahme des sowjetischen Systems eintrat - gegen andere kubanische Revolutionäre, die einen freiheitlichen Sozialismus anstrebten. In diesem Sinne wirkte er als Verbindungsmann des KGB bei den neuen Machthabern in Havanna. Von Demokratie hielt er nicht viel, wie er immer wieder betonte. Dafür hatte er „vor dem Bild des alten und traurigen Genossen Stalin geschworen“ den Kapitalismus zu vernichten. Und zwar koste es was es wolle. Immer betonte Che Guevara die Bedeutung, die Größe, ja die Schönheit rücksichtloser Gewalt. Seine Visionen ähneln darin goebbelsscher Endkampfrhetorik: „Was bedeuten die Gefahren oder die Opfer eines Mannes oder eines Volkes, wenn das Schicksal der Menschheit auf dem Spiel steht. Der Tod … sei willkommen, wenn … andere Menschen bereit sind, die Totenlieder mit Maschinengewehrsalven und neuen Kriegs- und Siegesrufen anzustimmen.“ Im kommenden atomaren Weltkrieg werden „Tausende von Menschen überall sterben, aber das soll uns nicht beunruhigen.“ Denn der Kommunismus wird diesen Endkampf gewinnen. Da darf man nicht zimperliche sein, und soll auf das Erfolgrezept vertrauen: „Ein gnadenloser Hass, der uns vorantreibt und über die natürlichen vererbten Grenzen des Menschen hinausgehen lässt, ihn in eine effektive, gewalttätige, unwiderstehliche und eiskalte Killermaschine verwandelnd.“ Willkommen im Stahlgewitter.

Anders als Rosa Luxemburg, die andere Heilige, lebte Guevara seine Gewaltphantasien nicht nur auf dem Papier aus. Er befehligt die Erschießungskommandos in der Festung Cabana, die nach dem Einmarsch von Castros Truppen in Havanna zwischen zweihundert und siebenhundert Gefangene hinrichten. Die Opfer sind größtenteils Anhänger des geflohenen Diktators Batista. Wenig später treffen die Repressionsmaßnahmen auch oppositionelle Linke und andere Gegner des neuen Regimes. Es ist Che Guevara, der die gefürchteten „Resozialisierungslager“ einführt. In diese „Guanacahabibes“ landen nicht nur Dissidenten, sondern auch Homosexuelle. Als Präsident der Nationalbank und später Industrieminister setzt er auf eine rigide Planwirtschaft, die in kürzester Zeit Kubas Wirtschaft ruiniert. Damals begann der bis heute anhaltende Mangel an Lebensmitteln und einfachen Haushaltsgütern. Aber was soll’s. „Im Allgemeinen wirken die Kubaner kräftig, gesund und zufrieden,“ erläutert ein deutscher Reiseführer.

Danach verlegt er sich auf Revolutionstourismus. Doch aus keinem seiner Funken wird ein Flächenbrand. Die Massen verweigern sich der Avantgarde. Guevaras letztem Versuch, die Revolution zu exportieren, schließt sich in Bolivien kein einziger Bauer oder Landarbeiter an. Macht aber alles nichts, denn Sankt Che starb für uns Sünder. Wenn wir in unserem kleinen Leben auch wankelmütig und gierig, neidisch und feige sind. So wissen wir doch, es gab einen, der so entrückt in die Ferne blickte, eine Ferne aus der ganz leise ein sozialistischer Cha-Cha-Cha klingt. Er ist rein.

 

Erschienen in Die Welt vom 14.10.2004