DIE FROHE BOTSCHAFT! Nr. 36 - Jahresbeginn 2008


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DIE FROHE BOTSCHAFT ist eine bunte Auswahl von Beiträgen, die auf www.achgut.de erschienen sind und wird Ihnen serviert von Henryk M. Broder, Dirk Maxeiner, Michael Miersch und Burkhard Müller-Ullrich.

05.01.2008 (dm)
DER PUTZ BRÖCKELT
In meinem Klima-Buch "Hurra, wir retten die Welt" (http://www.buchausgabe.de/shoproot/764item.html) schreibe ich auf Seite 26: "Marcel Leroux, Meteorologe und Klimaforscher, wertet seit Jahrzehnten Satellitenbilder aus und hat dabei räumlich veränderte Luftströmungen zwischen dem Nordpol und dem Äquator festgestellt. Demzufolge könne seit den siebziger Jahren mehr Warmluft vor allem in die Packeisregion auf die europäische Seite der Arktis vordringen. Das sei aber keine Folge der globalen Erwärmung sondern einer sehr unterschiedlichen Temperaturentwicklung in der Arktis selbst..." Spiegel-Online berichtete nun ( http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,526344,00.html ) über eine Studie in der Fachzeitschrift nature: "Die dramatische Erwärmung der Arktis basiert offenbar zum Teil auf einem bisher unterschätzten Faktor: der Natur selbst. Forscher sprechen von einer zyklischen Veränderung des Wärmetransports in der Atmosphäre - betonen aber zugleich die Bedeutung des menschlichen Einflusses." Nun ja, die Fakten setzen sich allmählich durch. Geradezu rührend ist allerdings das Bemühen der Beteiligten, bloß keinen Zweifel am Umfang der globalen Erwärmung aufkommen zu lassen. Gott bewahre! Es macht richtig Spaß, wie sie rumeiern.
Erinnern wir uns mal an den Anfang 2007. Da wurde prophezeit das Jahr werde global das wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen ( http://www.focus.de/wissen/wissenschaft/klima/news/wetter_aid_122030.html ).
Auch in Deutschland verbreiteten praktisch alle Medien diese Meldung. Nun, das hat nicht geklappt. Global gesehen - und nur das in der Klimadebatte relevant - liegt 2007 statistisch im Schwankungsbereich der Jahre seit 2001. Es will einfach nicht wärmer werden ( http://www.welt.de/wissenschaft/article1453165/Erderwaermung_macht_erst_mal_Pause.html ). Deshalb musste die Story jetzt etwas umgeschrieben werden. Nun ist in den beteiligten Medien davon die Rede, 2007 sei das zweitwärmste Jahr in DEUTSCHLAND gewesen. Das mag ja sein, ist aber für die Globaltemperatur völlig uninteressant. Eine sehr schöne Analyse findet sich hier: http://motls.blogspot.com/2008/01/2007-warmest-year-on-record-coldest-in.html
Die Vorhersagen der britischen Met-Office für 2008 sind noch erstaunlicher: Es soll gegenüber 2007 kälter werden. Das verbirgt sich allerdings unter der Überschrift: " Globale Temperatur 2008 - ein weiteres Top-Ten-Jahr" ( http://www.metoffice.gov.uk/corporate/pressoffice/2008/pr20080103.html ). Schöner kann man eine Abkühlung wirklich nicht verpacken. Siehe dazu auch Ulli Kulke in DIE WELT: http://www.welt.de/welt_print/article1519464/Forscher_2008_wird_das_kuehlste_Jahr_seit_2000.html. Das Ganze sieht nach einer beginnenden Schadensbegrenzung aus. Im Pazifik könnte sich die kalte Meeresströmung La Niña ( http://de.wikipedia.org/wiki/La_Niña ). zu einem Rekordereignis entwickeln. Die Fragezeichen, die dies im Hinblick auf die These von der globalen Erwärmung aufwirft, finden sich hier: http://global-warming.accuweather.com/2007/12/historic_la_nina_could_be_in_t.html . Hinzu kommt, dass die Astrophysiker schon seit längerem auf den Beginn des nächsten Sonnenzyklus warten. Derzeit zeigt die Sonne so gut wie keine Sonnenflecken ( http://wattsupwiththat.wordpress.com/2007/10/15/all-quiet-alert/ ). Längere Perioden ohne Sonnenflecken waren in der Vergangenheit meist kalte Zeiten. Bei der Nasa ziehen sie auf jeden Fall schon die Augenbrauen hoch ( http://www.spaceandscience.net/id16.html ). Wie das alles weitergeht, weiß im Ernst natürlich kein Mensch. Vielleicht wird es kälter, vielleicht wird es auch wieder wärmer, es wird wie es wird. Auf eines möchte ich hier aber dennoch hinweisen: Kein einziges der hoch gelobten Klimamodelle der Computerwissenschaftler hält eine Abkühlung oder eine Pause bei der globalen Erwärmung für möglich. Und auf Basis dieser Modelle wird im Moment die große Politik gemacht.
Aktueller Nachtrag: Der nächste Sonnenfleckenzyklus scheint begonnen zu haben. Jetzt sind alle gespannt, wie er sich entwickelt. Siehe: http://wattsupwiththat.wordpress.com/2008/01/04/solar-cycle-24-has-officially-started/ .Und hier für Klima-Interessierte noch zwei ganz allgemein interessante Interviews mit dem Klimahistoriker Wolfgang Beringer.
SR 2: http://pcast.sr-online.de/play/fragen/2007-12-24_fragen231207.mp3
Deutschlandfunk: http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2007/11/18/dlf_20071118_1706_cd164ece.mp3

03.01.2008 (mm)
VOLL DANEBEN
Auf Seite drei der WELT stand am 02.01.2008 ein höchst aufschlussreicher Artikel von Sven Felix Kellerhoff der einen Blick in die Zeitungsarchive geworfen hatte. Siehe: http://www.welt.de/welt_print/article1509104/Die_verkannte_Gefahr.html. Was prognostizierten die großen deutschen Blätter zum neuen Jahr vor 75 Jahren? 1933 brach an und bereits am 30. Januar wurde Hitler Reichskanzler. Keine der großen Zeitungen von rechts bis links hielt das zum Jahreswechsel für möglich. Im Gegenteil: Alle betonten, die NSDAP sei erschöpft und gespalten, Hitler habe seinen Zenit überschritten, die Republik sei gerettet. So kann man sich irren. Ein Artikel, der zur Bescheidenheit mahnt und zeigt, das auch große Geister (unter denen, die sich so gewaltig irrten waren z.B. Carl von Ossietzky und Theodor Wolff) nicht in die Zukunft blicken können. Zum Nachtisch empfehle ich unsere beliebte Seite mit Fehlprognosen aller Art: http://www.maxeiner-miersch.de/dumm_gelaufen.htm

31.12.2007 (dm)
WARMZEIT, EISZEIT, ENDZEIT - ANMERKUNGEN ZUR KLIMADEBATTE
Ein Beitrag der Reihe "Wegmarken" von DeutschlandRadio Kultur über die Schlagworte des Jahres. Zum Lesen: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/hintergrundpolitik/718234/
Und zum Hören:
http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2007/12/31/dlf_20071231_1840_bdb720ac.mp3

29.12.2007 (mm)
DIE NATUR SCHADET DEM KLIMA
Einige Pflanzen produzieren mehr Treibhausgase als bislang angenommen. Am Rande der Wüsten Mauretaniens gibt es wichtige, bislang unbeachtete Puzzlesteine des Klimageschehens. Hier wachsen Pflanzen, die ständig leichtflüchtige Kohlenwasserstoffe produzieren, die Chlor und Brom enthalten. Sie sind Treibhausgase. Hier ein Link zu einem Artikel darüber aus dem Hamburger Abendblatt: http://www.abendblatt.de/daten/2007/11/30/822167.html

27.12.2007 (bmu)
MEIN AUFREGER DES JAHRES: EIN PFERD!
Vor dem Berliner Hauptbahnhof steht ein Pferd. Und während ich wegfahre und wiederkomme und wieder wegfahre und wieder ankomme, steht das Pferd immer noch und weiterhin an diesem Fleck und trägt jedesmal und dauerhaft zu meiner schlechten Laune bei. Denn dieses Pferd ist ein Denkmal von kaum zu überbietender Provinzialität, wie der Berufsverband Bildender Künstler Berlins in einer wütenden Pressemitteilung vom 31. Mai erklärte. Recht hatte er. Nur: diese Presseerklärung ging im Getümmel völlig unter. Sie wurde zwar hier und da gedruckt oder zitiert, aber die öffentliche Wirkung war gleich Null. Und das ist ein noch größerer Skandal als der katastrophale Kunstgeschmack von Bahnchef Mehdorn, der das Pferd mit der ihm eigenen Selbstherrlichkeit bestellt hatte.
An dieser Skulptur hätte sich nämlich eine ästhetische Debatte entzünden können und müssen, die zu leiten und zu moderieren Sache unserer Feuilletons gewesen wäre. Doch Kunst wird in unseren Feuilletons vor allem dann zum Thema, wenn sie geraubt oder gefälscht, zerstört oder verkauft wird. Kunst, die weg ist, erscheint den Redaktionen allemal interessanter als Kunst, die da ist. So wird auch noch die letzte Zeitungszeile oder Sendeminute mit aufgeregten Berichten über Vermißtes und Verschwundenes gefüllt, aber kaum jemanden kümmert das Hauptproblem aller Kunst, nämlich die Qualität, die Unterscheidung zwischen schön und häßlich.
Das rollende Pferd von Jürgen Goertz wäre ein guter Anlaß für eine solche Diskussion gewesen. Denn sowohl die künstlerische Fragwürdigkeit dieses gigantischen Kitschobjekts als auch seine prominente Position im öffentlichen Raum schreien geradezu nach sachverständiger Kritik. Der Hauptbahnhof der Hauptstadt ist schließlich nicht irgendein Winkel, und die Deutsche Bahn AG ist nicht irgendeine Privatfirma so wie die Heidelberger Druckmaschinen AG. Dort steht ein fast identisch aussehender Metallgaul aus dem Stall des Jürgen Goertz, den vor ein paar Jahren der damalige Chef der Druckmaschinenfabrik angeschafft hat. Er hieß zufällig Hartmut Mehdorn.
Es gibt also an diesem Kunstwerk eine ganze Menge Skandalpotential, doch nichts davon hat gezündet. Nun glotzt mich diese Mißgestalt seit mehr als einem halben Jahr aus rostfreien Augen an, dieses Kreatur hilflosen Kunstwillens aus dem Geist der Einbauküche, dieses stählerner Mahnmal machtverschworener Gedanken- und Gefühllosigkeit. Ich nehme jeden Umweg in Kauf, um die Nordseite des Hauptbahnhofs zu meiden, aber was soll eigentlich die Aufregung? Als ob es auf ein ästhetisches Unglück mehr oder weniger in diesem Lande ankäme. Bloß: Wer so denkt, ist für die Kulturkritik verloren.

27.12.2007 (hmb)
DER ARMLEUCHTER ALS KANDELABER
Woran erkennt man einen Antisemiten? Die Frage klingt einfach, aber die Antwort ist ein wenig kompliziert. Denn kein Antisemit gibt sich als solcher zu erkennen, es sei denn, er trifft sich mit Gleichgesinnten in einem muffigen Hinterzimmer, um mit ihnen einen Aktionsplan gegen die jüdische Weltverschwörung (heute: die Israel-Lobby) auszuarbeiten. Nicht einmal ein abgebrochener Aktions-Künstler wie Dieter Kunzelmann, der die Deutschen von ihrem "Judenknacks" befreien wollte und der 1969 an einem missglückten Bombenanschlag auf das jüdische Gemeindehaus in Berlin beteiligt war, möchte heute als Antisemit bezeichnet werden. Dennoch gibt es ein paar verlässliche Kriterien, die eine Qualifizierung möglich machen:
- Der authentische Antisemit hat immer "jüdische Freunde", auf die er sich beruft, die er als Alibigeber bemüht. Gibt es sie wirklich, sind sie genauso gaga wie er, nur eben auf die jüdische Art, vom Selbsthass angefressen und vom Wunsch, "gute Juden" zu sein, angetrieben.
- Der authentische Antisemit kommt mit seinem eigenen Leben nicht klar, ist in neun von zehn Fällen eine gescheiterte Existenz, will aber die Welt vor der jüdischen Gefahr retten, ersatzweise den Nahostkonflikt lösen, an dem natürlich nur die "Zionisten" schuld sind, weil sie die "Palästinenser" aus ihrer Heimat vertrieben haben.
Er spricht gerne von einem "Völkermord", übersieht dabei aber, dass es sich um den einzigen "Völkermord" der Geschichte handelt, dessen lebende Population sich mindestens verfünffacht hat. Er kann den Dativ nicht vom Genitiv und Transjordanien nicht von Cisjordanien unterscheiden, weiß aber genau, dass den "Palästinensern" nur 22% von "Palästina" übrig geblieben sind, die ihnen jetzt auch noch streitig gemacht werden. Er hat keine Ahnung, wo Tschetschenien liegt, was im Sudan passiert und wie viele Moslems von Moslems in den letzten Wochen im Irak und in Algerien massakriert wurden, denn das einzige, das ihn interessiert, sind die "Verbrechen der Zionisten".
Mehr noch: Er ist davon überzeugt, der einzige zu sein, der "unbequeme Wahrheiten" unter das Volk bringt, die ohne seine selbstlose Hingabe ungesagt blieben, ein Armleuchter, der davon träumt, als Kandelaber anerkannt zu werden, denn labern, das kann er.
- Der authentische Antisemit würde gerne seinen inneren Schweinehund von der Leine lassen und "Juda verrecke!" rufen, weil das aber nicht geht, findet er es ersatzweise "verständlich", dass palästineneische "Märtyrer" Linienbusse in die Luft jagen und dass Sderot von Gaza aus mit Raketen beschossen wird, denn die Palästinenser handeln ja nur aus Notwehr. Und das ist es auch, was den authentischen Antisemiten ausmacht: Er setzt sich zur Wehr. Das ganze Dritte Reich war eine große Notwehrmaßnahme der Nazis gegen die Juden, die den Deutschen den Krieg erklärt hatten. Der authentische Antisemit fühlt sich verfolgt, er ist das Jagdopfer sinister Mächte, die ihn mundtot machen wollen. Was immer er unternimmt, dient nur der Selbstverteidigung. Er klebt an dem Juden wie Rotz an der Backe, schreibt aber: "Der Jude lässt mich nicht los!" Der Jude ist grundsätzlich der Aggressor. Er hat "angefangen", einfach deswegen, weil er da ist und er sich nicht aus der Geschichte verpissen möchte. Deswegen solidarisiert sich der authentische Antisemit am liebsten mit den Palästinensern (und nicht mit den Moslems in Darfur), denn die sind, wie er, die Opfer der Juden bzw. Zionisten. Und nichts bringt den authentischen Antisemiten dermaßen auf die Palme wie der Vorwurf, dass er ein Antisemit ist. Denn er meint es gut mit den Juden - unter einer Voraussetzung: Sie müssen schon lange tot sein.

20.12.2007 (mm)
PUTIN KAMPFSCHLUMPF
Die Redaktion von NDR Extra 3 hat sich mal wieder selbst übertroffen. Dieser Videoclip ist einfach Spitze: http://www.youtube.com/watch?v=7DT-iWY44-k

19.12.2007 (hmb)
ARMUT AUF RATEN
Lange nix mehr über Kinderarmut in Deutschland gehört oder gelesen. Bis Fakt (MDR) letzten Montag über einen besonders erschütternden Fall berichtete. Max, 3 Jahre, geht gerne in den Kindergarten; das Jugendamt zahlt für die Betreuung, aber die Eltern können sich die 25.- Euro monatlich für die Verpflegung nicht leisten, also melden sie den Jungen im Kindergarten ab. Jetzt hockt Max in seinem Kinderzimmer und schaut von morgens bis abends fern. Er hat nämlich einen eigenen Fernseher; der stand früher im Wohnzimmer, jetzt steht dort ein Plasma-Flachbildschirm, den sich Maxens Eltern auf Raten gekauft haben. Beide sind noch nicht sehr alt, aber seit langem arbeitslos. Und weil sie den ganzen Tag daheim verbringen, brauchen sie natürlich einen großen Plasma-Flachbildschirm mit guter Bildauflösung. Sie drehen jeden Euro zweimal um, bevor sie ihn ausgeben. Zum Monatsende ist der Eisschrank leer. Allerdings: Für Zigaretten geben sie jeden Monat 1oo.- Euro aus, das Vierfache des Betrags, den Maxens Essen im Kindergarten kosten würde.
Fakt hat schon einmal über Max berichtet. Der Bericht hat viele Zuschauer aufgewühlt. Sie möchten, dass Max wieder in den Kindergarten gehen kann und bieten ihre Hilfe an. Maxens Eltern sind gerührt, Max ist glücklich. Während er mit anderen Kindern spielt, sitzen seine Eltern zu Hause vor dem Plasma-Flachbildschirm und rauchen. Und die Leute von Fakt feiern sich selber, als hätten sie den Klassenfeind in die Flucht geschlagen.
Das ist in der Tat ein besonders schlimmer Fall von Kinderarmut. Man sollte den Fakt-Bericht über Deutsche Welle TV in Afrika und Asien ausstrahlen, damit in Bangladesch und Zimbabwe für Not leidende deutsche Kinder gesammelt wird. Und für deren Eltern, die am liebsten Berichte über Armut in Deutschland auf ihrem Plasma-Flachbildschirm sehen, den sie ihren Kindern vom Mund abgespart haben.
Und hier die ganze Oper im Original:
http://www.mdr.de/fakt/4865312-hintergrund-5099689.html
http://www.mdr.de/fakt/5099689.html

08.12.2007 (bmu)
KULTUR, ENQUÊTE UND KNIEBEUGEN
Es gibt kaum einen Politiker, der sagt, er sei gegen die Kulturförderung, sie solle gekürzt und das Geld lieber anderswie verwendet werden. Hingegen fordert jeder Politiker das Gegenteil und wird nicht müde, die Bedeutung der Kultur hervorzuheben und sich für ihre Finanzierung, nein: für die nachhaltige Sicherstellung ihrer Finanzierung, nein: für die Verstärkung und Erhöhung ihrer Finanzierung einzusetzen. Kultur ist also etwas, worüber sich alle prinzipiell einig sind. Das macht die Arbeit der parlamentarischen Enquête-Kommission zum Thema kultur außerordentlich streßarm und erfreulich.
Das macht sie aber auch verdächtig. Denn jede Art der Politisierung von Kultur führt weg von dem, was Kultur eigentlich ist. Kultur ist nämlich keine staatliche Veranstaltung und auch kein öffentlicher Dienst. Es stimmt zwar, daß ein guter Staat auch die Kultur fördert und schützt, aber wie das genau auszusehen habe, läßt sich gar nicht einfach bestimmen. Kultur ist eben nicht etwas, über das Lieferverträge abgeschlossen werden können, deren Erfüllung dann von irgend einer Stelle zu überwachen wäre. Kultur ist die gesamte geistige Befindlichkeit eines Volks oder einer Gesellschaft.
Deswegen muß man skeptisch sein, wenn sich Politiker wohlmeinend über die Kultur beugen und einen Bericht von 1200 Seiten schreiben. Man kann von Glück reden, daß es nicht 12 000 geworden sind, so groß wie die Begeisterung der Beteiligten für die Kultur mit großem K ist. Da findet sich unter insgesamt 460 Handlungsempfehlungen der alte Plan, Kultur als sogenanntes Staatsziel ins Grundgesetz aufzunehmen; außerdem wird die Gründung einer Bundeszentrale für kulturelle Bildung angeregt sowie ein Wettbewerb um den originellen Titel "Kulturstadt Deutschland" vorgeschlagen. Alles völlig überflüssige Projekte, die von administrativer Kraftmeierei geprägt sind.
Aber man braucht in Deutschland nur "Kultur" zu sagen - und schon ist jeder dafür. Und so herrscht nicht nur Einigkeit unter Politikern, sondern auch in der Öffentlichkeit. Wer einer Enquête-Kommission zum Thema Kultur angehört, kann sicher sein, mit seinen Forderungen breite Zustimmung zu ernten. Übrigens besteht die Enquête-Kommission - in genauer Verkehrung der sonstigen Verhältnisse im Bundestag - zu zwei Dritteln aus Frauen. Noch eine feine Sache, die man nicht kritisieren möchte.

08.12.2007 (mm)
WIEVIELE MÜSSEN STERBEN, BIS SICH EIN BÜROKRAT BEWEGT?
Der Bann des Insektizids DDT ist eines der düstersten Kapitel der Geschichte der Umweltbewegung. Das Mittel wurde nämlich nicht nur in der Landwirtschaft eingesetzt (wo es tatsächlich umweltschädlich ist), sondern auch in der Malaria-Bekämpfung. Es tötet Anophelesmücken, die die Fieberkrankheit übertragen. Nachdem die Malaria in vielen Ländern dank DDT fast ausgerottet oder stark rückläufig war, explodierten die Krankheitsfälle wieder. Heute leiden weltweit wieder rund 500 Millionen Menschen an Malaria und etwas eine Million stirbt pro Jahr daran. Dies markiert wohl den größten Sündenfall der Umweltbewegung.
Das Umwelt Bundesamt hat das natürlich auch mitbekommen. In einem Papier versuchen die dortigen Beamten ihre Öko-Ideologie und die Gebote der Menschlichkeit mit allerlei argumentativen Verrenkungen zu verknüpfen. Lesen Sie selbst:
http://www.umweltbundesamt.de/uba-info-presse/hintergrund/kampf_gegen_Malaria.pdf.

15.11.2007 (mm)
DAS ENDE DER AUFKLÄRUNG - JETZT AMTLICH
"Auch gefühlte Risiken erfordern staatliches Handeln," heißt es in einer Presserklärung des Bundesinstituts für Risikobewertung (Dank an W.L. für den Hinweis). Siehe: http://www.bfr.bund.de/cd/10261. Anstatt man die Menschen aufklärt, sollen also Impfgegner, Homöopathen und Feng-Shui-Meister als vollwertige Experten anerkannt werden, die eine andere aber ebenso wertvolle Sicht der Dinge zum Risikodiskurs beitragen. Es reicht, wenn einer aufsteht und sagt: "Ich habe Angst". Und schon ist unsere politische Kaste zu jedem irrationalen Unsinn bereit, weil auf jegliche Gefühle Rücksicht genommen werden muss. Ein Glück, dass es Eisenbahnen, Flugzeuge, Antibiotika und Computer schon gibt. Heute hätten diese Risiko-Technologien keine Chance mehr. Zwei Zitate aus der Presseerklärung:
"...Auch wenn aus wissenschaftlicher Sicht ein gesundheitliches Risiko bei Lebensmitteln oder Produkten klein ist, kann der Staat zum Handeln gezwungen sein, weil das Risiko in der Öffentlichkeit als groß empfunden wird. Darüber waren sich die rund 200 Teilnehmer an einer Veranstaltung einig, zu der das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) aus Anlass seines 5-jährigen Bestehens nach Berlin geladen hatte." ... "Gefühlte, also nicht wissenschaftlich begründete Risiken gehören zum gesellschaftlichen Leben und prägen das Verhalten der Menschen im Alltag. Für die Politik sind sie real und dürfen nicht ignoriert werden. Um Krisen zu vermeiden, ist deshalb auch bei einem gefühlten Risiko staatliches Handeln nötig. Eine offene und verständliche Risikokommunikation, welche die Position der Wissenschaft auf der einen und die Positionen der verschiedenen Stakeholder auf der anderen Seite in die Diskussion eines Risikos einbezieht, ist hierbei von zentraler Bedeutung."

15.11.2007 (mm)
SKANDAL: HAMBURGER CHIRURG VERKLEINERT CHINESINNEN DIE FÜSSE
Für 3000,- Euro schneidet ein Hamburger Chirurg in Deutschland lebenden Chinesinnen Knochen und Gewebeteile von den Füßen ab, um diese zu verkleinern. Leider ist die chinesische Unsitte, nur Frauen mit sehr kleinen Füßen schön zu finden, immer noch nicht ausgestorben. Gerade reiche Chinesen im Ausland bestehen auf dieses weibliche Merkmal, und fordern die Fußkorrektur von ihren zukünftigen Frauen. Der Hamburger Chirurg plädiert für Toleranz gegenüber dieser uralten Tradition. Er schreibt: "Die Fußgröße hat in asiatischen Kulturen eine besondere Bedeutung. Eine Diskussion über deren Wert sollte tolerant geführt werden, unter Anerkennung unterschiedlicher kultureller Sichtweisen. Die chirurgische Verkleinerung der Füße sollte eine individuelle Entscheidung bleiben."
Das ist natürlich alles erlogen. Dies gibt es jedoch wirklich: http://www.intim-op.de/ . Klicken Sie sich durch zum Angebot "Wiederaufbau des Jungfernhäutchens". Dort argumentiert der verständnisvolle Chirurg für seinen 3000-Euro-Service folgendermaßen: "...Die Entjungferung wird in vielen Kulturen als besonderes Ereignis angesehen. Eine Diskussion über deren Wert sollte tolerant geführt werden, unter Anerkennung unterschiedlicher kultureller Sichtweisen. Auch ein Wiederaufbau (des Hymens, MM), der möglich ist, sollte eine individuelle Entscheidung bleiben." Achgut.de-Gastautorin Antje Sievers (die dieses multikulturelle Angebot in der Hamburger U-Bahn entdeckte) kommentiert: "Und bei dieser individuellen Entscheidung helfen die Eltern, die Schwiegereltern, der Stamm, die Tradition, die Kultur, der Islam und der gute deutsche Onkel Doktor für zeitgemäße Muschikorrektur."

01.11.2007 (dm)
ERINNERUNGEN AN DIE ZUKUNFT
Der Tag ist zwar schon fast vorbei, aber gerade darum eine kleine Erinnerung. Heute vor 127 Jahren wurde Alfred Wegener geboren. Als sein wichtigster Beitrag zur Wissenschaft gilt seine erst postum anerkannte Theorie der Kontinentalverschiebung, die zu einer wesentlichen Grundlage für das heutige Modell der Plattentektonik geworden ist. Die damalige herrschende Wissenschaftselite sprach von "Fieberfantasien der von Krustendrehkrankheit und Polschubseuche schwer Befallenen". In Deutschland lehnten die damals massgeblichen Geologen seine bahnbrechende Idee unisono ab. Wegener meinte nur: "Die Leute, die so recht darauf pochen, auf dem Boden der Tatsachen zu stehen und mit Hypothesen durchaus nichts zu tun haben wollen, sitzen doch allemal selbst mit einer falschen Hypothese drin".
Der geschätzte Lubos Moti schreibt dazu:"One obvious lesson is that consensus doesn't mean anything in science. Another, more technical but still general lesson is that whenever we observe some patterns that include far too many arbitrary choices, we should always ask whether this complexity has been evolving. Things change, even without any intervention from us humans. Wegener's wisdom about continents was very analogous to Darwin's wisdom about evolving species that was formulated half a century earlier. Nevertheless, it was still hard for most people to swallow. Are we doing a similar error in another discipline today?
Well, it is probably obvious where I am going. The convoluted properties of the particle spectrum we observe may also be a result of some historical evolution, as eternal inflation combined with the landscape may suggest. But it doesn't have to be so. And even if it is so, the mathematics that controls such an evolution might be much more unique and calculable than its genetic and continental counterparts."

7.10.2007 (dm)
SCHON WIEDER EINE UMBEQUEME WAHRHEIT
Bei der Frankfurter Allgemeinen tobt eine heftige Netz-Debatte, seit die Sonntagsausgabe mit einem Mythos aufräumte: Dem von der klimafreundlichen Bahn. Siehe:http://www.faz.net/s/RubC5406E1142284FB6BB79CE581A20766E/Doc~EFE4E95B178C943B7B542496821A7DB9B~ATpl~Ecommon~Scontent.html. Einsame Spitze in Sachen Energieeffizienz ist der Fernbus, aber die Bahnlobby verhindert mehr Konzessionen für den Linienverkehr. Ich bin schon immer gerne Bahn gefahren, allerdings aus den falschen Gründen: Es gibt nix schöneres als von Augsburg nach Berlin entlang der Saale zu kurven und im Speisesaal zu sitzen, ein Schnitzel und einen Rotwein vor sich. Und das bleibt auch so, Klima hin, Klima her.