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Spezialausgabe der FROHEN BOTSCHAFT zum Erscheinen des Buches
Biokost & Ökokult – Welches Essen ist wirklich gut für uns und unsere
Umwelt
(Piper Verlag).
Das folgende Interview mit Professor Norman Borlaug bildet das 14.
Kapitel des Buches. Es dokumentiert eine Art zu denken, die in den
westlichen Ländern immer seltener wird: Fortschrittsoptimismus.
Während das stetige Lamento über die Globalisierung und die
Umwälzungen der Moderne Konservative, Grüne und Teile der Linken
vereint, spucken Menschen wie Borlaug in die Hände und fragen, wie man
die Welt besser machen kann. Dass es möglich ist, hat dieser Mann zur
Genüge bewiesen.
Doch während jedes Schulkind die Namen der Massenmörder des 20.
Jahrhunderts lernt, ist der Name Borlaug in Europa so gut wie
unbekannt. Und selbst in seiner Heimat, den Vereinigten Staaten, ist
er nicht sonderlich prominent. Dabei hat wohl kein Mensch mehr Leben
gerettet als Borlaug und seine Mitstreiter in der „Grünen Revolution“.
Sie entwickelten in den fünfziger und sechziger Jahren bessere
Anbaumethoden und neue Getreidesorten für die Bauern der Welt. Seit
sie eingeführt wurden blieben die früher üblichen großen Hungersnöte
in Asien aus. Millionen Menschen, die sonst verhungert wären, hatten
zu essen. Heute erklärt die UN, dass keine der Hungersnöte jüngerer
Zeit (die in Afrika stattfanden) an Nahrungsmittelmangel lag, sondern
alle durch Kriege oder die politische Entscheidungen unfähiger
Regierungen ausgelöst wurden.
Norman Borlaug erhielt 57 Ehrendoktortitel und ist Mitglied der
Wissenschaftsakademien von 12 Nationen. Ihm wurden 32 Preise für seine
Verdienste in Wissenschaft, Landwirtschaft und Entwicklungshilfe
verliehen, zuletzt im Jahr 2007 die Goldmedaille des US-Kongresses.
1970 erhielt er für seinen Beitrag zur Grünen Revolution den
Friedensnobelpreis.
Borlaug wurde 1914 geboren und wuchs auf einer kleinen Farm in Iowa
auf. Dort besuchte er eine ländliche Volksschule mit einem einzigen
Klassenzimmer für alle. Als junger Mann hielt er sich mit schlecht
bezahlten Jobs über Wasser. Ein Studium konnte er sich nur leisten,
weil die Universität ihn wegen seiner sportlichen Leistungen
unterstützte (er war ein erfolgreicher Ringer). Mit Hilfe der
Rockefeller Stiftung kam er an ein agrarbotanisches Forschungsinstitut
in Mexiko, wo er im Team mit anderen bessere Weizensorten entwickelte.
Borlaugs Stärke war, verschiedene Stränge der Forschung
zusammenzuführen, damit anwendbare Ergebnisse für die Bauern dabei
herauskommen. Die neuen mexikanischen Hochertragssorten führten in
Indien zur Erhöhung der Weizenernte von 12 auf 76 Millionen Tonnen in
vier Jahrzehnten, in Pakistan von 4,5 auf 21 Millionen Tonnen. Sie
werden heute auf achtzig Millionen Hektar weltweit angebaut. Seit den
achtziger Jahren engagiert sich Borlaug besonders für die
Weiterentwicklung der afrikanischen Landwirtschaft. In der Grünen
Gentechnik sieht er die konsequente Weiterführung dessen, was er uns
seine Kollegen mit der Grünen Revolution begonnen haben.
FRAGE: Professor Borlaug, Sie sind über 90 Jahre alt und blicken auf
ein aktives Leben zurück. Genießen Sie Ihren Ruhestand?
BORLAUG: Ich bin kein Rentner. Ich bin immer noch beruflich aktiv, als
Professor, als Forschungsleiter und als Vorsitzender einer privaten
Organisation, die sich für den Ausbau der Landwirtschaft in Afrika
einsetzt.
FRAGE: Sie haben ein Leben lang gegen Hunger und Armut gekämpft. Immer
noch steht 850 Millionen Menschen nicht genügend Nahrung zur
Verfügung. Ist die Grüne Revolution gescheitert?
BORLAUG: 1960 waren vierzig Prozent der Menschheit unterernährt. Wäre
es bei dieser Relation geblieben, hätten heute über zwei Milliarden
Menschen nicht genug zu essen. Die Grüne Revolution hat die Produktion
innerhalb von vierzig Jahren verdreifacht. Dadurch sank der
durchschnittliche Preis für Getreide um die Hälfte. Heute sind 17
Prozent der Menschheit unterernährt. Das ist weiterhin eine Schande,
besonders weil wir die technischen Möglichkeiten und die finanziellen
Mittel haben, diese Plage ganz abzuschaffen.
FRAGE: Was läuft falsch? Warum gibt es immer noch Hunger auf der Welt?
BORLAUG: Es fehlt der politische Wille. Viele Führer in armen Staaten
ignorieren die Nöte der Landbevölkerung, obwohl ihre Länder ganz
überwiegend Agrarländer sind. In den reichen Ländern sinkt der Anteil
der Entwicklungshilfe am Inlandsprodukt seit drei Jahrzehnten stetig.
In relativen Zahlen gerechnet rangieren die USA auf einem der
untersten Plätze bei den OECD-Staaten. Unsere Regierung steckt
zwanzig Milliarden Dollar in die Entwicklungshilfe und 500 Milliarden
ins Militär. Das sind 56 Prozent der weltweiten Militärausgaben.
FRAGE: Wer genau hungert heutzutage?
BORLAUG: Das UN Millenium Development Project geht von 850 Millionen
Hungrigen aus. Die Hälfte davon sind Bauern in abgelegenen Gebieten
mit schlechten natürlichen Bedingungen. Zwanzig Prozent sind Hirten
und Fischer. Ebenfalls zirka zwanzig Prozent sind Landlose
Kleinbauern, hauptsächlich in den bevölkerungsreichen Ländern Asiens.
Der Rest sind städtische Arme. Also lebt die große Mehrzahl der
unterernährten Menschen in irgendeiner Form von Landwirtschaft. Und
dennoch haben Regierungen und internationale Organisationen ihre
Investitionen in Agrarforschung stetig gekürzt. Auch für Infrastruktur
und Agrar-Dienstleistungen wird immer weniger ausgegeben.
FRAGE: Kommt die Globalisierung diesen Ärmsten der Armen eher zu Gute
oder im Gegenteil?
BORLAUG: Das Mantra der Globalisierung und derer, die so verliebt in
privatwirtschaftliche Lösungen für alles sind, lautet: Die Märkte
werden es richten. Die Märkte können aber nicht alle Probleme lösen.
Dringend gebraucht werden auch kluge öffentliche Investitionen in die
landwirtschaftliche Wertschöpfungskette. In Äthiopien wohnen zwei
Drittel der Bevölkerung mehr als einen halben Tagesmarsch entfernt von
einer brauchbaren Straße. Wie können sie am Weltmarkt teilnehmen?
Wegen solcher kurzsichtigen Ideologien gibt es immer noch Hunger auf
der Welt.
FRAGE: Macht nicht auch das schnelle Bevölkerungswachstum in einigen
Ländern die Erfolge zunichte?
BORLAUG: Rein technisch ist es möglich eine Weltbevölkerung von zehn
Milliarden zu ernähren. Bevölkerungsexplosionen in Entwicklungsländern
verringern die Möglichkeiten von Regierungen sich ausreichend um das
Notwendigste zu kümmern, um Wasserversorgung, Schulen, Krankenhäuser,
Elektrizität. Acht von zehn Babys, die in diese Welt geboren werden,
beginnen ihr Leben in Armut, in einer Familie, die ihnen oftmals nicht
die Ernährung und Pflege bieten kann, die sie für eine gesunde
Entwicklung von Geist und Körper brauchen. Also ja, das was ich das
‚Bevölkerungsmonster’ nenne ist ein ernstes Problem für die
menschliche Entwicklung und die Umwelt.
FRAGE: Manche Umwelt-Aktivisten sagen, dass steigender Wohlstand die
Situation verschlechtert. Geben Sie ihnen recht?
BORLAUG: In den reichen Ländern ging die Umweltverschmutzung zurück.
Die großen Umweltschäden von heute passieren in den armen, ländlichen
Gegenden der Entwicklungsländer. Dort wird in alarmierendem Ausmaß
Wald gerodet, Boden ausgelaugt und Wasser verschmutzt. Analphabetismus
ist ein Riesenproblem. Es ist erwiesen, dass die schulische Ausbildung
von Mädchen die Geburtenraten senkt. Der reichen Länder sollten in die
Grundschulen der armen Länder investieren, nicht aus Wohltätigkeit
sondern aus Eigeninteresse.
FRAGE: Die UN hat das Ziel gesetzt, die Zahl der unterernährten
Menschen bis zum Jahr 2015 zu halbieren. Ist das realistisch?
BORLAUG: Ja und nein. Technisch ist es möglich, politisch sehr
unwahrscheinlich – in einer Welt, die eine Billion Dollar ins Militär
pumpt und nur 50 Milliarden in staatliche Entwicklungshilfe.
FRAGE: Was wäre die beste Strategie dieses Ziel zu erreichen?
BORLAUG: Wir müssen in randständige ländliche Gegende investieren.
Besonders dringend werden Straßen, Wassermanagement und Agrarforschung
benötigt. Wir brauchen wissenschaftlichen Fortschritt inklusive
Biotechnologie. Wir brauchen Regierungen, insbesondere in Afrika, die
bereit sind wenigstens zehn Prozent ihres Haushaltes in die
Entwicklung ländlicher Räume zu investieren. Wir brauchen OECD-Länder,
die wenigstens 0,7 Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes für
Entwicklungshilfe ausgeben. Und wir brauchen in den
Entwicklungsländern Politiker und Staatsbeamte die ihrer Bevölkerung
rechenschaftspflichtig sind für das Geld, dass ihnen anvertraut wurde.
FRAGE: Wie könnte denn so eine Rechenschaftspflicht erreicht werden?
BORLAUG: Entwicklungshilfe sollte viel stärker an Leistungsstandards
gekoppelt werden. Wenn Regierungen messbare Fortschritte erreichen,
zum Beispiel im Hinblick auf die Millennium Development Ziele, sollten
sie mit mehr Entwicklungshilfe belohnt werden. Ein System von
Zuckerbrot und Peitsche wäre hilfreich. Das Prüfverfahren, das einige
Staatschefs im der New Partnership for African Development (NERPAD)
eingeführt haben ist ein Beispiel für bessere Regierungsarbeit.
Demokratische Wahlen sind wichtig, denn dann sind die Regierungen den
Wählern rechenschaftspflichtig. Mehr ökonomische Freiheit ist auch ein
Weg zu mehr Rechenschaft, denn der Markt bestraft und belohnt. Und
schließlich gibt es die neuen Möglichkeiten der
Informationstechnologie. Durch sie können Daten über die erreichten
Erfolge und Misserfolge viel schneller an die Planer und die Geldgeber
gelangen.
FRAGE: Warum haben Sie sich in den letzten Jahren speziell auf Afrika
konzentriert?
BORLAUG: Afrikas Landwirtschaft hat ein hohes Potenzial, weil es das
ganze Jahr über nie richtig kalt ist und an vielen Tagen die Sonne
scheint. Die Wasservorräte sind auch erheblich, sie müssten nur besser
entwickelt werden. Und es ist noch viel Land vorhanden, das zusätzlich
kultiviert werden könnte. Doch das Potenzial Afrikas wird
vernachlässigt. So extrem vernachlässigt, dass die Nahrungssicherheit
in den vergangenen dreißig Jahren abgenommen hat und die
Umweltzerstörung zunimmt. In relativen Zahlen gibt es nirgends mehr
hungrige Menschen als in Afrika südlich der Sahara (in absoluten
Zahlen sind es in Asien mehr). Afrika braucht dringend eine technische
Revolution in der Landwirtschaft. Es wird wirtschaftlich nicht bergauf
gehen, wenn nicht zuerst die Landwirtschaft in die Gänge kommt. Die
Landbevölkerung leidet unter Krankheiten, Tierseuchen und ausgelaugten
Böden. Die Wasservorräte, die Infrastruktur und speziell die Straßen
und die Energieversorgung sind furchtbar unterentwickelt. Afrika
braucht einen Marshallplan. Wenn es einen bekommen würde, könnte es in
zwanzig Jahren wie verwandelt sein. Die alten Schulden an OECD-Länder
und internationale Organisationen sollten erlassen werden und die
Entwicklungshilfe verdoppelt. Aber all das wird nicht ausreichen, wenn
nicht die afrikanischen Regierungen selbst besser handeln als in der
Vergangenheit.
FRAGE: Kommen wir mal vom Thema „Entwicklung“ zum Thema „Umwelt“. Die
Grüne Revolution hat zu höheren Erträgen geführt. Aber der Preis waren
Monokulturen und der Einsatz von mehr Agrarchemikalien.
BORLAUG: Als ich vor 92 Jahren geboren wurde, lebten 1,6 Milliarden
Menschen auf der Welt. Nun sind es 6,5 Milliarden und jedes Jahr
kommen 75 Millionen neue Erdenbürger hinzu, die Essen wollen. Wir
können die Uhr nicht zurückdrehen. Mit der Agrartechnik die 1950
üblich war und die ziemlich dem Bio-Landbau von heute entspricht,
bräuchten wir 1,1 Milliarden Hektar Ackerfläche mehr, um die 2,2
Milliarden Tonnen Getreide zu erzeugen, die 70 Prozent der
Welternährung sicherstellen. Durch Wissenschaft und Technik haben wir
den Ertrag pro Hektar in fünfzig Jahren verdreifacht. Durch diesen
Erfolg musste das Ackerland in gleichen Zeitraum nur um zehn Prozent
ausgeweitet werden. Was wäre mit den Wäldern, den Steppen den
Wildtieren geschehen ohne diesen wissenschaftlichen Fortschritt? Alles
wäre unter den Pflug gekommen, um das nötige Getreide zu produzieren.
FRAGE: Wäre Bio-Landbau nicht besser für den Planeten?
BORLAUG: Unsinn. Das hieße, dass wir den Nutztierbestand verfünffachen
oder versechsfachen müssten, um den notwenigen Dünger zu gewinnen, den
wir für die Ackerböden brauchen. Der Pflanze ist es schnurz egal, ob
der Stickstoff den sie braucht, aus dem Sack mit Kunstdünger kommt
oder aus dem Kuhstall. Ohne Kunstdünger könnte die Landwirtschaft
weltweit nur 2,5 bis drei Milliarden Menschen ernähren. Das bedeutet,
die Hälfte der Menschheit müsste sterben. Ich frage mich, wo die
Freiwilligen dafür herkommen sollen?
FRAGE: Was halten Sie von der Grünen Gentechnik? Es ist doch gegen die
Natur Gene von unterschiedlichen Arten zu kombinieren.
BORLAUG: Mutter Natur ist Gentechnikerin. Sie hat nur Jahrtausende und
länger gebraucht, um die Kreuzungen durchzuführen. Es ist nicht
unnatürliches dabei, wenn man Gene zwischen taxonomischen Gruppen
bewegt. Nach zehn Jahren kommerziellem Anbau von gentechnisch
veränderten Pflanzen, gibt es keinen nachgewiesenen Schadensfall, der
durch diese Technologie hervorgerufen wurde. Das ist ein erstaunlicher
Sicherheitsrekord, speziell für eine neue Technologie. Stellen sie
sich vor in den ersten zehn Jahren der Fliegerei hätte es keine
Unfälle gegeben. Das Problem ist, dass die Reichen und Verwöhnten eine
Null-Risiko-Gesellschaft wollen. Aber es gibt kein Null-Risiko in der
biologischen Welt. Wir sollten aufhören so überängstlich zu sein.
FRAGE: Aber es sind doch hauptsächlich die großen Agro-Konzerne, die
von der Gentechnik profitieren, weil die Bauern die patentierten Samen
immer wieder neu kaufen müssen.
BORLAUG: Nein. Wir hätten nicht 102 Millionen Hektar Ackerland mit
gentechnisch veränderten Pflanzen auf der Welt, wenn die Bauern keinen
Vorteil davon hätten. Ich mache mir aber auch Sorgen über die mögliche
Konzentration von Besitzrechten an Pflanzensorten in den Händen
relativ weniger Firmen. Wir brauchen mehr gemeinnützige Forschung,
damit dies nicht so kommt.
FRAGE: Wie beurteilen sie das Restrisiko, dass gentechnisch veränderte
Lebensmittel sich doch als gesundheitsschädlich herausstellen?
BORLAUG: Möglich ist alles. Ist es wahrscheinlich? Nein. Wenn es
passiert werden die Anwälte ein Fest feiern.
FRAGE: Und was ist mit dem Umwelt-Risiko? Zum Beispiel könnte eine der
veränderten Pflanzen sich unkontrolliert vermehren, ihre Samen
ausstreuen und überall gedeihen, wo man sie nicht haben will.
BORLAUG: Noch mehr Paranoia. Noch mehr Suche nach der perfekten,
risikolosen Welt. Absoluter Quatsch.
FRAGE: Einige der neuen Sorten enthalten ein Bakterien-Gen, das sie
vor Schadinsekten schützt. Das wird vermutlich zur der Entwicklung von
Insekten führen, die gegen das Bakterium resistent sind. Was halten
Sie von dieser Gefahr?
BORLAUG: Natürlich werden immer sinnvolle Regelsysteme und
Wissenschaft gebraucht. Bisher wurde das auch erreicht. Die
natürlichen Feinde unserer Nutzpflanzen unterliegend der Evolution.
Das ist eine Grundbedingung der Pflanzenzucht, egal ob mit Gentechnik
oder ohne. Wenn man nicht schneller ist als sie, bekommen sie die
Oberhand. Es gibt immer die Möglichkeit, das Insekten und
Krankheitskeime sich verändern und die Pflanze erneut angreifen.
Folglich sind neue Genkombinationen und die Erweiterung des
genetischen Spektrums wichtige Instrumente eines dauerhaften
Pflanzenschutzes. Bei den besagten Pflanzen mit den eingebauten
Eigenschaften des BT-Bakteriums, wurden mehrere Gene aufeinander
‘gestapelt‘, so dass die Widerstandkraft der Pflanze erheblich zunahm.
Weitere neue Kombinationen der BT-Gene werden in Zukunft notwendig
sein, um die mutierenden Insekten in Schach zu halten. Außerdem ist es
wichtig, dass zwischen den Feldern auch weiterhin Flächen mit den
alten Pflanzensorten angebaut werden, damit kein evolutionärer Druck
auf die Schadinsekten entsteht, bessere ‘Waffen‘ zu entwickeln.
FRAGE: Was werden die nächsten Entwicklungen der Grünen Gentechnik
sein?
BORLAUG: Die nächste Generation von gentechnisch veränderten Pflanzen
wird verbesserte Nährstoffgehalte haben, zum Beispiel weniger
Cholesterin, mehr Mineralstoffe und Vitamine. Diese Pflanzen stehen
kurz vor der kommerziellen Anwendung. Dann folgen solche, die besser
mit klimatischem Stress klarkommen (inklusive solchem, der durch
globale Erwärmung entstehen könnte). Das heißt konkret:
Verträglichkeit gegenüber Hitze, Kälte, Salzböden und Dürren. Diese
Sorten sind noch etwas zehn Jahre von der kommerziellen Anwendbarkeit
entfernt.
FRAGE: Und welche Eigenschaften werden aus Ihrer Sicht am dringendsten
gebraucht?
BORLAUG: Die Funktionen, die ich eben genannt habe, wie
Dürre-Resistenz, werden dringend gebraucht. Entwicklungsländer
benötigen solche verbesserten Sorten, damit der jährliche Ernteertrag
verlässlicher wird. Die BT-Baumwolle ist ein großer Segen für die
Baumwolle produzierenden Länder. Sie senkt die Kosten, verringert die
Umweltbelastung und ist besser für die Gesundheit der Bauern, weil sie
weniger Pestizide einsetzen müssen. Sorten die trotz agroklimatischen
Stressbedingungen die Nährstoffe des Bodens besser aufnehmen würden
die Notwendigkeit es Düngens reduzieren. Wenn es gelingt, solche
Pflanzen zu entwickeln, wäre das ein Riesendurchbruch und sicherlich
ein großer Erfolg. Beständigkeit gegen Dürre, Hitze und Salzböden
würde in erster Linie den Kleinbauern zugute kommen, die unter
schlechten Bedingungen arbeiten müssen und heute am stärksten von
Mangelernährung betroffen sind. Verbesserte Nährstoffeigenschaften
haben auch ein hohes Potenzial, aber die Verbraucher in den reichen
Ländern werden sie teilweise ablehnen.
FRAGE: Können sie erklären warum viele Westeuropäer so ängstlich
gegenüber der Grünen Gentechnik sind, und die Amerikaner die Sache
viel cooler nehmen?
BORLAUG: Im Jahr 2000 habe ich an einem europäisch-amerikanischen
Biotechnology Consultative Forum mitgearbeitet, das von Präsident
Clinton und Herrn Prodi, dem Präsidenten der Europäischen Kommission,
ernannt worden war. Es sollte das ganze Spektrum von Themen
untersuchen, die dazu geführt haben, dass auf beiden Seiten des
Atlantiks so unterschiedlich über Grüne Gentechnik gedacht wird. Es
gab in dem Gremium Meinungsverschiedenheiten über Regeln und Gesetze
und die Notwendigkeit einer Kennzeichnungspflicht. Aber die meisten
der zwanzig Experten aus Europa und Amerika waren sich einig, dass die
Grüne Gentechnik zu bedeutenden Fortschritten im 21. Jahrhundert
führen werde. Die angesehensten Akademien Nordamerikas und Europas,
inklusive des Vatikan, haben erklärt, dass sie die Grüne Gentechnik
begrüßen, weil dadurch die Verfügbarkeit und Qualität von
Nahrungsmitteln verbessert wird.
FRAGE: Das sind die Wissenschaftler, aber im Rest der europäischen
Gesellschaft sind die Vorbehalte doch erheblich.
BORLAUG: Es gab schon immer Menschen, die sich gegen den Fortschritt
stellten. Überraschend ist allerdings die Heftigkeit einiger
Reaktionen, zum Beispiel das Zerstören von Feldern. Das hat mich
verwundert, wo doch gerade die Grüne Gentechnik viele Umweltvorteile
bringt, zum Beispiel, dass weniger Pestizide eingesetzt werden müssen.
Grüne Gentechnik ist keine Hexerei sondern Pflanzenzucht auf
molekularer Ebene. Es ist eine fortschrittliche Methode, um die Kräfte
der Natur zum Wohle der menschlichen Ernährung zu nutzen. Die Idee
diese neue Technik zu unterdrücken bis endgültig bewiesen ist, dass
sie vollkommen harmlos ist, ist unrealistisch und nicht klug.
Wissenschaftlicher Fortschritt bringt immer ein gewisses Risiko mit
sich. Null biologisches Risiko ist nicht erreichbar.
FRAGE: Verstehen Sie die ablehnende Haltung vieler Europäer?
BORLAUG: Ich finde die heftige Reaktion vieler Europäer schwer
verständlich. Vielleicht liegt es teilweise daran, dass man fürchtet
multinationale Konzerne könnten über Patente Herr über das Getreide
werden. Teilweise wurden die Proteste auch von Leuten angeheizt, die
den Kapitalismus grundsätzlich ablehnen. Eine generelle
Fortschrittsfeindlichkeit spielt sicherlich auch eine Rolle. Und nach
dem BSE-Problem misstrauten viele Verbraucher ihren Regierungen und
Behörden.
Reiche Gesellschaften können sich den Luxus leisten eine
Null-Risiko-Mentalität gegenüber dem Fortschritt zu entwickeln, selbst
wenn es sich später als Unsinn herausstellt. Aber die große Mehrheit
der Menschen kann sich das nicht leisten, und mit Sicherheit nicht die
hungrigen Opfer von Kriegen, Naturkatastrophen und Wirtschaftskrisen.
Die Debatte um Grüne Gentechnik ist aus meiner Sicht eine Debatte der
Reichen auf Kosten der Armen.
FRAGE: Was könnte die Europäer überzeugen, das Grüne Gentechnik keine
sonderliche Gefahr darstellt?
BORLAUG: Der unnötige Kampf gegen Grüne Gentechnik in Europa und
anderswo hätte vielleicht vermieden werden können, wenn mehr Menschen
besseren Biologieunterricht gehabt hätten. Es gibt eine große
Bildungslücke, eine wachsende und beunruhigende Ignoranz über die
Zusammenhänge und Probleme der Landwirtschaft und der
Lebensmittelerzeugung. Dieser Bildungsmangel sollte unverzüglich
behoben werden.
FRAGE: Sie haben mal geschrieben „Eine der größten Bedrohungen der
Menschheit ist, dass die Welt von einer alles durchdringenden aber gut
getarnten Bürokratie erstickt wird.“ Sehen sie das immer noch so?
BORLAUG: Ja. Bürokratien in Wissenschaft, Verwaltung und Politik
verhindern und erschweren Neuerungen und Fortschritt. Sie sind
heimtückisch und ruinieren letzten Endes die meisten Organisationen.
Nach einiger Zeit sind die Kosten einer Reform zu hoch. Dann muss man
ihnen seitlich ausweichen und neue Institutionen gründen.