DIE FROHE BOTSCHAFT! Nr. 39 - Herbst 2008


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Diesmal servieren wir einige Appetithappen aus Büchern von
Autoren der Achse des Guten (www.achgut.com), die im Laufe
dieses Jahres erschienen sind und die auf keinem Gabentisch
fehlen sollten. Freuen Sie sich auf Ulrike Ackermann, Cora
Stephan, Richard Wagner, Hannes Stein, Henryk M. Broder und
Maxeiner & Miersch.

Richard Wagner
Kostprobe aus "Es reicht"

Die letzte Platte, die Andreas Baader vor seinem Tod hörte, war
eine amerikanische, Eric Claptons Album "There's One In Every
Crowd", im übrigen ein Produkt mit recht elitärer Botschaft.
Aber welcher Terrorist bewegt sich schon unterhalb des
Jesus-Prinzips? Das wiederum hat mit der Banalität des Diesseits
zu tun, wie es gelegentlich heißt. Wir seien da, um zu tüfteln,
zu streiten und uns zu langweilen, und all das mache die
Sinngebung unverzichtbar.
So vergeht die Zeit und einem, der beispielsweise seinen 49.
Geburtstag feiert, wird schlagartig bewusst, dass damit das
letzte Jahr angebrochen ist, in dem er der Werbung noch etwas
bedeutet. In zwei Jahren wird ihn kein Callcenter mehr anrufen,
man wird ihm nicht einmal mehr einen Handzettel auf der Strasse
anbieten, es sei denn, es handelt sich um ein Restaurant mit
billigem Mittagstisch, in dem die Kellner müde Witze anbringen.
Sie lächeln dabei selber gequält, so, als wollten sie sagen, sie
hätten schon bessere Zeiten erlebt.
Das haben wir Amerika zu verdanken, wirft unser Beispiel-Mann
ein. Und plötzlich bedauert er das gute alte Europa, für das er
sonst kaum etwas übrig hat. Im Urlaub fährt er nicht einmal mehr
nach Spanien. Es war ohnehin die Kultur der Mauren, die ihn dort
faszinierte. So fliegt er lieber gleich nach Bali. Als wären
nicht auch auf Bali die Holländer und die Briten bereits da,
tätowiert und ein Bier in der Hand, ein Heineken. Ach, Europa.
Dieser Enzensbergerseufzer aus den Achtzigern geht ihm plötzlich
durch den Kopf. Immerhin hat er die Geisteswissenschaften
frequentiert. Asterix und Obelix über die Schulter geschaut.
Damals, als die Beendigung des Studiums ein größeres Delikt war
als sein Abbruch.
Europa, also. Was damit gemeint ist? Das Abendland? Stellen
Sie sich vor, es hätte einer in den achtziger Jahren "Abendland"
gerufen! Am Bauzaun von Gorleben oder im Bonner Hofgarten, wo
man den Weltfrieden verlangte. Vom Abendland war nichts als der
Westen übrig, und der Westen galt als bankrott. Den einen wie
den anderen, den Rechten und den Linken. Den einen hat es Oswald
Spengler diktiert, den anderen Karl Marx. Zumindest sahen es die
Jungen so, die jungen Mustermänner, während sie sich monoton
zuflüsterten: Da da da, ich lieb dich nicht, du liebst mich
nicht, da da da. Neue deutsche Welle. Sauseschritt.
Europa hat viele Väter und sie haben alle ihr Museum. So als
hätten sie mit dem, was sie geleistet haben, von Anfang an den
Zweck verfolgt, ins Museum zu gelangen. Von Karl dem Großen bis
Charles de Gaulle. Wer ins Museum kommt, ist erledigt. Die
schlafenden Riesen passen sich ihrem Katalogwert an. Was ist
übrig von Karl dem Großen, außer dem Aachener Karlspreis?

Es reicht
Gegen den Ausverkauf unserer Werte
Aufbau-Verlag
Berlin 2008
163 Seiten,
16,95 Euro

Ulrike Ackermann
Kostprobe aus "Eros der Freiheit"

Warum ist die Freiheit in unserem Land so unbeliebt und warum
ist das liberale Denken so schwach verankert? Trotz der
Diktaturerfahrungen des letzten Jahrhunderts wird die Kritik an
Kapitalismus, Individualismus und der sogenannten Dekadenz des
Westens immer lauter - nicht nur von Seiten des politischen
Islam. Westliche Selbstzweifel nähren immer häufiger die Frage:
Taugt unsere Zivilisationsgeschichte, die uns in die säkulare
Moderne geführt hat, tatsächlich zum Erfolgsmodell? Oder hat sie
uns seit der Aufklärung v.a. Schrecken und Katastrophen
beschert, wie uns linke und rechte Kulturkritiker glauben machen
wollen?
Spätestens seit der Aufklärung begleitet uns das große Dilemma,
nämlich die Sehnsucht nach Freiheit, die ständig mit der Angst
vor der Freiheit ringt. Beide sind angetrieben vom Eros, jenen
Lebens- und Erkennnistrieben, die die Vernunft nicht hat
bändigen können, die nicht Ruhe geben und uns zugleich die Kraft
verleihen, die Freiheit zum Guten wie zum Bösen zu nutzen. Das
ist ihr Doppelgesicht. Der Eros ist die untergründige
Antriebskraft unserer Zivilisationsgeschichte und zugleich jene,
die unser persönliches Leben trägt und der individuellen
Freiheit den Ansporn gibt. Er verkörpert die Lust und die
Neugierde auf das Leben, auf die Welt, auf andere Menschen.
Zuweilen zieht er sich zurück, ist müde und erschöpft vom Kampf
gegen die Feigheit, überrumpelt von Bänglichkeit. Der westliche
Zivilisationsprozeß war so erfolgreich, weil sich die Vernunft
etablierte und den Glauben in Wissen verwandelte und
anschließend dieser Vernunft die Skepsis und Kritik begegnete.
Bekanntlich war dies ein schmerzvoller und immer wieder mit
Rückschritten gepflasterter Weg, angetrieben von der Vernunft
aber zugleich von ihrer anderen dunklen Seite, der
Irrationalität, nämlich der Phantasie, den Wünschen und dem
Erfindungsgeist. Das dynamische Wechselspiel zwischen
Rationalität und Irrationalität sorgt dafür, daß sich beide
weiterentwickeln und Neues entsteht. Unser größter Schatz, die
individuelle Freiheit, kann sich indes nur entfalten, wenn sie
ihre irrationale Seite einbegreift: in dem sich das Individuum
seiner Potenzen und Möglichkeiten ebenso bewußt wird wie seiner
Widerstände und Ängste. Seit der griechischen Polis durchzieht
der sukzessive Freiheitsgewinn wie ein roter Faden unsere
Zivilisationsgeschichte. Die Freiheit konnte gedeihen, weil sie
sich zäh und beständig aus Ketten, Zwängen und Verstrickungen
emporschwang und unbeirrlich weiterwuchs - darauf können wir
stolz sein.
Dem Haß auf den Westen und seinen eigenen Selbstzweifeln sollten
wir endlich ein neues Selbstbewußtsein entgegensetzen - eine
Selbstvergewisserung über unsere Freiheitstraditionen, die die
Abgründe der Unfreiheit überwinden konnten. Denn die Freiheit
bleibt zerbrechlich. Als unser höchstes Gut und Lebenselexier
müssen wir sie offensiv verteidigen, um sie immer wieder neu mit
List, Lust und Wonne ergreifen zu können.

Eros der Freiheit
Plädoyer für eine radikale Aufklärung,
Klett-Cotta
Stuttgart 2008
170 Seiten
19,90 Euro

Henryk M. Broder
Kostprobe aus "Kritik der reinen Toleranz"

Toleranz ist ein ungedeckter Wechsel auf die Zukunft, ein
Angebot an den Sieger von morgen: Ich verschone dich heute,
bitte merke es dir gut und verschone mich, sobald du an der
Macht bist.
Das ist nicht neu, die Parole "lieber rot als tot" war Ausdruck
derselben Haltung. Die Forderung, der Westen sollte einseitig
abrüsten, basierte auf derselben Überlegung. Der Utopie des
totalen Friedens wurde alles untergeordnet. Wer sich die
Freiheit nahm, die tägliche Unterdrückung zu kritisieren, war
nicht nur ein Klassenfeind, er war auch eine Gefahr für den
Weltfrieden und musste neutralisiert werden. Deswegen war in den
Ländern des real existierenden Sozialismus der "Frieden" das
wichtigste aller Ziele, nicht die "Freiheit". Frieden ist
relativ einfach herzustellen, am einfachsten durch Unterwerfung.
Auch im Dritten Reich und in der SU konnte man friedlich leben.
Freiheit dagegen muss erkämpft werden, notfalls auch mit Gewalt.
Und heute: Angesichts der Unmöglichkeit, den Iran von seinem
Atomkurs abzubringen, wird Israel aufgefordert, nukleare
Abstinenz zu üben, um mit gutem Beispiel voranzugehen. Man
könnte auch mal darüber
nachdenken, ob man die Polizei nicht abschaffen sollte, um die
Kriminalität effektiver zu bekämpfen.
Es gibt noch eine zweite Quelle, aus der sich die Toleranz
gegenüber dem Totalitären speist. Das Unbehagen - nicht an der
Kultur, sondern an der Zivilisation, die uns Fesseln anlegt, uns
daran hindert, den Barbaren in uns von der Leine zu lassen.
Toleranz widerspricht der menschlichen Natur so, wie es ihr
widerspricht, die Beute zu teilen.
Man macht es nur, wenn man sich davon einen Vorteil verspricht.
Für die einen ist Toleranz eine Investition, die sich irgendwann
lohnen wird, für die anderen ein Mittel zum Zweck: Wenn Marx,
Lenin, Stalin, Mao und Ulrike Meinhof es nicht geschafft haben,
die Gesellschaft umzukrempeln, dann wird das hoffentlich Osama
bin Laden und Mahmoud Ahmadinejad gelingen. Ahmadinejads
Drohungen werden deswegen nicht als bedrohlich empfunden, weil
er die Hoffnungen der Frustrierten und Gescheiterten
artikuliert, die sich nach einem modernen Robin Hood sehnen,
der stellvertretend ihre Rachephantasien verwirklichen soll.
Nicht jeder hat das Zeug zu einem Che Guevera oder wenigstens
einem Oskar Lafontaine. Die meisten brauchen jemand, der für sie
in die Schlacht zieht und es der Gesellschaft heimzahlt. "Es
scheint hier ein merkwürdiger Selbsthass des Westens auf, der
fast nur als etwas Pathologisches begriffen werden kann. Der
Westen versucht sich in lobenswerter Weise ganz und gar dem
Verständnis fremder Werte zu öffnen, aber er liebt sich selbst
nicht mehr." Schrieb Papst Benedikt XVI, als er noch Joseph
Kardinal Ratzinger hieß.

Hernyk M. Broder
Kritik der reinen Toleranz
wsj Verlag
Berlin 2008
214 Seiten
18,00 Euro

Hannes Stein
Kostprobe aus "Immer Recht haben!"

Für den militärischen Ernstfall gelten bekanntlich die Genfer
Konventionen. Sie verpflichten die Konfliktparteien darauf,
Zivilisten möglichst zu schonen, Kriegsgefangene menschlich zu
behandeln und nicht ohne Uniform auf dem Schlachtfeld zu
erscheinen. Analog gibt es auch für polemische Diskussionen
gewisse Regeln: Man soll nicht lügen, den Kontrahenten nicht
beleidigen und während des Gesprächs keine Schürhaken schwingen.
Der liberale Philosoph Karl Popper schrieb, Fundament eines
zivilisierten Streites sei die Annahme, "dass du dich irren
kannst, dass ich mich irren kann und dass wir gemeinsam
vielleicht der Wahrheit ein Stück näher kommen". Leider zeigt
die Erfahrung, dass sich nicht immer alle Gesprächsteilnehmer an
diese Regeln halten. (Auch die Genfer Konventionen sind ja in
der Militärgeschichte schon häufiger verletzt worden, etwa als
die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg ihre Atombomben auf das
faschistische Japan warfen.) Leider zeigt die Erfahrung auch,
dass jene, die sich nicht an die Regeln halten, häufig den
rhetorischen Sieg davontragen. Es gibt nur ein Mittel, gegen
dieses Unrecht vorzugehen: Auch Sie müssen wissen, wie man einen
schmutzigen Krieg führt. Damit Sie für alle Eventualitäten
gerüstet sind, möchte ich Sie an dieser Stelle mit den
wichtigsten miesen Tricks bekanntmachen, auf die in
Maulschlachten immer wieder zurückgegriffen wird. Im
Wesentlichen lassen sie sich in zwei Kategorien sortieren - die
groben und die feinen. Fangen wir mit den feinen Tricks an.
Besonders beliebt ist die Strategie: Strohmann bauen. Dabei
unterstellen Sie dem Gesprächspartner, er vertrete eine
Position, die er in Wahrheit gar nicht hat, und nehmen diese
dann so genüsslich auseinander, wie man mit einem Bajonett eine
Strohpuppe zerfetzt. Ihr Gesprächspartner wird also damit
beschäftigt sein, wortreich seine eigene Position zu erläutern -
er wird gar nicht die Zeit haben, zum rhetorischen Gegenangriff
überzugehen. Zum Beispiel: Wenn Ihr Kontrahent das Recht der
Frauen auf Abtreibung befürwortet, stellen Sie es so hin, als
plädiere er gleichzeitig für Kindesmord und/oder Pädophilie. Er
wird dann alle Hände damit zu tun haben, den Eindruck zu
widerlegen, er sei ein moralisches Ungeheuer, und ergo gar nicht
dazu kommen, seine Argumente in Stellung zu bringen. Eng damit
verwandt ist das Verfahren der Homonymie. Hierfür macht man sich
die Tatsache zunutze, dass zwei Dinge, die wenig oder nichts
miteinander zu schaffen haben, häufig mit demselben Wort
bezeichnet werden. Man nimmt also einen Satz des
Gesprächsgegners und dehnt ihn - indem man ihn bewusst
missversteht - auf ein Gebiet aus, von dem jener gar nicht
gesprochen hat. Sodann widerlegt man ihn nach allen Regeln der
Kunst. Beispiel: "Das Vermögen von XY wird auf mehrere
Milliarden Dollar geschätzt." - "Ich glaube nicht, dass das
Vermögen von XY wirklich so gewaltig ist. Er ist doch ein eher
dummer Mensch. Sein Unvermögen zeigt sich allein schon darin
..." usf. Hier spielen wir mit dem Doppelsinn, den der Ausdruck
"Vermögen" im Deutschen besitzt, und beweisen im Handumdrehen,
was zu beweisen war...

Hannes Stein
Immer Recht haben!
Der endgültige Ratgeber
Eichborn
Berlin 2008
243 Seiten
16,95 Euro

Maxeiner & Miersch
Kostprobe aus "Frohe Botschaften":

Kürzlich standen wir auf den Stufen der Münchner Feldherrnhalle
und schauten uns eine Kundgebung gegen Grüne Gentechnik an. Die
Pressefotografen freuten sich über ein aufgeblasenes
Tomatenmonster, bayerische Blasmusik spielte auf und die
Schauspielerin Barbara Rütting hatte ihren Hund mitgebracht.
"Kein Contergan auf unserem Acker!" stand auf einem der
Transparente oder "Gentechnik zerstört die Würde der Pflanzen".
Am besten gefiel uns: "Für das Leben - gegen Gene."
Als unverbesserliche Fortschrittsoptimisten reihten wir uns
nicht ein, sondern gingen lieber ins Wirtshaus. Dort reifte eine
Idee. Da wir schon öfters für Offenheit gegenüber
Gentechnikpflanzen (GM) plädierten, sollten wir solch ein
Lebensmittel mal selbst ausprobieren. Was nützt es
Wissenschaftler zu befragen und Labors zu inspizieren? Blanke
Theorie, ein eigener Praxistest muss her! Unsere Leser haben ein
Recht darauf. Und da wir so gemütlich beim Bier saßen, lag
sofort nahe, welches GM-Lebensmittel wir für den Selbstversuch
auswählen würden.
Es gibt da eine kleine südschwedische Brauerei. Sie heißt
Österlenbryggarna und stellt Schwedens erstes GM-Bier her. Der
Brauer, Kenth Persson, hat es nach seinem Vornamen "Kenth"
genannt, was man sich zum Glück leichter merken kann, als den
Namen seiner Brauerei. Es wird aus Wasser, Hopfen, Hefe und
Gerste gemacht, enthält aber auch BT-Mais dem ein Bakterien-Gen
eingebaut wurde. Dieses Gen bewirkt, dass sich die Pflanze gegen
einen wichtigen Schädling wehren kann. Dass dieses Bier Mais
enthält hat allerdings nichts mit Biotechnologie zu tun,
sondern einfach damit, dass es außerhalb Deutschlands durchaus
üblich ist, Bier nicht allein aus Gerste oder Weizen zu brauen.
Rechtzeitig zum Fasching brachte die Post ein Kistchen "Kenth".
Und weil wir es öde fanden, es im Büro zu kippen, nahmen wir den
Stoff auf eine Party mit. Dort entstand das folgende
Versuchs-Protokoll.
Erste Flasche: Zu allem entschlossen, nehmen wir einen ersten
tiefen Schluck. "Kenth" perlt golden ins Glas, schäumt wie ganz
normales Bier, und schmeckt nordisch herb (so in Richtung
Becks). Zischt gut.
Zweite Flasche: Wir beäugen das schwarze Etikett auf grüner
Flasche. Darauf rätselhafte geometrische Zeichen (wirkt
irgendwie "hightechmäßig"). Geduldig versuchen wird den Text des
rückseitigen Aufklebers zu entziffern ("Sveriges första
GMO-märkta livsmedel"). Ganz eindeutig ist die Aufschrift rechts
unten: "ALK 5,0 VOL %". Und wieviel Prozent Gene?
Dritte Flasche: Der Schwedentrank ist uns zwar unheimlich, aber
wir tun es für künftige Generationen. Wie sagte Maxeiners alten
Chemielehrer: "Forschung kostet Opfer!"
Vierte Flasche: Erste Anzeichen krankhafter Euphorie: Maxeiner
erklärt unverhofft, dass er Abba "gar nicht so übel" fände.
Miersch singt gleich mit: "Waterlooooo....."
Fünfte Flasche: Hellsichtigkeit ergreift uns. Nach kurzer
Diskussion wissen wir, wie man die Wirtschaftkrise in
Deutschland bewältigt, die politische Krise im Nahen Osten löst
und gleichzeitig die kreative Krise der Rockmusik. Wir
beschließen das Konzept morgen aufzuschreiben.
Sechste Flasche: Seltsam, die Frauen um uns werden immer
hübscher. Ist die Gentechnik schon viel weiter als wir dachten?
Siebte Flasche: Miersch beschließt nun doch wieder zu rauchen,
wenigstens heute Abend. Gesundheitlich unbedenklich ist dieses
Gen-Produkt jedenfalls nicht.
Achte Flasche: Verdammt, Amnesie! Wir wollen noch mal über den
Weltrettungsplan reden, haben ihn aber vergessen.
Neunte Flasche: Maxeiner erblickt neben Miersch einen
Miersch-Klon. Ist so etwas ethisch noch vertretbar? Nach
Verabreichung eines doppelten Espressos sieht Maxeiner keine
Klone mehr.
Zehnte Flasche. Miersch:"Hihi". Maxeiner: "Sveriges första
GMO-märkta livsmedel". Miersch: "Humba, humba tätärä ". Leider
sind die Notizen aus diesem Versuchsstadium nicht mehr zu
entziffern.
Nachwirkungen: Tags darauf zeigten beide Versuchspersonen
erhöhtes Schlafbedürfnis und leichten Druckschmerz im
Schläfenbereich. Allerdings klagte die Vergleichsgruppe über
gleiche Symptome, obwohl sie sich streng ans deutsche
Reinheitsgebot gehalten hatte. Im Interesse der Verbraucher
empfehlen wir daher dringend weitere groß angelegte
Versuchsreihen. Freiwillige vor!

Maxeiner & Miersch
Frohe Botschaften
wsj Verlag
Berlin 2008
208 Seiten
18,00 Euro

Und zum Schluss noch einige Zeilen aus dem neuen Kriminalroman
von Anne Chaplet (alias Cora Stephan) "Schrei nach Stille"

Das Haus. Es lebt. Es verändert sich von Tag zu Tag. Es
beherbergt Hausgeister. Kobolde. Rebellische Heinzelmännchen,
die nicht Ordnung machen über Nacht, sondern alles auf den Kopf
stellen. Die Möbel verrücken und Gegenstände verstecken: die
Brille, das Portemonnaie, den Haustürschlüssel. Die den
Schreibtisch in Unordnung bringen, Bücher wegräumen, Bleistifte
verschwinden lassen, die Speisekammer plündern, das Kleingeld
aus dem Zuckertopf stehlen, den Zettel für die Reinigung
verstecken. Das Haus ist alt und böse geworden. Die Bäume haben
ihm das Licht geraubt und die Luft genommen. Sie sind zu groß
geworden. Sie ragen über die Traufe. Sie haben alles, was unter
ihnen gedeihen wollte, erstickt. Die Haustür schließt nicht mehr
richtig. Es zieht durch die Fenster im Wintergarten. Die Türen
des Kleiderschranks öffnen sich von allein. Als ob das Haus sich
neigte. Es duckt sich. Es krümmt sich zusammen. Es beginnt, sich
selbst zu verschlingen.
Es dauerte eine Weile, bis der erste Wassertropfen beschloss,
sich vom Strom der anderen zu entfernen, die das Dach Richtung
Regenrinne verließen, und durch einen Spalt zwischen zwei
Ziegeln zu sickern. Dort hing er eine Weile an der Lippe eines
der mürben Biberschwänze und löste sich erst, als ein zweiter
Tropfen auf ihn stieß. Beide fielen nicht tief und landeten
weich; auf dem Fell einer Ratte, das sich von ihrem
aufgedunsenen Körper abgelöst hatte und wie ein Sprungtuch auf
der schlierigen Wasseroberfläche des Zubers aus grauem Zink lag.
Nur manchmal, im Sommer, wenn es lange nicht geregnet hatte, war
der Zuber leer. Jetzt war er fast voll.
Den ersten Tropfen folgten weitere, erst langsam, dann immer
zügiger, nun, da der Weg gebahnt war. Ihr Aufprall ließ das
Rattenfell erschauern, und es begann, träge durch die Zinkwanne
zu treiben. Die Wanne füllte sich, bis die Wasseroberfläche sich
wölbte und ein weiterer Pionier unter den Wassertropfen den
Sprung ins Unbekannte wagte, vom Rand des Zubers hinunter auf
die staubigen Holzplanken des Dachbodens. Der Staub sog ihn
gierig auf, auch den nächsten und übernächsten und alle
weiteren, bis er gesättigt war und den Tropfen erlaubte, sich
einen Weg an einen anderen Ort zu suchen. Erst sammelten sie
sich in einem Astloch, dann strömten sie weiter, nach unten, an
einem mächtigen Schiffskoffer vorbei, der mit geöffnetem Deckel
im Weg stand und in dem es glitzerte und glänzte. Sie
umschifften einen verstaubten Sessel und einen mit Schwalbenkot
bekleckerten Tisch, näherten sich einer Ritze zwischen den
Planken und sickerten tiefer, durch Holzspäne und Staub, durch
Lehm und Mörtel, durch von Mäusen angelegte Gänge und Nester aus
Heu und Federn und Plastikfetzen, drangen hindurch, fielen
wieder auf Holz, glatter diesmal und weiß lackiert. Sie folgten
einer sanften Neigung, schneller jetzt, da sie auf keinen
Widerstand mehr trafen. Und schon tat sich die nächste Ritze
zwischen zwei Brettern auf.
Die Tropfen hielten Ordnung. Der erste fiel ins Ungewisse.
Zögernd folgte der nächste. Ihm folgten die anderen, immer
schneller, wie die Lemminge, die dem Abgrund zuströmen. Sie
sprangen, sie fielen, sie prallten unten auf, sie vereinten sich
zu einer schillernden Pfütze und durchbrachen dann in einem
entschlossenen Strom die letzte Barriere. Im Keller wurden sie
zu einem schmalen Rinnsal und nahmen Kurs auf die nicht mehr
ganz weißen Kappen eines Paars hellblauer Chucks.

Anne Chaplet
Schrei nach Stille
List Verlag
Berlin 2008
336 Seiten
19,90 Euro