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| Die Autoren und Freunde ideologiefreien Denkens erinnern sich voller Zukunftsoptimismus. |
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Früher war alles besser
Ein rücksichtsloser Rückblick
Von Michael Miersch, Dirk Maxeiner,
Josef Joffe und Henryk M. Broder
Knaus Verlag
München 2010
ISBN 978-3-8135-0385-2
224 Seiten
16,99 Euro
online:
Inhaltsangabe
Stimmen
Kostproben
Kostproben
Augsburger Puppenkiste
In den Stücken der Augsburger Puppenkiste waren die Kleinen ganz groß, die Schwachen stark und die Könige Knallköpfe – und zwar lange bevor das in Kinderfilmen üblich wurde. Viel erfolgreicher als die Frankfurter Schule unterwanderte die Augsburger Puppenkiste die steife Autoritätsgläubigkeit der frühen Bundesrepublik. Immer waren die Polizisten leicht vertrottelt, die Herrscher unfähig. Doch wenn die mächtigen Popanze in typischer Puppenkistenmanier ihren Kopf schief legten, sah man, dass sie doch nicht so ganz, ganz böse waren. Macht war komisch, am besten man ignorierte sie. Die dummen Autoritäten bestrafte das Leben. Sie hinkten den Ereignissen hinterher und wussten nie so recht, was eigentlich los war.
Oblong (der kleine dicke Ritter), Lukas und Jim, Kater Mikesch, Urmel und die anderen Helden aus Holz setzten moralische Maßstäbe, versuchten aber nie ihre jungen Zuschauer zu pädagogisieren. Pädagogik im Überfluss kam dann ab Mitte der 70er Jahre ins Kinderprogramm. Von nun an wurden Solidarität, Emanzipation und sonstige segensreiche Ideen den Kindern eingeschustert. Die Puppenkiste setzte dagegen auf sanfte Ironie. »Wir haben nie den erhobenen Zeigefinger gezeigt. Wir haben die Kinder immer ernst genommen und wollten sie ganz einfach gut unterhalten«, sagte Walter Oehmichen, der 1977 verstorbene Gründer. Das ist ihm perfekt gelungen. Zum Dank können wir das Lummerlandlied und den Marsch der Blechbüchsenarmee bis heute mitsingen.
D-Mark
Symbol des deutschen Wiederaufstiegs und Fundament der Vorherrschaft in Europa (international als »Deutschmark« bekannt). Geboren am 21.1.1948 in den drei Westzonen (der nachmaligen Bundesrepublik); eingeführt drei Tage später in West-Berlin, dem »Schaufenster des Westens«; gemeuchelt durch den Euro am 1.1.2001. Damit verschwanden auch »Groschen« (10 Pfennig) und »Sechser« (wie das 5-Pfennig-Stück hieß).
Die »harte D-Mark« ist das zweitgrößte Erfolgserlebnis der deutschen Geschichte (das erste ist die ultra-stabile liberale Demokratie, die ein Jahr später mit der Gründung der BRD ihren Triumphzug begann). Der Wert der DM stieg von 4,20 pro Dollar auf zeitweise 1,43. Ihr ist ebenfalls hoch anzurechnen, dass sich die kleinen Münzen viel besser unterscheiden ließen als die heutigen Euro-Stückelungen. Außerdem wurden die Scheine im Lauf der Jahre politisch korrekter. Die zweite Serie trug nur die Abbilder von Männern, wie das von dem zu Recht weltweit unbekannten Ratsherrn Hans Imhof. Die dritte Serie zeigte schon (ebenso unbekannte) Frauen wie Elsbeth Tucher. Die vierte zelebrierte die totale Geschlechtergleichheit (ab 1990). Aber es half nichts; nach 2001 landeten alle Scheine im Schredder.
Es bleiben nur noch Redewendungen wie »falscher Fuffziger« oder »Pfennigfuchser«. Vorbei ist auch das erhebende Gefühl, im Ausland mit Liretten und Drachmen um sich werfen zu können, bloßem Spielgeld. In den 60ern konnte man mit einem Pfennig auch die New Yorker U-Bahn benutzen, war doch die Münze genauso groß und schwer wie die 20-Cent-Wertmarke (umgerechnet 80 Pfennige), die man damals in das Drehkreuz stecken musste. Ein weiterer Nachteil ist die neue Bettleransage: »Haste mal ’nen Euro?« Früher musste man sich nur eine Mark, also halb so viel, abringen. Im Taxi auf den nächsten Euro zu runden, kostet doppelt so viel wie einst bei der Mark. Es verdoppelten sich auch die Restaurantpreise, bald kostete die Seezunge so viel in Euro wie zuvor in D-Mark. Alles in allem nur Nachteile, von der Rettung des Euro-Mitglieds Griechenland gar nicht zu reden. (Früher, als Hellas noch nicht in der Währungsunion war, hätten wir nicht Geld nachgeschoben, sondern die Akropolis und Lesbos als Pfand genommen.) Und dafür mussten nach 2001 DM-Scheine im Wert von 235 Milliarden sterben, dazu 15 Milliarden an Münzen.
Klappstulle
War früher das zentrale Element jeder Reisevorbereitung. Für die Wahl des Zielorts war der Vater zuständig, für den Proviant die Mutter. Schon zwei bis drei Tage vor Beginn der Reise stand sie mit gerötetem Gesicht in der Küche, schnitt mit einem großen Messer einen Brotlaib, den sie dabei kräftig an die Brust presste, in dicke Scheiben, bestrich diese mit Õ Fett oder Margarine und belegte sie mit Wurst oder Käse bzw. mit Streichwurst oder Schmelzkäse. Es wurde immer nur eine Scheibe Brot bestrichen und belegt, dann kam eine zweite Scheibe Brot obendrauf, die nicht bestrichen und nicht belegt war. Die so entstandene Klappstulle wurde dann in der Mitte durchgeschnitten, und jede Hälfte separat in Pergament oder Zeitungspapier eingewickelt, damit sie nicht auseinanderfiel. Mit bloßem Auge war der dünne Belag aus Wurst bzw. Käse kaum zu erkennen, deswegen musste man die Klappstulle, nachdem man sie ausgepackt hatte, erst mal aufklappen, um sich zu überzeugen, dass es sich nicht um zwei trockene Scheiben Brot handelte, die einfach aufeinandergelegt worden waren, um eine Klappstulle zu simulieren.
Die Anzahl der Klappstullen, die auf eine Reise mitgenommen wurden, hing von der Menge der Teilnehmer, nicht von der Dauer der Reise ab. Da die Milchschnitte und der Müsliriegel für den kleinen Hunger zwischendurch noch nicht erfunden und die Bahnhöfe reine Zweckbauten und keine Einkaufsmeilen mit Gleisanschluss waren, wurden meistens eher zu viele als zu wenige Klappstullen eingepackt. Und so verwandelten sie sich am Ende der Reise in sogenannte Hasenbrote, die an die Haustiere verfüttert wurden. Sie für die Rückfahrt aufzuheben, wäre eine Möglichkeit gewesen, wenn es damals schon in jedem Haushalt eine Tiefkühltruhe gegeben hätte, was aber nicht der Fall war.
So ist das Hasenbrot der arme Verwandte der Klappstulle, die ihrerseits dem Sandwich, der Ciabatta, dem Wrap, der Pita und dem Burger weichen musste. Für die Menschheit mag das ein Schritt vorwärts sein, für die Hasen aber ist es eine Katastrophe.
Landkarten
Taxifahren ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Wir erinnern uns lebhaft an Zeiten, als wir am Bahnhof Zoo regelmäßig auf freundliche, aber völlig orientierungslose Aushilfsfahrer trafen. Diese fuhren meist zügig los und baten an der ersten Ampel um eine gewisse Arbeitsteilung: »Du sagen, ich fahren.« Die gemeinsame Zielsuche führte uns dann meist weit in dunkle Randbezirke, wo schließlich der Taxameter abgeschaltet und der Stadtplan aufgefaltet wurde. Heutzutage befindet sich praktisch in jeder Droschke ein elektronisches Navigationssystem. Das spart Zeit und Nerven. Vorbei die Zeiten des Stadtplanstudiums. Vorbei die Zeiten ausgefeilter Wegbeschreibungen. Vorbei die Zeiten der Lotsendienste, die ortsunkundigen Menschen Orientierungshilfe leisteten. Alles geht wie von selbst, welch ein Fortschritt.
Der Mensch lernt langsam und verlernt schnell. Anstatt sich Wegmarken und Fahrstrecken einzuprägen, vertraut er blind auf den kleinen Kasten und pflegt die Konversation mit seinem Beifahrer. Mit dem Ergebnis, dass beide keinerlei Vorstellung mehr davon haben, wo sie sich eigentlich befinden. Die urmenschliche Fähigkeit, sich an den Himmelsrichtungen zu orientieren, ist ja schon lange verloren gegangen. Jetzt verlässt uns auch die zivilisatorische Befähigung, aus eigener Erinnerung an der zweiten Ampel rechts und dann hinter dem Kaufhof links abzubiegen. Anschaulich wird die Sache stets, wenn man plötzlich wieder in einem Auto ohne elektronischen Lotsen sitzt, beispielsweise in einem Leihwagen der untersten Kategorie. Huch, ein Auto ohne »Navi«! Das ist fast so, als hätte einem jemand ein Sinnesorgan amputiert.
Sozialismus
Gern würden wir den Sozialismus zu den ausrangierten Irrtümern des 20. Jahrhunderts zählen, aber er stirbt nicht aus. 1989 glaubten wir – wie viele andere –, jetzt sei es vorbei. Pustekuchen. Als Ideologie ist der Sozialismus weiterhin höchst lebendig. Bei einer Emnid-Umfrage im Jahr 2010 erklärten 80 Prozent der Ostdeutschen und 72 Prozent der Westdeutschen, sie hätten nichts dagegen, in einem sozialistischen System zu leben. Hauptsache, es wäre für »Arbeitsplätze, Solidarität und Sicherheit« gesorgt. Bereits 2005 hatte eine Infratest-Erhebung ergeben, dass über die Hälfte der Bevölkerung Sozialismus eine prima Idee findet.
Die Nachfolgepartei der SED, die sich Die Linke nennt, sitzt im Bundestag und regiert in mehreren Bundesländern mit. Und international hat der reale Sozialismus wieder Land gewonnen. Von einem Drittel der Erde, das ihre Vorgänger beherrschten, sind die heutigen Führer der Bewegung zwar noch weit entfernt, aber in Südamerika kamen einige von ihnen durch Wahlen an die Macht.
Offenbar ist der Sozialismus so unsterblich wie Alkoholismus. Jeder weiß, man ruiniert sich mit Schnaps Körper und Gehirn, doch was soll’s, solange der Rausch anhält, ist die Welt schön. Selbst bei Menschen, die den Sozialismus erlebt haben, wird er mit wachsendem Abstand immer schöner. Ob Armut, Unterdrückung, Umweltverschmutzung, technische Rückständigkeit, Lebensmittelmangel oder Massenmord: Immer findet der Gläubige Gründe dafür, dass es nur Pannen waren, vorübergehende Verirrungen, Fehler einzelner Führer. Das Ideal bleibt unberührt. Beim nächsten Versuch wird alles gut. Der Murx geht weiter.
Unerreichbarkeit
Wer weg war, war weg. Kein Faxgerät, kein Mobiltelefon, keine E-Mail, kein Internet. Dem Drängen, Fordern und Wünschen anderer Zeitgenossen konnte man sich durch einen schlichten Ortswechsel entziehen. Allerdings: Auch die anderen konnten sich entziehen. Daraus resultiert ein großes ungelöstes Rätsel: Wie konnte die Welt trotzdem funktionieren?
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