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Lasst euch das Reisen nicht vermiesen!Billig fliegen ist eine der großen sozialen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts. Von Michael Miersch
Gerade einmal 21 Jahre ist es her, da wurde Menschen in Deutschland erschossen, wenn sie sich nicht damit begnügten, ihr Leben sesshaft zu verbringen. DDR-Bürger durften in den Sommerferien an die Ostsee, in den Thüringer Wald oder an den Plattensee fahren. Der Rest der Welt blieb ihnen versperrt. Lediglich für ein paar Privilegierte war die Auswahl ein bisschen größer. Erst mit der friedlichen Revolution setzten die Bürger ihre Reisefreiheit durch, die für die geistige Entwicklung eines Menschen mindestens ebenso bedeutend ist, wie Informations- und Redefreiheit. Die längste Zeit der Geschichte war Reisen nicht nur ein politisches, sondern in erster Linie ein soziales Privileg. Die allermeisten Menschen kamen lebenslänglich nicht aus dem Dorf heraus, in das sie geboren wurden. Man kann die Macht dieses Privilegs noch heute spüren, wenn man in arme Länder reist. Die Tatsachen, dass der Besucher dorthin und wieder zurück fliegen kann, die Besuchten aber niemals, steht wie eine Mauer zwischen ihnen. Im Kapitalismus endete die Epoche des sozialen Privilegs in den 50er-Jahren, als es möglich wurde mit dem VW-Käfer ans Mittelmeer zu tuckern. 1977 demokratisierte dann der Brite Freddie Laker das bis dahin für die meisten unerschwingliche Fliegen. Er eröffnete die erste Billigfluglinie zwischen London und New York. Ein Ticket kostete 350 Deutsche Mark. Die Kunden mussten mehrere Tage vor dem Schalter im Victoria Station anstehen und waren gezwungen, dort auch zu schlafen, um ihren Platz in der Schlange nicht zu verlieren. Morgens weckten freundliche Polizisten die Reisenden, indem sie ihnen mit dem Schlagstock vorsichtig auf den Kopf tippten. Auf dem Flug verköstigte man sich mit eigenen Stullen. Doch solche kleinen Unbequemlichkeiten spielten keine Rolle, denn von nun an konnten auch Normalverdiener und sogar Studenten die ganze Welt entdecken. Vor 1977 war dies eine phantastische Utopie. Der Verlust des Reiseprivilegs verunsicherte die Privilegierten. Besonders in ihrer intellektuellen Variante wurden sie von Ekel ergriffen. Man sprach nun von Mallorca als „Putzfraueninsel“, weil man dort Gefahr lief, aufs Dienstpersonal zu treffen. Deutschlands selbstgefälligster Feinschmecker, Wolfram Siebeck, echauffierte sich über Hausfrauen, die „am verlängerten Wochenende zum Billigtarif nach Venedig fliegen“. Zunächst konzentrierte sich die Kritik am Massentourismus auf seine unästhetischen Begleiterscheinungen: Rot gebrannte Fleischberge an der Costa del Sol, lärmende Proleten in den Uffizien und kugelbäuchige Kegelvereine auf Kreta - da graust es den Bildungsreisenden. Der Unterschicht, auf Theaterbühnen gern als Arbeiterklasse hofiert, durfte in ihrer touristischen Ausprägung kräftig ans Schienbein getreten werden. Die Gescholtenen ihrerseits blicken gern auf russische Touristen herab. Es folgte ein ökologischer Rüffel. Der hauptberufliche Tourismuskritiker Jost Krippendorf und seine zahlreichen Epigonen geißelten die Reisenden als „Landschaftsfresser“. Ein Vorwurf, der bis heute immer wieder erhoben wird, doch sachlich falsch ist, da selbst ein überlaufenes Skigebiet weniger Bergwald kostet als die Almwirtschaft früherer Zeiten. Inzwischen wird vornehmlich mit der Klimarettung argumentiert. Die Reiselustigen sollen im Lande bleiben, weil Flugzeuge Kohlendioxid ausstoßen. Es gibt an einigen Flughäfen bereits Automaten an denen man Ablasszettel dafür kaufen kann: Zertifikate, die versprechen, dass für das gespendete Geld Klimaschutzprojekte gefördert werden, die die sündigen Flugmeilen kompensieren. Seit der Weltwirtschaftskrise 2008 werden die Stimmen protestantische Bescheidenheitsprediger lauter. Ihnen missfällt, das Hedonistische am Reisen. Statt schöne Aussichten und fremdes Essen zu genießen, sollten wir „innere Reisen“ antreten. Natürlich gelten die Bescheidenheitsappelle nicht für jene vorbildliche, tadellose Minderheit, die die Welt durch verordnete Sesshaftigkeit retten will. Auf manchen der bisher 19 großen Weltklimakonferenzen reisten bis zu 40 000 Klimaretter mit dem Flugzeug an. Von den diversen kleineren Zwischenkonferenzen ganz zu schweigen. Besonders krass offenbarte sich die Heuchelei solcher Volkserzieher bei der früheren grünen Bundestagsabgeordneten Halo Saibold, die einst gefordert hatte, Flugreisen zu rationieren. Jeder Deutschen sollte nur noch alle fünf Jahre ein Ticket kaufen dürfen. Peinlicherweise kam heraus, dass Frau Saibold selbst, als Vorsitzende des Tourismus-Ausschusses munter durch die Welt reiste, unter anderem auf die Malediven, um dort „Auswirkungen des Massentourismus“ zu studieren. Über drei Jahrzehnte Tourismuskritik haben den Tourismus zwar nicht vermindert, aber dazu geführt, dass Menschen ein schlechtes Gewissen beim Reisen haben. Dieses Schuldgefühl nutzt die Regierung im Jahr 2010 und plant einen Aufschlag auf Flugreisen zu erheben. Außer den Fluglinien selbst, spricht sich kaum jemand öffentlich dagegen aus. Dem Fliegen haftet der Schwefelgeruch einer Klima-Sünde an. Deshalb wird der Haushaltssanierungsbeitrag auch Öko-Abgabe genannt. Dabei gerieten nicht nur Millionen Arbeitsplätze in Gefahr, wenn die Europäer nicht mehr in die Ferne schweifen würden. Touristen sind die beste Versicherung für den Schutz von Wildtieren, Wäldern und Savannen. Längst ist der Nachweis erbracht, dass viele schöne Naturlandschaften der Erde nur deswegen nicht in Ackerland, Plantagen oder Viehweiden umgewandelt werden, weil zahlende Touristen sie sehen wollen. „Der Schutz der biologischen Vielfalt“, stellte die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit bereits in den 90er Jahren fest, „wäre ohne die Einnahmen aus dem Fremdenverkehr nicht zu finanzieren.“ Historische Gebäude würden verfallen, alte Handwerkskünste in Vergessenheit geraten, wenn keine touristische Nachfrage dafür bestünde. Ohne Massentourismus wäre die Serengeti längst gestorben und der Marmor griechischer Tempel als Baumaterial abgetragen. Kein Witz: Bevor die ersten englischen Touristen kamen, haben die Griechen das tatsächlich getan. Es stimmt schon: Mit Handtüchern gepflasterte Strände, oder Löwen, die von zehn Landrovern umringt werden, sind kein romantischer Anblick. Oftmals ist aber ein paar Buchten weiter der Strand leer. Andere Löwen bleiben unentdeckt und unfotografiert, doch dank zahlender Urlauber stehen auch sie unter Schutz. Wenn in früheren Zeiten irgendwo Hunderte von Fremden an Land gingen, wollten sie nicht Fotografieren dun Souvenirs kaufen sondern plündern und ausbeuten. Selbst die häufig idealisierten Naturvölker gingen mit der Natur weitaus ruppiger um als heutige Vergnügungsreisende. Sie hatten sie keine Skrupel Wälder abzubrennen oder Wildtiere bis zum letzten Exemplar zu jagen. Historisch betrachtet sind Touristen die harmlosesten Menschen, die sich je anschickten, fremde Länder zu erkunden. Erschienen in WELT AM SONNTAG am 11. Juli 2010
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