Wortmarke Maxeiner und Miersch

 

Cover Lexikon der Öko-Irrtümer - Taschenbuchausgabe

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wahrheit darf niemals
zur strategischen
Verfügungsmasse von
Interessengruppen
werden

 

Lexikon der
Öko-Irrtümer

Überraschende Fakten
zu Energie, Gentechnik,
Gesundheit, Klima,
Ozon, Wald und vielen
anderen Umweltthemen

Von Dirk Maxeiner und Michael Miersch

Hardcover:
Eichborn Verlag,
Frankfurt am Main 1999
ISBN 3-8218-0586-2
416 Seiten
22,90 Euro

Taschenbuch:
Piper Verlag, München  Mai 2000
ISBN 3-492-22873-9
494 Seiten
9,90 Euro

 

Aus dem Vorwort

Warum ein "Lexikon der Öko-Irrtümer"? Das Fernsehprogramm strahlt eine "Globus"-Sendung zum Thema Klimakatastrophe aus. Der Südpol schmilzt, heisst es, und die Pinguine werden immer seltener. Traurig watscheln putzige Adéliepinguine durchs Bild. Zufällig liegt die Ausgabe der Zeitschrift "Geo" vom gleichen Monat auf dem Fernsehtisch, darin ein grosser Report über die Antarktis. Nach kurzem Blättern reiben wir uns verwundert die Augen. "Geo" schreibt: "Weil Pinguine in der Antarktis nach der Dezimierung der Wale ein Riesen-Nahrungsangebot an Krill vorfinden ist ihre Zahl auf über 100 Millionen angewachsen."

Neugierig geworden, recherchieren wir nach und wundern uns. Von den scheinbaren Selbstverständlichkeiten, die so plausibel über den Bildschirm flimmerten, bleibt nach Befragen von Fachleuten nicht mehr viel übrig. Erstens: Die Bestandszahlen der Pinguinarten in der Antarktis nehmen derzeit zu (andere Arten, die weiter nördlich siedeln, nehmen infolge der Meeresüberfischung ab). Zweitens: Sollte sich die Erde tatsächlich weiter erwärmen, werden die Eismassen der Antarktis fürs Erste nicht abschmelzen, sondern — ganz im Gegenteil — wachsen. Wärmere Temperaturen bringen vermehrten Niederschlag und damit mehr Schnee und Eis am Südpol.

Erst wächst die Neugier, dann das Misstrauen. Könnte es sein, dass auch andere Dinge nicht stimmen? Wir sind Journalisten, stochern also zwangsläufig mit dem Durchschnittsverstand in der Flut der Behauptungen. "Journalisten sind von Natur aus Generalisten, Fachleute fürs Allgemeine; ihr Arbeitsinstrument ist eine versatile Intelligenz, mit der sie sich in neuen und fremden Zusammenhängen relativ rasch zurechtfinden; ihre Methode ist die Ad-hoc-Plausibilitätsprüfung. Dazu gehören freilich ein wenig Lebenserfahrung und Allgemeinbildung sowie die Kenntnis der vier Grundrechenarten", schreibt der Publizist Burkhard Müller-Ullrich. Genau so haben wir es versucht.

Hier zeigt sich ein kleiner Widerspruch, dort kommt ein leiser Zweifel auf. Dann kratzt man skeptisch — aber immer noch gutwillig — leicht an der grünen Tapete. Doch unversehens fällt einem mitunter die ganze Wand entgegen. Darunter kommt ein Fundament aus widersprüchlichen oder fragwürdigen Zahlen, aus Behauptungen, Annahmen und Schätzungen, aus fehlenden Messungen und unbekannten Zusammenhängen zum Vorschein. Es stellt sich oft rasch heraus, dass die so genannte Faktenlage keine ist.

Es geht uns nicht darum, einen Anspruch auf endgültige und allein selig machende Wahrheiten zu erheben. Es geht uns darum, aus den vereinzelten skeptischen Stimmen ein Gegenbild zusammenzufügen, das den Leser stimuliert, sich anschliessend selbst eine Meinung zu bilden. Unsere Übersicht besteht aus ganz harmlosen Dingen, wie der berühmten Kiwi-Frucht, die seit Jahren als Symbol für unsere zu Fruchtfleisch gewordene Energieverschwendung herhalten muss — weil sie angeblich mit dem Flugzeug aus Neuseeland zu uns transportiert wird. Eine simple Nachfrage ergibt: Die meisten Kiwis kommen aus Italien — und diejenigen, die aus Neuseeland zu uns gelangen, werden mit dem Schiff transportiert. Kiwis sind kein ökologisches Problem. Doch die Fakten können dem Mythos schon lange nichts mehr anhaben.

Während die Kiwi eher zu den amüsanten Irrtümern zählt, hört woanders der Spass auf. So wird seit Jahren (unter anderem in den ARD-Tagesthemen) eine Zahl von 125 000 durch den Reaktorunfall von Tschernobyl verursachten Todesfällen kolportiert. Inzwischen wissen wir: Die Zahl stammt vom ukrainischen Gesundheitsminister. Sie hat allerdings nichts mit Tschernobyl zu tun. Der Minister nannte vielmehr die Gesamtzahl aller in der Ukraine zwischen 1986 und 1995 verstorbenen meist älteren Menschen (und wurde dabei bewusst oder unbewusst missverstanden). Tatsächlich erlagen bislang etwa 50 Rettungshelfer den Strahlenfolgen, und die Mediziner zählen zirka 1 500 zusätzliche Fälle von Schilddrüsenkrebs, der zum Glück meist geheilt werden kann.

Ist das nicht Leid genug? Muss gebetsmühlenhaft eine aberwitzige Tschernobyl-Opfer-Zahl beschworen werden? Wem soll das nutzen? Den Menschen in der Ukraine wird damit jedenfalls nicht geholfen. Dabei genügen die tatsächlichen Verhältnisse doch völlig für die Aussage: So etwas wie Tschernobyl darf nie wieder passieren. Wir glauben: Jeder, der sich für die Umwelt einsetzt, sollte bei der Wahrheit bleiben. Alles andere wird sich bitter rächen.

In der Umweltbewegung scheinen dies viele vergessen zu haben. Dr. Hans-Jochen Luhmann, Leiter der Abteilung Klimapolitik am Wuppertal-Institut, erläuterte auf einer Tagung zum Thema Massenmedien und Klimawandel 1995 ein "informationstheoretisches" Verständnis von "Wahrheit". Seine Auffassung ist bei der Durchsetzung von ökologischen Forderungen nicht die Ausnahme, sondern mittlerweile die Regel: "Wahr ist eine Botschaft dann, wenn ihre Intention gut begründet ist und sie beim Empfänger ankommt". Bei einem Journalisten müssen sich bei diesem Satz sämtliche Nackenhaare aufstellen: Schliesslich wurden die grössten Schweinereien der letzten Jahrhunderte stets im Namen einer guten Sache begangen. Wahrheit darf niemals zur strategischen Verfügungsmasse von Interessengruppen werden. "Das dumme ist, dass die Reaktion der Leute, wenn man sie belügt, dann um so heftiger ist, wenn die Wahrheit durchsickert, was sie meist tut", schrieb George Orwell.

Dies ist kein Anti-Umweltschutz-Buch. Wir wollen das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Tschernobyl hat stattgefunden. Umweltverschmutzung und ökologischer Frevel sind keine Fata Morgana — und sie dauern an. Es gibt genügend echte Probleme auf der Welt:

  • Die Meere werden überfischt.
  • Die Regenwaldgebiete schrumpfen weiterhin (wenn auch langsamer und aus anderen Gründen, als uns manche weismachen wollen).
  • In den Ballungszentren vieler Entwicklungsländer sind Trinkwasser und Atemluft verseucht.
  • Die staatlich subventionierte Landwirtschaft in den Industrieländern verschmutzt die Umwelt und quält die Nutztiere.
  • Der internationale Boom der Naturmedizin (besonders in Asien) gefährdet den Bestand seltener Pflanzen und Tiere.
  • Die Massenmobilität bringt neue Umweltschäden hervor.
  • Und schliesslich das grösste globale Problem: die Armut. Millionen Menschen sind aus nackter Not gezwungen, die Natur zu plündern und die Umwelt zu verschmutzen.

Unsere Korrektur von Irrtümern soll nicht die ökologische Herausforderung als solche in Frage stellen. Sie ist auch keine Aufforderung, die Hände in den Schoss zu legen. Wir wollen jedoch zeigen, dass es höchste Zeit wird, sich von Vorurteilen, ideologischen Blockaden und Halbwahrheiten zu verabschieden.

Unter dem zugegebenermassen scherenschnittartigen Begriff "Öko-Irrtum" haben wir in diesem Buch einen bescheidenen Ausschnitt dessen versammelt, was sich im Bewusstsein von Bürgern, Umweltschützern, Journalisten, Wissenschaftlern und Politikern so an ökologischem Kalkstein angelagert hat:

  • Schlichte Irrtümer ohne böse Absicht ("Omas Küche war gesünder")
  • Missstände, die einmal zutrafen, inzwischen aber gelöst sind ("Wir werden immer mehr durch Dioxin belastet")
  • Bewusste Irreführungen ("Die Elefanten sind vom Aussterben bedroht")
  • Ideologische Glaubenssätze, die völlig kritiklos dargestellt werden ("Erneuerbare Energien sind immer gut für die Umwelt")
  • Hohle Phrasen ("Wir haben die Erde nur von unseren Kindern geborgt")
  • Falsche Prognosen ("Energie wird immer knapper")
  • Dinge, an denen durchaus etwas dran ist, die aber falsch oder total übertrieben dargestellt werden ("Mehr Hautkrebs durch Ozonloch")
  • Unbewiesene und oft zweifelhafte wissenschaftliche Annahmen, die als unwiderlegbare Tatsache verbreitet werden ("Der Mensch verursacht eine Klimakatastrophe").

Was tun, wenn scheinbare ökologische Gewissheiten reihenweise wie defekte Bildröhren implodieren? Soll man im Dienste der prinzipiell guten ökologischen Absicht schweigen? "Jeder, der zur Verteidigung unpopulärer Ziele geschrieben hat, kennt die furchtbare Versuchung, Tatsachen zu entstellen oder zu unterschlagen, nur weil eine ehrliche Aussage Enthüllungen enthielte, die von skrupellosen Gegnern verwendet werden könnten", hat George Orwell einmal geschrieben und er hat hinzugefügt: "Echter Fortschritt kann nur durch vermehrte Aufklärung stattfinden, was soviel bedeutet wie die Zerstörung von Mythen." Deshalb wollen wir auch Fachleuten in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik wieder Mut machen, deutlicher ihre Meinung zu sagen. Viele haben nämlich keine Kraft, Zeit oder Lust mehr, selbst dem schlimmsten Quatsch zu widersprechen. Zu oft sind sie dafür moralisch abgewatscht worden.

 

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