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Ja, bin ich denn rechts?
Jedenfalls nicht mehr links. Oder doch?
Eine ziemlich fortschrittsoptimistische Lebensbeichte von Michael Miersch
Von Michael Miersch
Können Sie sich an "Joe
Hill" erinnern, die Arbeiterheldenhymne von Joan Baez auf dem Woodstock-Album?
Oder an "Reds", die Hollywoodfassung der Oktoberrevolution?
Diane Keaton küsst Warren Beatty und im Hintergrund erklingt die
"Internationale". So was trifft direkt in meine emotionalen
Innereien. Und haltlos kullern meine Tränen, sobald die Sängerin
in Ricks Café die "Marseillaise" schmettert, um den fiesen
Major Strasser zu ärgern. Ich fühle links. Da kann man einfach
nichts machen.
Von meinen Freunden werde ich mittlerweile jedoch als
neokonservative Hyäne verortet. Sie sagen es mir nicht ins Gesicht.
Dazu sind sie zu fein fühlend. Aber ich spüre es. Man behandelt
mich betont freundlich, meidet bestimmte Themen, schweigt, wenn ich eine
politische Bemerkung mache. Und ich spiele meistens mit. Wer hat schon
Lust sich dauernd zu streiten. Eigentlich würde ich ihnen gern zurufen:
"Hört mal, ich bin nicht so wie ihr denkt. Ich finde Krieg grauenhaft,
Armut unerträglich, Umweltzerstörung zu Kotzen. Genauso wie
ihr." Aber das wäre peinlich, wie ein Irrer der hysterisch kreischt,
dass er völlig normal sei und alle anderen verrückt.
Wie konnte es soweit kommen? Bin ich einer, der seine Ideale verraten
hat, weil sie ihn in seiner gediegenen Gutbürgerlichkeit stören?
Ein Alterskonservativer dessen Seele Fett ansetzt? Führe ich ein
falsches Leben im Falschen? Manche meiner Freunde sehen das vermutlich
so, aber ich glaube es nicht. Korrumpiert kann ich jedenfalls kaum sein:
Um das auszuschließen genügt schon ein Blick auf unsere Wohnung
und die Kontoauszüge.
Es begann wohl schon an dem Tag, als der ältere Bruder meines besten
Schulfreundes mich in zirka dreißig Minuten von der Notwendigkeit
des Sozialismus überzeugte (ich brauchte dann dreißig Jahre,
um diese Überzeugung wieder los zu werden). Noch am selben Abend
sah ich im Fernsehen chinesische Rotgardisten unter einem riesenhaften
Stalinporträt paradieren. Von Stalin hatte ich schon so manches gehört.
Ich fragte also am nächsten Tag noch mal nach. Die Erklärung
des älteren Schülers enthielt im Prinzip schon alles, was ich
in den folgenden Jahrzehnten so von linken Freunden zu Ohren bekam. Ich
hätte ja recht mit Stalin, aber die chinesischen Genossen sähen
das nun mal anders und man müsse bedenken, was gerade in Vietnam
los ist, wie solidarisch China dort den Kampf des Volkes unterstützt.
Überzeugend war das nicht. Aber es gab im Westen ja noch genügend
andere Möglichkeiten links zu sein. Man konnte Trotzkist werden oder
am besten gleich Anarchist, da musste man wenigstens keine hässlichen
Regime rechtfertigen. Ich verabschiedete mich also von den realen Sozialismen
las linke Renegatenliteratur und schwelgte im wehmütigen Blues der
wahren und gescheiterten Revolutionäre. Diese Lösung war gewissensmäßig
recht angenehm und hielt fürs erste stand.
So ging es eine Weile gut, bis das Geld aus den Ferienjobs für Reisen
reichte. Die kommunistischen Länder Europas, die ich besuchte, waren
eigentlich keine besondere Enttäuschung. Was mich dort erwartete,
hatte ich ja schon vorher gelesen. Bei den Hoffnungsträgern der Dritten
Welt kam die Verunsicherung schon heftiger, in Tansania zum Beispiel.
Da regierte Julius Nyerere. Das Volk nannte ihn liebevoll "Mwalimu",
Lehrer, das hatte ich jedenfalls in deutschen Dritte-Welt-Broschüren
gelesen. Nyerere galt als eine Art sanfter Mao. Er schickte die Bauern
mehr oder minder freiwillig in sozialistische "Ujamaa-Dörfer"
in denen es kein Privateigentum mehr gab. Die Folgen waren verheerend.
Alle Lebensmittel wurden knapp und teuer; Seife, Benzin oder Zigaretten
unbezahlbar. Nur der Schwarzmarkt funktionierte. Doch den Funktionären
der Chama Cha Mapinduzi (Partei der Revolution) ging es weiterhin gut.
In speziellen Schuppen am Flughafen lagerten ausreichend Kühlschränke
und Klimaanlagen für sie. Nyerere war kein blutrünstiger Diktator,
nicht korrupt und voller gutem Willen. Sein Glaube an kollektives Eigentum
und die Planbarkeit der Wirtschaft genügte jedoch völlig, um
Tansania nachhaltig zu ruinieren. Macht nichts: Nyerere gilt heute noch
als Held und Che Guevara, der Kubas Wirtschaft zerstörte, erst recht.
Nicht Taten zählen sondern Worte.
Was ist mit mir geschehen? Bis heute haben sich meine politischen Träume
nicht verändert. Ich wünsche mir nach wie vor eine Welt ohne
Armut, ohne Unterdrückung, ohne Privilegien für wenige und mit
gleichen Chancen für alle. Ich habe nur nach und nach aufgehört
daran zu glauben, dass diese Ziele durch staatliche Lenkung, gut gemeinte
Verbote und das Verteilen von Steuergeld erreicht werden können.
Aus mir ist also eine Art Wertelinker geworden, der etatistische Patentrezepte
mit zunehmender Skepsis betrachtet. Ist das schon rechts? Schauen wir
erstmal, wie es weiterging.
Ein paar Jahre später führten mich meine Reisen dann auch mal
nach Südostasien. Dort war mancherorts unübersehbar, wie die
Massenarmut rapide abnahm. Doch meine Freunden interessierte es nicht,
dass es Südkorea, Taiwan und Thailand offensichtlich immer besser
ging. Und zwar nicht nur den dortigen Oberschichten, sondern auch den
Arbeitern und Bauern. Mitte der Siebziger hatte der Club of Rome noch
gewaltigen Hungersnöten mit Millionen von Toten für diese Weltgegend
prophezeit. Nun nahmen Malaysia, Hongkong und Co. ihren alten Kolonialherren
die Märkte ab. Dabei hatten auch sie einmal so arm wie Tansania angefangen.
Es ging also doch: Die Verdammten dieser Erde holten gewaltig auf. Leider
jedoch mit kapitalistischen Methoden. Und das war es wohl auch, was den
Aufstieg Asiens unter deutschen Linken zum Null-Thema machte.
Die Zweifel wurden nagender. Waren wirklich nur stalinistische Despoten
an der Armut im Sozialismus schuld? Steckte hinter den Auffälligen
Wohlstandsgefälle zwischen Nordkorea und Südkorea, BRD und DDR
nicht doch ein prinzipiellerer ökonomischer Irrtum des Sozialismus?
Noch in den neunziger Jahren las ich dem Bestseller "Die Globalisierungsfalle"
das Gegenteil: Nicht staatliche Planung und Bürokratie mache die
Menschen arm, sondern Markt und Wettbewerb. Unter anderem sagten die Autoren
dieses damals hoch gepriesenen Werkes voraus, dass die Entstaatlichung
der Telekommunikation viele tausend Arbeitsplätze kosten werde. Kurz
darauf trat - wie bei so vielen linken Prophezeiungen - das glatte Gegenteil
ein: Tausende Jobs entstanden bei den neuen Telefongesellschaften und
telefonieren wurde für alle billiger. Wie schrieb Tucholsky so schön:
"Es ist die Aufgabe des historischen Materialismus zu zeigen, wie
alles kommen muss - und wenn es nicht so kommt, zu zeigen, warum es nicht
so kommen konnte."
Nun fing ich an Bücher zu lesen, die früher bei mir und meinen
Freunden auf dem Index der guten Gesinnung standen: Unter anderem solche
von Popper und Hayek. Die Freiheitsliebe und Staatsskepsis der beiden
alten Erzliberalen wirkte irgendwie ansteckend. Und darüber hinaus
lag ihre intellektuelle und sprachliche Klarheit weit über dem, was
ich aus linker Theorie so gewohnt war. Was ich von meiner Lektüre
zu berichten hatte, focht die meisten meiner Gesprächspartner nicht
weiter an. Sie kannten Popper und Hayek schon lange, auch ohne sie gelesen
zu haben. Dieser Reflex begegnete mir unter Linken nun immer häufiger:
Auch wenn man fast nichts weiß, weiß man es dennoch besser.
Allein die Tatsache, dass man eine bestimmte Haltung dabei einnimmt, adelt
alles was man sagt oder tut. Angenehmerweise kostet diese Haltung nichts
und ist für jeden Opportunisten billig zu erwerben. Die Linke, meinte
der Politologe Ekkehart Krippendorff einmal, habe immer das Element der
historischen Wahrheit für sich, die Rechte dagegen "das Element
der Unwahrheit und des Unrechts." So einfach kann die Welt sein.
Solcher Hochmut tritt heute viel deutlicher zutage, als zu den Hochzeiten
linker Theorie. Waren die Sechziger-Jahre-Intellektuellen noch wandelnde
Bibliotheken, so unterwerfen sich ihre Epigonen einer freiwilligen Zensur,
die fast alles außerhalb der eigenen Wohlfühlliteratur ausblendet.
Der ideelle Gesamtlinke von einst war ein kettenrauchender Bücherwurm,
der eine Aura geistiger Übermacht um sich verbreitete. Ehrfurcht
gebietend strahlte ein Regenbogen aus Suhrkamp-Taschenbücher über
seinen frisurlosen, vom vielen Denken zerrauften Haaren. Wer es wagte,
sich mit ihm anzulegen, wurde mit Gramsci, Mandel oder Adorno erschlagen.
Heute trifft man in den sich links dünkenden Kreisen zwar auf kulturell
überaus rührige Theaterbesucher, Feinschmecker, Wein- und Kunstkenner.
Genauere Kenntnisse aus Politik und Ökonomie werden dort jedoch für
unnötig gehalten. Man fühlt sich über solche profanen Dinge
erhaben. Es geht heute unter allgemeinem Kopfnicken durch, wenn ein mehrfach
Grimme-Preis-gekrönter Drehbuchautor alle Maßstäbe verlierend
erklärt: "Wir leben in einer Zeit, in der der Faschismus der
Profits überhand nimmt." Arroganz ersetzt Analyse.
Besonders deutlich wird dieses seltsame Nichtwissenwollen, wenn es um
Wissenschaft und Technik geht - Felder, mit denen man sich als Linker
nicht beschäftigt. Schon in meiner ersten Kapital-Schulung bekam
ich beigebracht, dass keinesfalls James Watts Dampfmaschine die Industrielle
Revolution beflügelt habe, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse
hätten die Dampfmaschine hervorgebracht. Schafft die Computerrevolution
Arbeitsplätze, reinigt der Katalysator die Luft, steigert Gentechnik
die Ernten, dann sitzt die Linke auf dem Sofa, verschränkt die Arme
und ist beleidigt. Fortschritt darf nur durch gesellschaftliche Umwälzungen
entstehen und keinesfalls durch Technik. Aber der linke Mainstream hat
sich ja ohnehin vom Gedanken des Fortschritts verabschiedet. Stattdessen
pflegt man eine Art negativen Adventismus, der sich aus Versatzstücken
der Marxschen Verelendungstheorie und ökologistischen Untergangsszenarien
speist. Egal was passiert, es führt uns näher an den unvermeidlichen
Abgrund. Begründungen dafür werden ungeniert gewechselt: Die
Arbeiter kommen zu Wohlstand. Aaaber die Dritte Welt wird immer ärmer!
Dritte-Welt-Länder holen auf. Aaaber die Umwelt! Die Umwelt wird
sauberer. Aaaber die Klimakatastrophe kommt! Irgendwie wird schon alles
den Bach runter gehen. "In der Linken sammelten sich vor allem Leute,
die verdreht denken," sagte der Historiker (und Ex-Aktivist des "Sozialistischen
Büros") Dan Diner einmal. "Sie malten stets Worst-Case-Szenarien
an die Wand und wurden dann aus Panik immer radikaler, weil sie an ihre
eigenen Unheilsprophezeiungen zu glauben begonnen hatten."
Als ich mich mit Ende Zwanzig für den Journalismus entschied, heuerte
ich selbstverständlich in ökosozial mustergültigen Redaktionen
an. Doch eigentlich war ich schon damals fürs Linkssein verloren.
Ich wusste es nur noch nicht. Doch dann lernte ich den Typus des deutschen
Karrierelinken im Arbeitsalltag kennen. Das gab mir den Rest. Nach und
nach fing ich an, manche konservativen Kollegen sympathischer zu finden.
Da gab es welche, die achteten auf fair play, zeigten soziale Verantwortung
und leisteten praktische Hilfe. Vielleicht lag es an einer christlichen
Grundhaltung, vielleicht wollten sie mir demonstrieren, dass sie "doch
gar nicht so sind". Wie dem auch sei, bei meinen Gesinnungsgenossen
suchte ich solche einfachen menschlichen Qualitäten meistens vergeblich.
Es reichte ihnen, für das globale Gesamtgute zuständig zu sein,
was zählten da schon die Alltagsprobleme einer Sekretärin. Ja,
ich weiß: Natürlich gibt es statistisch vermutlich ebenso viele
rücksichtlose Konservative wie soziale Linke. Nur ist mir dummerweise
die umgekehrte Kombination viel häufiger begegnet.
Während sich also auf menschlicher Ebene Irritation breit machte,
stand ich mit meinem verbliebenem linken Fortschrittsoptimismus immer
häufiger alleine da. "Das Ende ist nah!", schallte es aus
den ehemals fortschrittlichen Leitmedien. Und das Ende hieß nun
nicht mehr "Revolution" oder "Befreite Gesellschaft"
sondern Weltuntergang (wahlweise als ökologisches Desaster, oder
von den Amis angezettelter Weltkrieg). Der linke Mainstream nahm eine
konservative Bewahrungshaltung ein. "Progressiv" wurde zum schmutzigen
Wort. Hatte man früher nach Veränderung gelechzt, warnte man
jetzt mit sorgenvollem Stirnrunzeln vor zuviel Veränderung und wies
auf die Risiken hin. Technischer Fortschritt? Nein, danke. Globaler Freihandel?
Vorsicht. Mehr Freiheit für den Einzelnen? Lieber nicht. Kampf gegen
Diktaturen? Ohne uns. Nun, das Leben in Deutschland ist recht angenehm,
wenn man einen warmen Posten im Kulturbetrieb hat, Regierungspolitik in
der Verwaltung exekutiert oder als subventionierter Ökoaktivist das
Gute repräsentiert. Da vergisst man eben gern, was draußen
in der Welt so los ist.
Dummerweise geben aber die Amis keine Ruhe. Diese Störenfriede sind
seit dem 11. September 2001 der Meinung, dass die Unterdrückung des
Menschen auch in islamischen Ländern beseitigt werden sollte. "Hybris!",
schimpfen die, die ihre eigenen Freiheitsrechte für eine Selbstverständlichkeit
halten. Aber war nicht einst der Kampf gegen Unterdrücker und Menschenschinder
links? Hieß links sein nicht fortschrittsoptimistisch sein, Lust
auf Veränderung haben und an ein besseres morgen glauben? Kann sich
noch einer daran erinnern?
Erschienen in LITERARISCHE WELT am 23.08.2003
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