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Politik ohne Notstrom-AggregatDie Energiewende, Lenin und mein Nachbar Von Dirk
Maxeiner
Angela Merkel kommentierte den Atomkraft-Ausstieg Anfang der Woche mit der Anmerkung, Deutschland sei "Vorreiter zur Schaffung eines neuen Zeitalters". Kleiner haben sie es in Berlin derzeit nicht. Ist halt ein verdammt gutes Gefühl und Balsam für die deutsche Seele: Wir sind Vorreiter! Moralisch, technisch und überhaupt. Und die Welt muss uns hinterher reiten. Mehr als vier Milliarden Menschen in Asien, eine Milliarde Afrikaner, fast eine Milliarde Nord- und Südamerikaner und knapp 750 Millionen Europäer (mit Russland) haben nur darauf gewartet, dass die Deutschen ihnen endlich zeigen, wo es lang geht. Glauben Angela Merkel und die Ihren. Stellvertretend für den Rest der Welt hat sich immerhin die Schweiz entschlossen, sie in diesem Glauben zu bestätigen. Nun versetzt Glaube bekanntlich Berge, heilt Kranke und macht Lahme wieder flott. Außerdem sichert er die Zahlungsfähigkeit Griechenlands und lässt Windräder selbst dann Strom produzieren, wenn kein Lüftchen weht. Ich bemühe mich seit vielen Jahren um einen aufrichtigen Glauben, doch der Zweifel ist ein Nagetier, das sich nur schwer vertreiben lässt. Mein unmittelbares Verhältnis zu Strom habe ich bei einem Indien-Aufenthalt erworben. Da hängen die Windräder an der Decke und fächeln Dir eine kühle Brise zu. Und dann trudeln sie in der größten Mittagshitze plötzlich aus, Du schwitzt und weißt: Strom weg. Der erste Gang führt dann in den Hausflur, um nachzuschauen ob der angekündigte Besuch im Aufzug feststeckt. In Abwandlung eines Zitats von Lenin lautet meine Devise deshalb: Vertrauen ist gut, ein Notstromaggregat besser. Gibt es bei E-Bay schon für ein paar hundert Euro (noch). Meine heimische Ölheizung braucht schließlich ebenfalls einen Stromanschluss um zu funktionieren. Ja, ich weiß: Die Warnungen vor winterlichen Blackouts und Zusammenbrüchen der Stromnetze sind wahrscheinlich nur Panikmache von beleidigten Atom-Fuzzis. Die wollen uns den Ausstieg vermiesen. Aber was ist, wenn sie die Wahrheit sagen? Ich empfehle das Vorsorgeprinzip: Wenn nicht komplett ausgeschlossen werden kann, dass diese Typen doch mal recht haben, dann muss so ein Mini-Generator her. Mein Nachbar besitzt ebenfalls einen. Er benutzt das Ding bisher beim Camping und es läuft zur Not sogar mit Salatöl. Mein Nachbar glaubt auch nicht so ganz an das „nachhaltige Deutschland“, dass die Bundesregierung in ihrer „nationalen Nachhaltigkeitsstrategie“ skizziert. Das letzte nachhaltige Deutschland war ja bekanntlich auf 1000 Jahre angelegt, das ambitionierte Projekt hat aber nur zwölf gedauert. Zugegeben, die Anspielung ist jetzt gemein, aber muss ein Energie-Konzept wirklich „unumkehrbar“ und für die Ewigkeit ausgelegt sein? Wie klug ist Politik gleichsam ohne Notstrom-Aggregat? Wenn Politiker vorgeben, die Zukunft zu kennen, ist höchste Vorsicht geboten. Wie sagte Gerhard Schröder im Juni 1989 so schön: „Nach vierzig Jahren Bundesrepublik sollte man eine neue Generation nicht über die Chancen einer Wiedervereinigung belügen. Es gibt sie nicht“. Und Joschka Fischer wollte die Sache gleich unumkehrbar machen: „Wir sollten das Wiedervereinigungsgebot aus der Präambel des Grundgesetzes streichen.“ Jetzt ruft Angela Merkel ihr „neues Zeitalter“ aus, ganz so, als sei die Zukunft lediglich eine Energiesparvariante der Gegenwart. Und ins Grundgesetz soll der Ausstieg möglichst auch, damit künftige Generationen nicht auf dumme Gedanken kommen. Dem Bürger ist nämlich nicht zu trauen, besonders wenn er noch nicht geboren ist. Ob das Heil der Menschheit in den erneuerbaren Energien liegt, ob ganz neue und noch unbekannte Optionen auftauchen, oder ob eine Renaissance der fossilien Brennstoffe bevorsteht, wird sich zeigen. Vieles spricht derzeit ausgerechnet für Letzteres. „Kommt das goldene Zeitalter des Erdgases?“ fragt die internationale Energieagentur IEA und spricht von einer „stillen Revolution.“ Wegen der hohen Energie-Preise und der Abhängigkeit von politisch unsicheren Lieferanten wurde nach neuen Lagerstätten und Fördertechniken für Erdgas gesucht und auch die Erschließung von so genannten „unkonventionellen Reserven“ rechnet sich plötzlich. Das sind beispielsweise Gasvorräte, die tief unter der Erde in Schieferschichten eingeschlossen sind. Die USA fanden so viel Gas, dass sie inzwischen von Importen unabhängig sind. Beim jetzigen Verbrauch reichen sie für mindestens 100 Jahre. Die Welt verfügt heute über sechsmal (!) so viel bekannte Gasreserven wie vor zehn Jahren. Sie finden sich von Südafrika bis Polen, von China und Indien bis Australien, von Kanada bis Mexiko. Unter Deutschland schlummern die zweitgrößten Vorräte Europas. Überall auf der Welt werden Milliarden in Probebohrungen und neue Technologien investiert, auch um die Umweltprobleme dieser Fördertechnik in den Griff zu bekommen. Erdgas ist umweltfreundlicher als Kohle und Erdöl, man kann damit Heizen, Strom erzeugen und sogar Auto fahren (und man kann damit Schwankungen der Windenergie ausgleichen). Während die einen sich über die „Gasschwemme“ (IEA) mächtig freuen, sind andere ziemlich erschrocken. Besonders die Russen, weil sie die Preise nicht mehr diktieren können. Und auch die deutsche Energie-Avantgarde, weil das „neue Zeitalter“ so ganz anders kommen könnte, als sie sich das gedacht haben. Jedenfalls schwillt der Protest gegen Erdgas-Probebohrungen im Ruhrgebiet bereits an. Motto: Wir sind die Guten und reiten wie einst Winnetou und Old Shatterhand voraus in den Sonnenuntergang - aufrecht und ohne Notstromaggregat. Erschienen in der BASLER ZEITUNG am 10. Juni 2011
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