StandpunkteFremdes Amerika Hintergrund:
Bücher auf dem deutschen Wegvon Dirk Maxeiner und Michael Miersch Armes Russland: Eigentlich ist es offizielles Gastland der Frankfurter Buchmesse. Dennoch stehen die Russen wieder mal im Schatten der USA. Die Deutschen kaufen wie wild Amerika-Bücher, jedenfalls eine bestimmte Sorte. Armes Amerika: An der Spitze der Bestsellerlisten thronen seit über einem Jahr Werke, in denen die Bush-Regierung als Bande halbdebiler, machtgeiler und kriegslüsterner Rabauken charakterisiert wird. Zeigen sich auf dem Buchmarkt tatsächlich "die vehementen Zweifel an der gegenwärtigen US-Politik", wie etwa Spiegel-Special zur Buchmesse schreibt? Wir glauben nicht, dass sich irgendwelche Zweifel zeigen. Ganz im Gegenteil. Hier wird überwiegend eine von jedem Zweifel freie Klientel bedient, die ihre soliden Vorurteile pflegen möchte. Kürzlich erklärte uns der Cheflektor eines großen deutschen Verlages, derzeit müsse man nur eine brennende US-Flagge auf Buchdeckel drucken, um Verkaufserfolge zu erzielen. Was drin steht sei dann egal. Armes Deutschland. Beim Boom des Amerikabashing geht es nicht wirklich um die Analyse von Fehlern der Bush-Regierung, genauso wenig wie es bei vielen Israel-Schmähungen nicht wirklich um Sharons Siedlungspolitik geht. Michael Moors Bücher beispielsweise werden in den USA als witzig-polemische Kritiken gelesen. Hierzulande dienen sie als Gesinnungsausweise für Nationalpazifisten. Moors Einspruch gegen den amerikanischen Waffenkult landet in einem Eintopf aus Coca Cola-Imperialismus, Bombenkriegsdebatte, Indianerromantik und Vietnamdemo-Nostalgie. Nur wenige Leser haben bemerkt, dass der eine Moore-Bestseller ("Querschüsse") in der Clinton Ära und der andere ("Stupid White men") vor dem 11. September 2002 verfasst wurde. Die deutsche Überheblichkeit gegen alles was amerikanisch ist, geht mit erstaunlicher Ahnungslosigkeit einher. Man frage einmal Freunde und Verwandte (wir haben es ausprobiert): Welcher Präsident prägte das Wort "Schurkenstaaten"? Wer sprach als erster von "Regimewechsel im Irak"? Wer hat das Kyoto-Protokoll nicht unterzeichnet? Die Antwort wird mit hoher Wahrscheinlichkeit lauten: George Bush. Leider ist sie falsch. Richtig muss es heißen: Bill Clinton. Aber wer will sich sein Weltbild schon durch Fakten kaputtmachen lassen. In Deutschlands Buchläden sind viele Hunderttausend Bücher lieferbar. Nur gut zwei Dutzend davon vermitteln in populärer Form Faktenwissen über die Geschichte der USA. Doch die interessieren allenfalls ein paar Historiker und Anglisten. Zum Vergleich: Zu den Indianerstämmen Nordamerikas werden zehn mal soviel Bücher verlegt. Wenn diese erschütternde Einseitigkeit eine Spezialität des Buchmarktes wäre, könnte man sie noch als flüchtige intellektuelle Mode abtun. Doch nahezu die komplette Fernsehe- und Hörfunkberichterstattung und die überwiegende Zahl der Zeitungen und Zeitschriften verbreiten das gleichen Amerikabild. Eine Untersuchung der Konrad-Adenauer-Stiftung über Fehlprognosen während des Irakkrieges ("Hunderttausende Tote", "Millionen von Flüchtlingen") kommt zu dem deprimierenden Resümee: "Offenbar führt auch der zweifelsfreie Beleg, Unsinn geredet zu haben, nicht zu nachhaltigem Ansehensverlust." Gegenüber der Medien-Berichterstattung misstrauisch geworden haben wir uns angewöhnt, die Originaltexte der Ansprachen von Bush, Rice und Powel aus dem Internet zu beschaffen. Beim Aufschlagen der Zeitungen oder Verfolgen der Fernsehnachrichten, kommen wir oft aus dem Staunen nicht raus. Welche Passagen zitiert und in welchen Zusammenhang gestellt werden, zielt ganz offensichtlich darauf ab, eine einseitige Erwartungshaltung zu bedienen. Neu entdeckte Massengräber im Irak sind nirgends ein großes Thema. Die Demokratisierung und der zügige Aufbau der Infrastruktur, die schneller vorankommen als in Deutschland nach 1945, findet in den Medien ebenfalls kaum statt. Statt dessen wird jede schlechte Nachricht, die ins vorgefasste Bild passt, munter gesendet, gedruckt und ausgewalzt. Wenn renommierte Verlage und Sendeanstalten die kruden Verschwörungstheorien und Falschbehauptungen von Bröckers, Bülow und Co. unters Volk bringen, sind Kategorien wie "Aufklärung", "Kritik" und "Skepsis" vollkommen fehl am Platze. Hier findet keine Debatte statt sondern eine Kampagne. Sie nährt sich aus Selbstgerechtigkeit und Ressentiment. Die gebildeten Schichten dieses Landes sausen ohne Tempolimit auf dem deutschen Weg. Doch wohin wollen sie?
Erschienen in Die Welt vom 07.10.03
Copyright © 1996-2009 Dirk Maxeiner und Michael Miersch. |
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