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Standpunkte

Anarchismus

Hintergrund:
In der Umgangssprache und im Journalismus wird "Anarchie" fälschlicherweise als Synonym für "Chaos" und "Terror" benutzt.

 

Ein Herz für Anarchisten

von Dirk Maxeiner und Michael Miersch

Von allen politischen Heilslehren des 19. Jahrhunderts hat der Anarchismus die mit Abstand schlechteste Publicity. Und weil wir dieser Kolumne gern verkannte Minderheiten in Schutz nehmen (Wissenschaftler, Unternehmer, US-Regierungen, liberale Politiker), öffnen wir heute mal unser Herz für Anarchisten. Der schlimmste Feind des Anarchisten ist der Journalist. Ihm verdankt er seinen schlechten Ruf. Was steht in der Zeitung, wenn Drogenbosse und Clanführer in Afghanistan aufeinander los gehen? Anarchie am Hindukusch! Wie heißt es, wenn die Kurse mal verrückt spielen: Anarchie an der Börse! Und wenn irgendwo Bombe unbekannter Herkunft explodiert, werden garantiert Anarchisten dahinter vermutet. Der Leser lernt: Anarchie heißt Chaos. Und Anarchisten sind Terroristen.

Kommen wir zunächst zum zweiten Vorurteil. Ja, es gab Anarchisten, die Bomben legten (am häufigsten im Zarenreich). Aktuell bekannte sich in Italien ein dubioses "Bündnis Informeller Anarchisten" zu Briefbomben auf EU-Funktionäre. In der Geschichte des Terrorismus spielen diese Leute jedoch eine winzige Nebenrolle. Die weitaus meisten Attentate wurden von religiösen Fanatikern, Faschisten und Kommunisten ausgeführt. Dennoch blieb das blutige Image an den Anarchisten hängen. Über dem ersten RAF-Steckbrief in den siebziger Jahren prangten die Worte "Anarchistische Gewalttäter", obwohl die Baader-Meinhof-Bande sich als kommunistischer Guerillatrupp verstand.

In der Rangliste der politischen Mörder und Unterdrücker des 20. Jahrhunderts rangieren Anarchisten ganz weit unten. Zweimal hatten anarchistische Bewegungen für einen Wimpernschlag der Geschichte so etwas wie Macht über ein Territorium. Das war in der Ukraine (zwischen 1918 und 1921) und in Katalonien (1936). Sie agierten dort nicht blutiger als ihre Gegner von denen sie später ausgerottet wurden (Faschisten und Kommunisten waren sich in dieser Hinsicht stets einig). Die vorherrschenden Strömungen des Anarchismus hatten mit Gewehren und Bomben jedoch wenig am Hut. Sie propagierten eine gewaltlose Gegenkultur oder versuchten auf die Gewerkschaftsbewegung Einfluss zu nehmen.

Vorurteil zwei besagt, dass Anarchie ein Synonym für Chaos sei. Nun, die Theoretiker des Anarchismus (Stirner, Proudhon, Bakunin, Kropotkin) mögen Illusionen gehabt haben und Irrtümern erlegen sein. Ihr Ziel war jedoch nicht Zerfall und Konfusion. Sie strebten ein herrschaftsfreies Zusammenleben aller Menschen an: Demokratie in ihrer reinsten Form. Strittig ist bis heute das Verhältnis zum Eigentum: Manche möchten es gänzlich abschaffen, andere wiederum (wie der Ökonom David Friedman) schwärmen vom Anarchokapitalismus, wo nach freiwilliger Übereinkunft die bisherigen Staatsaufgaben privatisiert und dadurch effizienter und billiger werden. Gemessen an den Zielvorstellungen der Theoretiker ist die Schweiz heute das anarchistischste Land der Welt (und sicherlich nicht das chaotischste). Denn nirgendwo ist die Regierung machtloser und die direkte Demokratie stärker.

Freiwillige Zusammenschlüsse ohne Hierarchie und größtmögliche Freiheit des Individuums: So stellen sich Anarchisten die ideale Gesellschaft vor. Das müsste eigentlich jedem einleuchten, der sich aus seiner "selbstverschuldeten Unmündigkeit" (Kant) befreien möchte. Nur möchte das gar nicht jeder: Aus verständlicher Bequemlichkeit und Verantwortungsscheu ziehen es viele Menschen vor, ihre Interessen zu delegieren, anstatt andauernd für sich selbst haftbar zu sein. Und deshalb ist der Anarchismus immer ein Minderheitenprogramm geblieben. Zu schön um wahr zu sein. Und vor allem viel zu anstrengend, um Mehrheiten dafür begeistern zu können.

Anarchisten halten uns den Spiegel vor: So könnte die Welt aussehen, wenn wir wirklich aufgeklärt, mündig und frei wären! Dafür sollte man ihnen ein bisschen dankbar sein und sie nicht ständig als Terroristen oder Chaoten missverstehen. Also, liebe Kollegen in den Medien, wenn das nächste mal irgendwo Chaos herrscht und ihr wollt einen Wiederholungsfehler vermeiden: Nehmt "Durcheinander", "Wirrwarr", "Unordnung" - aber bitte nicht "Anarchie". Und wenn das nächste mal irgendwo eine Bombe explodiert: die Täter sind allemal Terroristen (vielleicht religiöse, vielleicht politische oder verrückte), aber mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Anarchisten.

 

Erschienen in Die Welt vom 28.1.2004