StandpunkteHomöopathie & Co Hintergrund:
Wunder auf Krankenscheinvon Dirk Maxeiner und Michael Miersch Die zweitgrößte Hotelstadt Frankreichs nach Paris heißt Lourdes. Viele Millionen Menschen pilgern in der Hoffnung auf Heilung in den Wallfahrtsort am Fuße der Pyrenäen. Die menschliche Psyche ist mächtig. Glauben kann helfen und sogar heilen. Die Kirche hält sich in Sachen Wunder dennoch vornehm zurück und legt großen Wert darauf, medizinische und geistige Aspekte zu trennen. Das ist klug, denn der Übergang ist fließend hin zu jenen magischen Heilslehren, die heute so grassieren. Eine Gesellschaft, die sich scharenweise von der Kirche verabschiedet, kehrt ausgerechnet in medizinischen Belangen zum reinen Glauben zurück. So beriet gestern der gemeinsame Bundesausschuss, das Spitzengremium der Krankenkassen, Ärzte- und Patientenvertreter darüber, ob Homöopathie und Anthroposophische Heilkunde zum "unverzichtbaren Therapiestandard" gehören - und somit von der Gemeinschaft der Versicherten bezahlt werden sollen. Lourdes auf Krankenschein gewissermaßen. Wunderheiler und Gurus, die sich früher in der Esoterikecke tummelten, geben heute in der Gesundheitsdebatte den Ton an. In der Alltagssprache firmiert offensichtlicher Humbug als "Ganzheitliche Heilkunde" und "Sanfte Medizin". Bunte Illustrierten und TV-Prediger à la "Fliege" haben die Deutungshoheit. Therapien, die auf Wissenschaft, Logik und wiederholbaren Versuchen beruhen, werden selbst von ihren Verfechtern inzwischen als "Schulmedizin" etikettiert. Das klingt irgendwie herzlos und ist auch so gemeint. Die ehemalige Alternativszene ist beim Marsch durch die Institutionen ganz oben angekommen. Der Goldstandard, in dem sich medizinische Therapien beweisen müssen, ist die "randomisierte klinische Studie". Doch schon 1997 sorgten Gesundheitsminister Seehofer und Kanzler Kohl dafür, dass unser Gesundheitswesen von der international anerkannten Überprüfungsmethode Abschied nahm. Seither mussten die Kassen auch Behandlungen bezahlen, die nur innerhalb der jeweiligen Glaubensrichtung abgesegnet waren. Nach der letzten Sparwelle war damit wieder Schluss. Doch die "sanften Mediziner" verstehen auch was von knallharter Lobbypolitik, also geht das Ganze wieder von vorne los. Was genau soll da bezahlt werden? Anthroposophische Medizin geht auf Rudolf Steiner zurück, einen Guru des frühen 20. Jahrhunderts, der überzeugt war, dass die Welt voller Geisterwesen steckt. Von ihm stammt beispielsweise die Erkenntnis, das Kühe bessere Milch geben, wenn ihnen der Mond aufs Hinterteil scheint. Auch seine Heilkunde basiert nicht auf nachvollziehbaren Experimenten, sonder ist nur innerhalb seiner Glaubenswelt zu erklären. Ähnlich bei der Homöopathie: Sie stammt von Samuel Hahnemann (1755-1843) und wurde seither im Kern nicht erneuert. Hahnemannsche Heilsubstanzen werden mit Wasser verdünnt, und zwar in solchen Mengen, dass am Ende nicht mal mehr Moleküle enthalten sind. Angeblich entfaltet sich aber eine Art Geist des Stoffes. Die Mehrheit der Deutschen glaubt laut Allensbach an solche Mysterien. Sollen sie. Aber bitte auf eigene Kosten und auf eigene Gefahr. Denn die "sanfte Medizin" ist durchaus nicht ungefährlich: Einerseits lassen Menschen mit schweren Krankheiten wertvolle Zeit verstreichen, bevor sie sich wieder überprüfbaren Therapien zuwenden. Zweitens fehlt Geld für künstliche Nieren oder teure Krebsmedikamente, wenn die Kasse Glaubens gestützte Beliebigkeit finanziert. Und drittens: Wenn Homöopathie und Anthroposophie anerkannt werden, drängeln morgen Bachblütenanhänger, Edelsteinheiler, Pendeldiagnostiker und Eigenurin-Gurus unter das warme Dach der Solidargemeinschaft. Die Verantwortlichen haben dem gestern Vorschub geleistet. Das letzte Wort hat jetzt Ulla Schmidt. Möge die Aufklärung den Sieg davon tragen. Für alle Gläubigen empfiehlt es sich derweil, die Fortschritte der Schulmedizin als Wunder zu betrachten. Denn Sie hat maßgeblich dazu beigetragen, dass wir heute doppelt so lange leben wie vor 200 Jahren.
Erschienen in Die Welt vom 17.03.2004
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