StandpunkteGentechnik-Gesetz Hintergrund:
Eiserner Verbraucherschutzvon Dirk Maxeiner und Michael Miersch Begeisterungsfähigkeit und der Glaube Dinge verändern zu können, müssen mit zunehmendem Alter trotzig behauptet werden. Jeder trägt sein Bündel an Enttäuschungen. Vor längerer Zeit hatten wir mal öffentlich vorgeschlagen, den beiden Gentechnik-Pionieren Ingo Potrykus und Peter Beyer den mit 500.000 Euro dotierten deutschen Umweltpreis zu verleihen. Ihr gentechnisch gezüchteter "Goldener Reis" ist reich an Vitamin-A. Weltweit leiden Millionen Kinder an schwerem Vitamin-A-Mangel, viele sterben daran, noch mehr bekommen massive Sehstörungen. Der Goldene Reis könnte viele von ihnen retten. Was uns so begeisterte: Die beiden Forscher haben das Patent an der neuen Reissorte (und damit die Arbeit von zehn Jahren) für arme Kleinbauern frei gegeben. Es ist ihnen gelungen, Weltkonzerne zu bewegen, auf ihre Rechte an dem biotechnischen Verfahren zu verzichten. Ist das nicht eine wunderbare Leistung? Und des Preises der Deutschen Bundesstiftung Umwelt würdig? In den Vergaberichtlinien der Stiftung heißt es: Die ausgezeichnete Leistung soll Vorbildfunktion für Personen, Unternehmen und Organisationen haben. Sie sollte dazu beitragen, Umweltprobleme rechtzeitig zu erkennen und zu entschärfen. Innovative, vernetzte und ganzheitliche Lösungsansätze würden besonders berücksichtigt, kooperationsstiftende und interdisziplinäre Leistungen vorrangig bewertet. Frohen Mutes hatten wir den Papierkrieg aufgenommen. Als wir mit Ingo Potrykus telefonierten, dämpfte der jedoch sogleich unsere Hoffnungen: "Glauben Sie im Ernst, in Deutschland bekommt einen Gentechnik-Wissenschaftler einen Umweltpreis?" Da sprach ein Mann, an dem der Propagandafeldzug der Antigentechnik-Koalition nicht spurlos vorübergegangen war ("trojanisches Pferd der Genkonzerne"). Nach gutem Zureden schickte er uns Veröffentlichungen, Referenzen und Empfehlungen (sie stammten von der internationalen Crème de la Crème der Entwicklungs- und Umweltexperten). Er tat es wohl auch, um uns naiven Nervensägen ruhig zu stellen. Nun ja: Vom Umweltpreis haben wir nie wieder etwas gehört, Ingo Potrykus und Peter Beyer auch nicht. So ist das Leben. Aber wir fragen uns oft: Was geht wohl in solchen Wissenschaftlern vor, die die Welt ein bisschen besser machen wollen und zur Belohnung (zumindest im eigenen Lande) entweder ignoriert oder gar bekämpft werden? Daran mussten wir auch am Freitag vergangener Woche wieder denken, als im Bundestag das neue Gentechnik-Gesetz verabschiedet wurde. Mit Täuschen und Tarnen und allen parlamentarischen Tricks hat die Regierung ein Paragraphenwerk durchgepaukt, dass vordergründig den herkömmlichen Anbau schützen, tatsächlich aber die Erforschung und Anwendung der Gentechnik in Deutschland unmöglich machen soll. Was geht in den dafür Verantwortlichen grünen Beamten, Staatssekretären und Ministern vor sich? Sie sind vermutlich gut informiert und wissen ganz genau, was die Sicherheitsforschung nunmehr seit über einem Jahrzehnt zeigt: Von gentechnischen Pflanzen geht keine gesundheitliche Gefahr aus, die das Risiko herkömmlicher Neuzüchtungen übersteigen würde. Sie wissen ebenso: In Entwicklungsländern können verbesserte Pflanzen die Not der Menschen und die Zerstörung der Umwelt in vielfacher Hinsicht lindern. Sie wissen überdies: Länder wie Thailand, die auf Reisexport auch nach Deutschland angewiesen sind, werden aus Angst vor Einbussen die dringend benötigten neuen Pflanzen allenfalls zögernd anbauen. In den Berliner Ministerien kennt man diese Zusammenhänge nicht nur, man kalkuliert sogar bewusst auf diesen Effekt hin. Empfinden sie Stolz? Genugtuung? Sitzen Sie in Berlin bei "Borchardt" zusammen und prosten sich ob des gelungenen politischen Coups zu? Amüsieren Sie sich über die beifälligen Schlagzeilen ("Regierung stellt Verbraucherschutz über Genkonzern-Interessen")? Das Kalkül funktioniert. Die Mehrheit applaudiert. Hierzulande ist Vitamin-A-Mangel kein Problem.
Erschienen in Die Welt vom 23.06.2004
Copyright © 1996-2009 Dirk Maxeiner und Michael Miersch. |
|||