Wortmarke Maxeiner und Miersch

Standpunkte

US-Armee

Hintergrund:
Die amerikanische Armee gibt den Abzug großer Teile ihrer in Deutschland noch stationierten Truppen bekannt.

 

Befreiung und Lockerung

von Dirk Maxeiner und Michael Miersch

Die Amis ziehen ab. Im Radio hören wir Interviews mit besorgten Bürgermeistern und Stadtkämmerern. Es wird die Region Arbeitsplätze kosten, klagen sie, und die Geschäfte werden Kundschaft verlieren. Immobiliengesellschaften und Stadtwerke bangen um Mieten und Gebühren. Der Abschied von den Dollars fällt manchen schwer. Doch ansonsten hält sich der deutsche Trennungsschmerz in Grenzen.

Uns befällt beim Gedanken an den Abzug der Army ein Hauch von Melancholie. In Garnisonsstädten durchlebten wir prägende Phasen unserer Kindheit und Jugend und der AFN spielte die Hintergrundmusik dazu. Wer in der Nähe der US-Kasernen aufwuchs hatte mehr vom Leben. Es begann schon im zartesten Alter, als der Nikolaus mit einem Militärhubschrauber herabschwebte und Süßigkeiten verteilte, die es im Krämerladen nie gab. Später kamen wir durch die GIs schneller an die begehrten Rhythmen heran, die das Holz ummantelte Radio uns verwehrte. Noch später an Whiskey-Gallonen und illegale Rauchsubstanzen die zum Gelingen einer Party einfach unerlässlich waren.

Die jungen Soldaten gehörten dazu und versuchten ihr militärisch geschnittenes Haar durch geschicktes Kämmen etwas länger aussehen zu lassen. Manche waren sogar mit dabei, wenn samstags gegen den Vietnamkrieg protestiert wurde. Offiziell hielt sich die Army politisch vornehm zurück. Die Westdeutschen sollten ihre Demokratie selber machen. Vielleicht war das ein Fehler, denn wer nicht gerade an der Zonengrenze lebte, vergaß gern, warum die GIs eigentlich da blieben (und warum sie gekommen waren sowieso). Ganz am Anfang hatte es noch ein paar eher rührende antitotalitäre Agitationsversuche gegeben. Vor den Hanauer Kasernen wurde ein riesiges Transparent enthüllt, das Stalin als Menschenschinder zeigte. In der damals „roten“ Kleinstadt war dies wohl keine besonders geschickte Sympathiewerbung. Doch davon erfuhren wir erst später, durch vergilbte Fotos. Wir fantasierten uns lieber die Vietcong als Spontis mit Kalaschnikow zurecht und hielten den GIs auf der Stadtparkwiese moralische Vorträge.

Heute müssen wir uns selbst moralische Vorträge anhören und verstehen manche Argumente der Amis von damals besser. Der Vietnamprotest ist nur noch eine Episode aus einem langen deutsch-amerikanischen Alltag, der uns viel nachhaltiger geprägt hat, als wir damals ahnten. Vieles hat seinen exotischen Glanz verloren und wurde in die deutschen Sitten und Gebräuche aufgenommen, wo man es kaum noch als amerikanisch erkennt. Für Westdeutschland waren die Amerikaner Befreier im zweifachen Sinne: Sie brachten Freiheit und Demokratie, und waren obendrein die Trainer bei einer großen kulturelle Lockerungsübung. Jazz, Swing und Rock’n’Roll bliesen teutonische Verkrampftheiten davon. Ein Verbleiben der US-Army hätten uns auch gut getan, wenn es nie eine Bedrohung durch Stalin und Ulbricht, nie ein Mauer und eine Luftbrücke gegeben hätte. In lauten verrauchten Army-Clubs konnten zwei Generationen junger Westdeutscher den Untertanengeist ihrer Eltern und Lehrer abschütteln. Viele der heute in Amt und Würden stehenden gehörte zu diesen Jugendlichen. Es wäre keine schlechte Idee mal laut und vernehmlich danke zu sagen – auch für das kulturelle Lockerungstraining. Wenn’s kein anderer tut, fangen wir schon mal an: Danke GI Joe!

 

Erschienen in Die Welt vom 25.08.2004