StandpunkteArbeitslosigkeit Hintergrund:
Unternehmerlosigkeitvon Dirk Maxeiner und Michael Miersch In Deutschland beherrschen gerade zwei Gruftie-Fraktionen die Wirtschaftsdebatte. Die einen, wie Gerhard Schröder, setzen unverdrossen auf Arbeitsplatzwunder durch Großkonzerne. Mit Regierungshilfe eingefädelte und abgesicherte Großaufträge - wie kürzlich mit Putin auf der Hannovermesse - sollen es richten. Die anderen, wie Müntefering, geißeln genau diese Konzerne als globale Ausbeuter und Ursache unserer Arbeitsplatzmisere. Beides ist hoffnungslos von gestern und lenkt nur ab. Zwei Drittel der Arbeits- und Ausbildungsplätze in Deutschland hängen am Engagement von kleinen und mittleren Betrieben - und denen hilft weder Schröders Konzernglaube, noch trifft sie Münteferings Kapitalismuskritik. Ein kleines Beispiel: Ein Freund von uns hat sich vor einigen Jahren mit einem Internet-Antiquariat selbstständig gemacht, er beschäftigt mittlerweile ein halbes Dutzend Mitarbeiter und könnte sein Auskommen haben. Doch leider hatte er kürzlich so viel Erfolg, dass ihm das Finanzamt sämtliche Rücklagen plünderte. Ein einziges gutes Jahr und der Fiskus schlägt so rabiat zu, dass nichts mehr übrig bleibt. Ist das nächste Jahr dann schlechter und man würde gern auf Ersparnisse zurückgreifen: Pech gehabt. Auf diese Art und Weise fördert der Staat keine Gründungen sondern Insolvenzen. Im Gegensatz zu den gut abgesicherten Managern großer Konzerne tragen die Inhaber von kleinen und mittleren Betrieben tatsächlich noch ein persönliches Risiko. Es ist eben nicht nur die Firma weg, sondern in der Regel auch das in der Not beliehene Privatvermögen futsch. Kein Wunder, dass kaum noch jemand Lust hat, sich auf so etwas einzulassen. Wir bezahlen zwar immer aufgeblähtere Bürokratien, um die über sechs Millionen Arbeitslosen zu betreuen und zu verwalten. Jene Menschen, die neue Arbeit schaffen könnten, treten indessen allmählich in den Streik. In keinem Industrieland ist die Prozentzahl der jungen Gründer so niedrig wie bei uns. Arbeitslosigkeit ist eine Folge von Unternehmerlosigkeit. „Hätten wir in Deutschland statt Millionen Arbeitslosen, Millionen Menschen mit permanenten Zahnschmerzen, sofort würde der Staat alles tun, um Studenten zu Zahnärzten auszubilden,“ formuliert es der Verband der freien Arbeitsvermittlungs-Agenturen. Doch weit und breit fehle es an Initiativen, fähige Menschen davon zu überzeugen, Unternehmer zu werden. Eine globale Vergleichstudie zur Selbständigkeit, nennt als eine der wichtigsten Ursachen die Ausbildung an Schulen und Universitäten. Die Jungendlichen würde zu wenig mit der Idee der Selbständigkeit vertraut gemacht. Das ist sehr milde ausgedrückt. Unser Freund der Antiquar hat uns dazu ein sehr prophetisches Buch herausgesucht, Es heißt „Reichtum von unten“ und wurde vor zehn Jahren von zwei deutschen Professoren geschrieben. „Unsere Schulen produzieren Analphabetismus in Sachen Entrepreneurship und damit eine Bildungskatastrophe von verhängnisvoller Wirkung“, heißt es darin, „Unternehmer sind das Ergebnis biographischer und/oder charakterlicher Entgleisungen, jedenfalls nicht das Produkt pädagogischen Bemühens.“ Selbst in den Wirtschaftsfakultäten schielt der Nachwuchs lieber auf ein warmes Plätzchen in einem großen Konzern als sich den Wind des Wettbewerbs ins Gesicht blasen zu lassen. Der Wunsch der Tochter, sie wolle sich selbständig machen, löst im deutschen Beamtenhaushalt Panik und Verzweiflung aus. Kürzlich verbrachten wir einen Abend lang in einem Kreis jugendlicher Schwarmgeister. Sie versicherten uns, die Welt aus den Angeln heben zu wollen - allerdings bräuchten sie als Basis dafür eine feste Stelle an der Uni.
Erschienen in Die Welt vom 20.4.2005
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