Wortmarke Maxeiner und Miersch

Standpunkte

Statisches Denken

Hintergrund:
Veränderungen in der Natur werden stets als schlechtes Zeichen betrachtet.

 

Von Gewinnern und Verlierern

von Dirk Maxeiner und Michael Miersch

Das Frühjahr ist da und wir freuen uns über die Rückkehr der Zugvögel. Amsel, Drossel, Fink und Star beginnen uns zu unterhalten - besonders seit die Stare Handy-Klingeltöne nachahmen. Maxeiner, der sein Büro öfter mal unter seinen Pflaumenbaum verlegt, haben sie bereits erfolgreich zum Narren gehalten.

Die Lernfähigkeit und das Anpassungsvermögen der Tiere ist einfach zum Staunen. In den letzten Jahren gibt es sogar einen papageienbunten Neuzugang: Den Bienenfresser. Der Laie ist geneigt ihn für einen entflogenen tropischen Ziervogel zu halten. Der Schönling wurde von den warmen Sommern der vergangenen Jahre zu uns gelockt, liebt es warm und trocken und bedient sich am Insekten-Buffet. In der mittelalterlichen Warmzeit schon einmal bei uns heimisch, wie alte Gemälde beweisen.

In Ermangelung von Klimaforschern blieben die Menschen damals ganz gelassen, heute sehen sie ein Menetekel: Ein Bote der Klimaerwärmung! Bienenfresser vor den Toren! Wir verstehen die Aufregung aus Sicht der Bienen, unser eigenes Erschrecken hält sich jedoch in Grenzen. Und da das den meisten Menschen so geht, hat eine andere Meldung Konjunktur: „Die Eisbären sterben aus!“ Klingt plausibel: Ohne Eis, keine Eisbären. Es handelt sich jedoch um eine Vermutung auf Basis einer Hochrechnung, die auf einer Hypothese beruht. Im richtigen Leben halten sich Eisbären ganz wacker. Ob es am winterlichen Nordpol nun minus 40 oder nur minus 35 Grad ist macht ihnen weniger Sorgen als beispielsweise übermäßige Jagd.

Prinzipiell richtig ist: Wenn das Klima sich verändert, gibt es Gewinner und Verlierer (wobei warme Zeiten insgesamt für die Artenvielfalt günstiger sind als kalte). 99 Prozent aller Arten verschwanden, bevor der Mensch überhaupt auf dem Planeten auftauchte. Wandel ist eine evolutionäre Geschäftsgrundlage. Um Aufmerksamkeit heischende Wissenschaftler, Medien und Umweltschützer können darin jedoch nur noch Alarmierendes sehen. Sie möchten den Status quo der Natur am liebsten einfrieren.

Komischerweise gibt es aber eine Art, bei der die gleichen Leute vollkommen sorglos und oft fahrlässig agieren. Hinsichtlich des Menschen ist Artenschutz irgendwie kein Thema. Wer da unter die Räder der grünen Agenda kommt hat einfach Pech gehabt. Die Eskimos, die durch die Kampagne gegen die Jagd auf Robbenfelle keine Existenzgrundlage mehr haben? Pech gehabt! Die Millionen Opfer, die nach dem Verbot von DDT als Malaria-Bekämpfungsmittel erkrankten? Sorry! Die Belegschaft von Atomkraftwerken, die nach dem Abschalten ihrer Anlagen auf der Strasse stehen? Dinosaurier! Gen-Forscher, die von immer neuen Schikanen aus dem Land getrieben werden? Sollen sie doch in die USA gehen!

Plötzlich gilt das Motto: Es gibt halt immer Gewinner und Verlierer, so ist das Leben! Weniger Steuerzahler bringen mehr Steuerfahnder hervor, mehr Gesetze mehr Kontrolleure. Auch Fahrradbeauftragte, Greenpeace-Funktionäre und Verbraucherschützer entdecken ständig neue Nischen im öffentlich-rechtlichen Biotop und nisten sich warm und trocken ein. Vom Gender-Mainstreaming bis zur gleichgeschlechtlichen Ehe wird das gesellschaftliche Habitat umgestaltet. Selbst der irreversible Weg in ein Großeuropa, bei dem niemand das Ziel kennt, macht kaum jemanden nervös. Doch warum diese Aufregung, wenn die Eisbären sich an ein paar Grad weniger Kälte gewöhnen müssen? (Die beiden pelzlosen Kolumnisten haben in den letzten drei Monaten immerhin eine Temperaturspanne von 40 Grad überlebt). Keep cool! Und wenn wir uns partout ums Aussterben sorgen machen wollen, dann sollten wir nicht die Geburtsziffern der Eisbären studieren, sondern die der Deutschen.

 

 

Erschienen in Die Welt vom 27.4.2005