StandpunkteIrrationalismus Hintergrund:
Zwei plus zweivon Dirk Maxeiner und Michael Miersch Wir wollen uns heute einer Frage von allgemeinem Interesse zuwenden: Wie viel ist zwei plus zwei? Nach dem, was wir in der Schule gelernt haben, heißt das Ergebnis: Vier. Nun gibt es bestimmt jemanden, der behauptet: Zwei plus zwei sei fünf. Man sollte meinen, so einer würde als hoffnungsloser Fall in der Versenkung verschwinden. Statt dessen taucht er garantiert in einer Talkshow auf. Nehmen wir mal als Beispiel Norbert Blüm. Der predigt seit Jahrzehnten "Die Rente ist sicher". Genauso gut könnte er sagen: 2+2=5. Es ist sein gutes Recht das zu behaupten. Wir haben auch nichts dagegen, dass rechenschwache Minderheiten in Presse, Funk und Fernsehen zu Wort kommen. Jeder darf in diesem Land die Gesetze der Mathematik oder der Schwerkraft in Frage stellen - wir wünschen einen angenehmen Flug. Uns verstört etwas anderes: Ein neuer Typus von Medien-Schaffenden, der sich als besonders offen und unideologisch versteht und den Anschein erweckt, souverän über den Dingen zu stehen. Über die Frage, ob 2+2 nun 4 oder 5 ergibt, können diese Zeitgenossen nur müde lächeln. Sie wundern sich lediglich wie erbittert über "Für und Wider" gestritten wird. Sie mokieren sich über "ideologische Grabenkämpfe" oder "Auseinandersetzungen von gestern". Eine eigene Meinung haben sie nicht, keine Überzeugung und auch kein Anliegen. Dabei kommen dann beispielsweise Fernsehsendungen mit Titeln heraus wie: " 2+2=4 oder 2+2=5? Chancen und Risiken zweier Wissenskulturen". Man sieht den Talkmaster oder die Talkmasterin förmlich vor sich, wie sie mit besorgter Miene die Frage stellt: "Zwei plus zwei gleich vier - haben wir es hier nicht mit der totalen Unterordnung unter die Gesetze der Mathematik zu tun? Wo bleib der Mensch?" Egal ob es um die Rente, Wunderheiler oder Gentechnik geht: Das Ziel der Ausgewogenheit und das journalistische Gebot in Streitfällen immer auch die Gegenseite anzuhören, wird zur vollkommen Beliebigkeit weiterentwickelt. Man gibt den neutralen Schiedsrichter zwischen zwei gleichwertigen Mannschaften - selbst wenn es sich um Bombenleger und Anschlagsopfer handelt. Völlig losgelöst von Fakten, Naturgesetzen oder ethischen Grundsätzen ist plötzlich alles gleich wahr. Es gibt Leute, die halten das allen ernstes für liberal. In vielen Medien macht sich damit eine Entwicklung breit, die sie sonst vollmundig der Politik vorwerfen: Kein geistiges Fundament zu haben, von dem aus man erkennbar agiert. Die meisten Politiker wissen durchaus, dass 2+2=4 ist. Sie halten die Formel allerdings politisch nicht für durchsetzbar. Kalte Mathematik gibt keine Mehrheiten (siehe Blüm). Deshalb haben sie allerhand Alternativen zum Kopfrechnen gefunden. Im Felde der Politik heißt die Talkshow "Dialog mit dem Bürger" oder neudeutsch auch "Beteiligung der Stakeholder". Dies stellt in der Regel sicher, dass nicht derjenige obsiegt, der die Fakten auf seiner Seite hat, sondern derjenige, der Mitgefühl mobilisieren und seine Interessen geschickt organisieren kann. Sehr beliebt sind auch staatlich verordnete "Diskurse" oder das Verfahren der gesellschaftlichen "Mediation". Dabei geht es in erster Linie darum, dass die 2+2=4-Fraktion großen Respekt vor der 2+2=5-Fraktion bekundet und verspricht ihre Sorgen und Ängste ernst zu nehmen. Wehe, wer da nicht mitmacht. Renate Künast beispielsweise feuerte jüngst Beamte, die in Streitfragen darauf bestanden, dass wissenschaftliche Erkenntnisse gewichtiger sind als diffuse Ängste. George Orwell formulierte es einst so: "Freiheit ist die Freiheit zu sagen, das zwei und zwei vier ist. Wenn das gewährt wird, folgt alles weitere."
Erschienen in Die Welt vom 25.05.2005
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