StandpunkteZivilcourage Hintergrund:
Gesicht zeigenvon Dirk Maxeiner und Michael Miersch Der "Ehrenmord" an der jungen Türkin Hatun Sürücü im Februar dieses Jahres ist schon fast vergessen. Nur kurze Zeit beschäftigte sich die Öffentlichkeit mit Islamisten, die andere Muslime bedrohen und einschüchtern, um ihre Ansichten und ihren Lebensstil zu kontrollieren. Die Diskussion verlief dann rasch im Sande. Wer allerdings glaubt, das Thema sei damit erledigt dürfte sich gründlich irren. Wie so oft hilft ein Blick in europäische Nachbarstaaten. Und von dort erreichen uns nicht eben ermutigende Nachrichten. Gudrun Eussner, eine in Frankreich lebende deutsche Journalistin, machte uns dieser Tage darauf aufmerksam, wie viel Terrain islamische Fanatiker in unserem größten Nachbarland bereits erobert haben - vor aller Augen, inmitten einer betont laizistischen Republik. Der Schulinspektor Jean-Pierre Obin legte einen Bericht über "Die Anzeichen und Äußerungen der religiösen Zugehörigkeit in den Schulen" vor. Was darin ans Licht kam, ist so verstörend, dass das Pariser Erziehungsministerium ihn nicht auf seine Website stellte. Erst eine unabhängige Website veröffentlichte Obins Recherchen. Anders als in den teilweise bereits abgeschotteten Wohnbezirken, sind die Schulen für Islamisten weiterhin eine Herausforderung, weil die Kinder dort unvermeidlich mit nicht- oder andersgläubigen Schülern in Kontakt geraten. Während in Deutschland der Kampf um Schwimmunterricht und Sexualkunde geführt wird, sind die so genannten "Bärtigen" oder "Großen Brüder" in Frankreich schon weiter. Dort gibt es in manchen Schulen bereits getrennte Toiletten für Muslime und "Unreine". Die Angriffe auf den Unterricht zielen auf die Biologie (göttliche Schöpfung statt Evolution) und sogar auf vermeintlich völlig unproblematische Bereiche, wie die Geometrie. Fanatisierte Schüler weigern sich Figuren zu zeichnen, die entfernt an ein Kreuz erinnern. Jüdische Schüler werden in einigen Lehranstalten von ihren Klassenkameraden auf brutale Weise schikaniert, sodass Obin zu dem Schluss kommt: "In Frankreich sind jüdische Kinder die einzigen, die nicht in beliebiger Umgebung eingeschult werden können." Parallelen zu den sogenannten "national befreiten Zonen" in einigen ostdeutschen Gemeinden drängen sich auf. Obin resümiert: "Es sind geschlossene Gegengesellschaften errichtet worden, deren Normen sich oftmals in starker Diskrepanz, ja im Bruch zu denen der modernen und demokratischen Gesellschaft befinden." Sein Bericht enthält eine aus Erfahrung gewonnenen Lehre, die für Schulleiter, kommunale Behörden, und alle die im Alltag mit "Gegengesellschaften" konfrontiert sind, überaus hilfreich sein kann: "Die schwersten Ausschreitungen sind dort zu finden, wo man nachgegeben hat, Kompromisse eingegangen ist." Es gilt also, Gesicht zu zeigen, wie es bei der Bekämpfung der Neonazis immer wieder gefordert wird. Bedauerlicherweise wird aber das "Gesicht zeigen" gegenüber muslimischen Rassisten und Anti-Demokraten auch nicht annähernd so tatkräftig in Initiativen umgesetzt, wie gegen die glatzköpfigen Dumpfbacken. Obwohl auch in Deutschland die Zahl der "Bärtigen" und "großen Brüder" nicht gering sein dürfte. Lieber übt man sich in einer als Gastfreundlichkeit kostümierten Anbiederung. So berichtete die Website der islamischen Gemeinschaft Milli Görüs hoch erfreut über die Eröffnung einer eigenen Station für muslimische Patienten in einem Hannoveraner Krankenhaus. Das gesamte Personal besteht dort aus Glaubensschwestern und -brüdern. Ein beteiligter Arzt lobte das Konzept als eine Einbettung der westlichen Medizin in die muslimische Kultur. Wir wünschen "Gute Besserung".
Erschienen in Die Welt vom 01.06.2005
Copyright © 1996-2009 Dirk Maxeiner und Michael Miersch. |
|||