StandpunkteEntwicklungshilfe Hintergrund:
Cui Bono?von Dirk Maxeiner und Michael Miersch Die Welt erlebt derzeit ein großes Afrika-Spektakel, das vom politischen Spitzenpersonal der acht reichsten Industrienationen und einer Schar Pop-Ikonen wie Bono aufgeführt wird. Höhepunkte der Kampagne werden das Treffen der G8-Staaten im schottischen Gleneagles und die "Live8"-Konzerte von Bob Geldof sein, der damit an seine 20 Jahre alte "band aid" Aktion anknüpft. "Können Afrikas hungernde Kinder noch einmal unsere ergrauten Rockstars retten?" fragte die "Mail on Sunday". Sei's drum. Wichtiger ist die Frage, ob die Pop-und-Politk-Aufführung dem guten Ziel dient. Ist den Menschen in Afrika wirklich mit einer Verdoppelung der Entwicklungshilfe und einem kompletten Schuldenerlass gedient, wie vielfach gefordert? Wir haben da so unsere Zweifel. Es scheint, als wolle man sozialpolitische Konzepte, mit denen etliche Industrienationen gescheitert sind, international munter weiter praktizieren. Eine ganze Reihe afrikanischer Länder bezieht bereits über die Hälfte ihres Staatshaushaltes aus Hilfsgeldern, und gibt die andere Hälfte umso schamloser fürs Militär und Prestigeprojekte aus. Sollen es demnächst 100 Prozent sein? So perpetuiert man nur Kulturen der Abhängigkeit. Der schwedische Ökonom Frederik Erixon hat soeben eine neue Studie zur Wirkungsweise von Entwicklungshilfe in Afrika vorgelegt ("Aid and development. Will it work this time?") Demnach erhielt Afrika seit 1970 rund 400 Milliarden Dollar an Entwicklungshilfe. Mit in der Mehrzahl der Staaten verheerenden Folgen: Wenn die Hilfsgelder anstiegen, sank das Wirtschaftswachstum. Oft ist Entwicklungshilfe ein regelrechtes Armutsbeschaffungsprogramm, weil sie korrupte und undemokratische Regime stabilisiert, private Investitionen verhindert und die Mitsprache der Menschen geschwächt hat. Sein Fazit: "Wenn die G8-Staaten sich zu einer Erhöhung der Hilfe verpflichten, könnten die Konsequenzen für die meisten Afrikaner katastrophal sein." Rühmliche Ausnahmen bilden laut Erixon Länder wie Botswana, in denen Rechtssicherheit und demokratische Institutionen die Voraussetzungen für einen wirtschaftlichen Aufschwung schufen. Ergebnis: Ein pro Kopf-Einkommen von 8.000 Dollar, das ist achtmal soviel wie im afrikanischen Durchschnitt. Hilfe müsse deshalb an Voraussetzungen wie Eigentumsrechte, ein funktionierendes Gerichtswesen, die Effizienz von Regierungen und einen offenen Markt geknüpft sein. Die USA haben genau mit dieser Zielsetzung einen milliardenschweren "Millenium Challenge Account" geschaffen. Schlechte Regierungen, die die Not ihrer eigenen Bevölkerung benutzen, um Hilfsgelder für ihre Schweizer Konten zu generieren, sollen nicht länger belohnt werden. Als erstes Land bekommt das bettelarme Madagaskar 110 Millionen Dollar aus diesem Programm. Doch selbst in diesem Fall bezweifeln Experten, ob die Finanzspritze dem Patienten wirklich hilft. Auch Emissäre der deutschen Entwicklungshilfe bereisen derzeit den Inselstaat und suchen händeringend nach sinnvollen Projekten, die man fördern könnte. Es mangelt weniger am Geld, als vielmehr an Möglichkeiten es so zu investieren, dass es tatsächlich Gutes für Viele bewirkt. Bob Geldof und "Life8" wollen "Armut zur Geschichte machen". Wer wollte das nicht. Nachdem Entwicklungshilfe der vergangenen Jahrzehnte die Armut in den meisten afrikanischen Empfängerländern offensichtlich kaum verminderte, scheint uns die Forderung nach einer Verdoppelung der Mittel aber nicht sehr zielführend. Selbstverständlich muss es auch weiterhin akute Nothilfe geben, ansonsten neigen wir zur Meinung des britischen "Economist": "Manchmal kann es genauso wichtig sein Geld zurückzuhalten, wie es zu gewähren.
Erschienen in Die Welt vom 22.06.2005
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