StandpunkteEthik Hintergrund:
Wem gehört die Ethik?von Dirk Maxeiner und Michael Miersch Gerhard Schröder hat unlängst die Diskussion um Stammzellen neu entfacht. Man dürfe der Forschung keine Fesseln anlegen, sagte der Kanzler. Kaum hatte er dies kundgetan, meldeten sich zahlreiche Gegenstimmen zu Wort. Das ist normal. Nicht normal erscheint uns die dabei übliche a priori Einteilung in erhabene und minderwertige Argumente. Die Ethik sollte nicht dem Forscherdrang geopfert werden, hieß es. Ethische Bedenken dürften nicht unter den Tisch fallen, war zu hören. Unausgesprochen wurde dabei stets die Prämisse akzeptiert, dass nur die Gegner der Stammzellenforschung ethische Argumente vorweisen könnten. Ihre Befürworter würden dagegen von Gewinnstreben, Ehrgeiz, oder wissenschaftliche Neugier getrieben. Ein paar Schlagworte genügen dann, um auch in den Kurznachrichten klar zu machen, wer die Guten und wer die Bösen sind. Ethisch ist der Schutz von Zellklümpchen, aus denen, wenn verschiedene Umstände zusammen kommen, möglicherweise Menschen werden könnten: Basta. Die Frage, ob nicht auch bessere Heilungschancen für kranke Menschen ein ethisches Kriterium sein könnten, wird äußerst selten gestellt. Dieses Spiel ist nicht neu. Auch andere Streitfragen werden in Deutschland mit festgezurrter Ethik-Zuteilung erörtert. Gegen Tierversuche sprechen ethische Erwägungen, wird unwidersprochen akzeptiert. Und für Tierversuche? Auch Stimmen gegen mehr Entwicklungshilfe erhalten vornherein den Stempel "unethisch", Dabei geht es den meisten Kritikern um wirksamere Bekämpfung der Armut. Kapitalismus ist ohnehin unethisch, obwohl in keiner anderen Wirtschaftsform mehr Menschen zu Wohlstand gekommen sind. Ganz zu schweigen vom Befürworten militärischer Aktionen. Als ethisch vertretbar gilt allein der Ruf nach Frieden - um jeden Preis. Der in München lehrende Theologe Roger J. Busch hat sich mit den unfairen Spielregeln deutscher Großdebatten eingehend befasst. "Die Erfahrung zeigt," schreibt er, "wissenschaftlich breit abgesicherte Daten setzen sich nicht mehr ohne weiteres durch. Nahezu gleichwertig sind allgemeine Deutungen, Intuitionen und spezifische moralische Grundhaltungen." Die Apologeten dieser Aspekte schaffen es höchst erfolgreich, als Sachwaltern der Ethik anerkannt zu werden. Wo strahlende Tugend gegen finstere Machenschaften steht, wird jeglicher Dialog zur Farce. Spiros Simitis, bis vor kurzem Vorsitzender des Nationalen Ethikrates, sagte: "Wir haben in den vier Jahren fair streiten gelernt." Das sollte doch auch die Gesellschaft als ganzes lernen können. Fair streiten heißt dem Gegner zuzugestehen, dass er meint was er sagt. Stattdessen wird "Kranke heilen" aus dem Munde eines Arzneiherstellers gerne als "Pharmaprofite hochtreiben" dechiffriert. Womit gleich ein zweites falsches Gegensatzpaar geliefert wird: Ethik und Profit sind in den meisten Fällen keine Gegensätze. Wie soll Forschung denn finanziert werden? Ein weiterer Grund für die ungleichen Startbedingungen in Ethikdebatten ist die mediale Aufstellung der Kombattanten. Hierzulande werden "Ethiker" gern gegen "Wirtschaftsvertreter" in Position gebracht. Da wissen Zuschauer und Leser gleich was Sache ist. In anderen Ländern melden sich kranke Menschen zu Wort, wenn über Stammzellen oder Tierversuche gestritten wird. Sie erklären, warum Medikamente auch am Tier getestet werden sollten, und welche Hoffnungen sie auf neue biotechnologische Verfahren setzen. In der deutschen Öffentlichkeit bekundet nur ein Häuflein Forscher und Unternehmer Interesse am wissenschaftlichen Forschritt. Um diesen Mangel an zukunftsoptimistischem Bürger-Engagement zu beheben, werden PR-Kampagnen nicht reichen.
Erschienen in Die Welt vom 29.06.2005
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