StandpunkteOstdeutschland Hintergrund:
Ökologisch befreite Zonevon Dirk Maxeiner und Michael Miersch Während in den deutschen Medien dieser Tage das Abdanken der Regierung Schröder im Mittelpunkt steht, ist die neuste Ausgabe des Magazins Newsweek schon einen Schritt weiter: "Ab in die Wälder" ist eine Titelgeschichte überschrieben, die sich mit der Entvölkerung europäischer Landstriche - darunter weite Teile Ostdeutschlands - befasst. Das deckt sich durchaus mit eigenen Beobachtungen auf Inlandsreisen. Die Landbevölkerung wird immer älter und immer seltener. In den nächsten 25 Jahren wird sie nach Prognosen der EU und UN noch einmal um rund ein Drittel abnehmen. Wo einst der die Mähdrescher Marke "Fortschritt" ratterten, kehrt die Wildnis zurück: "Die Wirtschaftslage und sinkende Geburtenraten zwingen ganze Regionen zurück in den urzeitlichen Zustand," schreibt Newsweek, "und Wölfe treten an die Stelle des Menschen". Vor zwanzig Jahren hieß ein beliebter Slogan "Erst stirbt der Wald, dann stirbt der Mensch!" Die aktualisierte Fassung lautet jetzt: "Erst stirbt der Mensch, dann kommt der Wald (und der Wolf)!" So hatten sich die Deutschen die Rettung des Waldes irgendwie nicht vorgestellt - und an ernsthaften Versuchen seine Ausbreitung zu verhindern mangelte es ja nicht. 100 Milliarden Euro wurden im ländlichen Osten investiert, beispielsweise in eine brandenburgische Zeppelin-Werft, die sich als größter Betriebsunfall dieser Branche seit der "Hindenburg" entpuppte. Oder gleich ums Eck in eine Formel-1 Strecke, die ein solches Rennen noch nie gesehen hat. Statt "Roooaaaaaam" macht es im Osten immer öfter "Ahuuuuu". Aber ist es wirklich so bedrohlich, wenn die Wölfe heulen? Zunächst einmal ist die Gefahr in Berlin von Nachbars Lumpi gebissen zu werden deutlich größer als in der Lausitz auch nur von weitem einen Wolf zu erblicken. Die Furcht haust aber tiefer, die Rückkehr von Canis lupus wird nicht als Zeichen einer vitalen Natur betrachtet, sondern als das einer bedrohlichen Endzeit, einer Zukunft voller verlassener Dörfer und wilder Bestien. Die gängige Methusalem-Literatur greift das Motiv dankbar auf und klingt stellenweise wie das Märchen vom Wolf und den sieben Rentnern. Das ist pädagogisch natürlich äußerst wertvoll. Dennoch sind wir um die Zukunft von Finsterwalde und Umgebung nicht gar so besorgt. Und das hat gleich mehrere Gründe. Erstens: Ökologisch befreite Zonen sind uns allemal lieber als "National befreite Zonen". In Spanien bemüht sich übrigens ein Verbund ländlicher Gemeinden um Zuwanderer aus Südamerika und Rumänien - und mit jedem Einwanderer kehrt Leben in die Dörfer zurück. Warum sollte so etwas bei uns nicht möglich sein? Nicht verkennen sollte man auch das Potential stadtmüder Hobby-Bauern, Pferdesportler oder Ferienhausbesitzer. Es muss in Zukunft vielleicht nicht immer Toskana sein. Und wer weiß: Vielleicht wird Ostdeutschland ja die Toskana der Polen. Zweitens: Deutschland kann etwas mehr Wildnis durchaus gebrauchen. Freuen wir uns doch über einen Hauch von "Yellowstone". Und keine Angst: Die Hüter der Kulturlandschaft, sprich die Agrarlobby, werden sicherstellen, dass Bauern vielerorts auch weiterhin unwirtschaftliche Böden beackern oder subventionierte Kühe auf Almen ausstellen. Zu guter Letzt: Wildnisreiche Länder können durchaus mit gesundem Wirtschaftswachstum aufwarten, wie Island, Finnland oder Nordamerika beweisen. Dort ist man übrigens auch gebärfreudiger als hierzulande. Es lässt sich an diesen Exempeln lernen, wie eine weit verstreute Bevölkerung medizinisch oder schulisch ordentlich versorgt werden kann. Wälder und Wölfe stehen dem Fortschritt nicht entgegen. Man kann mitten in Berlin Hinterwäldler sein.
Erschienen in Die Welt vom 06.07.2005
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