StandpunkteOstdeutschland Hintergrund:
Pssst! Nur nichts über den Ostenvon Dirk Maxeiner und Michael Miersch Brummige Kulturpessimisten beklagen gern, dass die Gesellschaft tabulos geworden sei. Diese Fehleinschätzung zeugt von einer gewissen Sexfixiertheit. Sobald man den Blick auf andere Bereiche richtet, gibt es immer noch jede Menge Tabus. Wer sich ins gesellschaftliche Abseits manövrieren will, muss nur die Abschaffung der Kirchensteuern fordern oder die Legalisierung von Drogen. Auch über Themen wie die auffällig hohe Kriminalität mancher Einwanderergruppen wird lieber geschwiegen. Doch das beharrlichste Sprechverbot von allen besteht zum Thema "Osten". Ein offnes Wort über die neuen Bundesländer und schon verschränken alle Bürgermeister zwischen Thüringer Wald und Stettiner Haff die Arme und sind beleidigt. Die Kritiker geben dann meistens schnell auf, aber nicht aus Respekt, sondern aus Vorsicht. So wie man einen übellaunigen Neurotiker nicht reizt. Der Reflex funktioniert immer und hat nun bereits anderthalb Jahrzehnte ehrliche Diskussionen verhindert. Dabei gäbe es doch genug, über das man mal reden sollte. Zum Beispiel darüber, warum der größte Finanzhilfe, der je einer Region zugute kam, nicht zu mehr Produktivität führte, während in den ehemaligen Bruderstaaten der DDR die Marktwirtschaft dynamisch wächst. Wer Mecklenburg-Vorpommern in Richtung Osten verlässt, kann schon wenige Kilometer hinter der Grenze zu Polen verfolgen, wie Unternehmergeist und Zukunftsoptimismus ihre ansteckende Wirkung entfalten. Auch die Frage, warum die Unterdrücker von gestern die Volkstribune von heute werden konnten, könnte mal genauer beleuchtet werden. Man stelle sich vor, 16 Jahre nach 1945 wäre eine NSDAP-Nachfolgepartei stärkste Kraft in Westdeutschland geworden. Ebenso aufklärungsbedürftig ist der Hass auf Einwanderer, Dunkelhäutige und Juden, der dort am heftigsten lodert, wo kaum jemand aus diesen Gruppen lebt. Und um das Maß voll zu machen: Könnte es sein, das mentale Defizite entstehen, wenn aus einer eine Gemeinschaft fünfzig Jahre lang überdurchschnittlich viele gebildete und unternehmerische Menschen abwandern? Der Glaube, dass alles automatisch gut wird, wenn man nur viel Geld in eine Region pumpt, wurde durch die Entwicklungshilfe in den Ländern der Dritten Welt gründlich widerlegt. Dennoch verläuft der offizielle Diskurs über die neuen Bundesländer genau nach diesem Muster. Unzufriedenheit und Subventionen stehen in einem engen Zusammenhang. "Es ist eine beispiellose Abfederung des Vereinigungsprozesses," schrieb polnische Politologe Jerzy Macków, "die es Ostdeutschen erlaubt, in sowjetischer Mentalität zu verharren." Unübersehbar hat sich vieles verbessert. Luft und Gewässer sind sauber, die Infrastruktur funktioniert, verfallene Altstädte sind auferstanden. Die Läden sind voll, die Straßen befahrbar, die Wohnungen komfortabel. Die ostdeutschen Renten wurden seit der Wiedervereinigung um mehr als 150 Prozent angehoben. Viele Arbeitslose verfügen über ein höheres Einkommen, als ein Arbeiter in der DDR. Keineswegs alle aber zu viele Menschen in Ostdeutschland haben sich jedoch in einer grummelnden Untertanenmentalität eingerichtet, in der Eigeninitiative und Selbstverantwortung nicht vorkommen. Und fast niemand traut sich, diese Wahrheit auszusprechen. Als im Frühjahr 2004 der so genannte "Praktiker-Kreis" um Klaus von Dohnany Alarm schlug, flackerte einen Moment lang eine offene Diskussion auf. Ein Nachrichtenmagazin titelte: "1250 Milliarden Euro. Wofür?" Plötzlich riefen alle nach Veränderung, sogar der Kanzler. Dann zog der Talkshowtross zum nächsten Thema und das Tabu stand wieder. Fester denn je, wie man im Wahlkampf 2005 merkt.
Erschienen in Die Welt vom 24.08.2005
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