StandpunkteÖlpreis Hintergrund:
Ökonomie, Ökologie und Ölvon Dirk Maxeiner und Michael Miersch Die Deutschen stöhnen unter den hohen Preisen für Benzin, Heizöl und Strom. Die "Benzinwut" geht um und an Aktionismus herrscht kein Mangel. Da werden nationale Ölreserven angezapft, die Senkung der Ökosteuer in Aussicht gestellt oder Pendlerpauschalen für unantastbar erklärt. Man kommt sich dabei vor, wie im falschen Film: Bis vor kurzem wurde dem Volk noch erzählt, dass unser ökolgisches Heil nur durch die segenreiche Lenkungswirkung höherer Energiepreise erreicht werden könne. Klimaschutz oder die Förderung des Schienenverkehrs wurden zur Begründung für umfangreiche Eingriffe in die Energiepreise herangezogen. Mineralölsteuer, Ökosteuer, subventionierte Windmühlen, Emissionshandel und viele weitere Maßnahmen verteuern die Energie in Deutschland. Als Zielmarke wurde von den Grünen seinerzeit ein Benzinpreis von fünf Mark angepeilt. Und jetzt klettern die Preise tatsächlich in solche Regionen, weil Öl knapp wird und der Weltmarkt reagiert. Und was sagen unsere Energie-Strategen, allen voran die Grünen? Renate Künast beklagt die "Abzocke" der Öl-Konzerne, andere fordern staatliche Preiskontrollen beispielsweise beim Strom. Ausgerechnet diejenigen, die den Verbraucher bislang gar nicht genug schröpfen konnten, schwingen sich plötzlich zum Anwalt des armen Autofahrers auf. Motto: Hohe Energiepreise sind nur gut, wenn Sie aus volkspädagogischen Gründen verhängt werden. Sind sie hingegen das Ergebnis des Marktes, dann zeigt der widerwärtige Kapitalismus seine Fratze. Die Tatsache, dass es der Umwelt vollkommen egal ist, aus welchen Gründen weniger Ressourcen verbraucht werden, ist unseren Weltenrettern nicht zu vermitteln. Dabei könnte man es doch wirklich besser wissen: Als die OPEC 1973 einen Ölboykott beschloss, funktionierte der Markt augenblicklich. Die Energieeffizienz der Industrienationen wurde drastisch verbessert, bis die Preise wegen der daraufhin abgeflachten Nachfrage wieder sanken. Der technische Fortschritt machte riesige Sprünge, was letztendlich - ohne dass es intendiert war - der Umwelt mächtig half. Selbst die "taz" kam zu der Einsicht: "Ganz unfreiwillig erfüllte die OPEC einen Zweck: Sie schärfte das Bewusstsein für die Möglichkeiten des Energiesparens, für die Suche nach umweltfreundlichen Technologien." Hohe Energiepreise als Ergebnis von Angebot und Nachfrage haben den Vorteil, dass sie überall auf der Welt gelten und nicht den Wettbewerb verzerren, wie nationalstaatliche Steuer-Experimente. Anstatt einen ohnehin fehlgesteuerten Markt durch weitere Eingriffe vollends zu ruinieren, sollte endlich dem Wettbewerb eine Chance gegeben werden. Und dies gilt eben auch für den Wettbewerb der verschiedenen Energietechniken untereinander, die Atomenergie eingeschlossen. Es muss doch möglich sein neue Kraftwerke auf Basis von ökonomischen, ökologischen und sicherheitstechnischen Tatsachen planen und bauen zu können. Atomenergie ist für viele Länder der Welt eine vernünftige Option und die Sicherheitstechnik schreitet voran. Doch anstatt sich ganz praktisch der Lösung solcher Probleme zu widmen, wird hierzulande nur mit Angstmache operiert. Und zwar auf beiden Seiten: Atomkraftgegner imaginieren das Ende der Welt als strahlendes Inferno und kreieren Begriffe wie "atomarer Holocaust". Atomkraftbefürworter hingegen prophezeien genüsslich den "Klima-GAU" und erhoffen sich die Rettung der Atomkraft als gleichsam geringeres Übel. So befördern auch sie ein angstbesetztes Denken, dass der technischen Zivilisation tief misstraut. Also genau jene Haltung, die in Deutschland zum Atomausstieg geführt hat.
Erschienen in Die Welt vom 07.09.2005
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