StandpunkteMassenbewegungen Hintergrund:
War da was?von Dirk Maxeiner und Michael Miersch Können Sie sich noch an die Generation "Benedetto" erinnern? Nein? Ist aber erst drei Wochen her. Da überschlugen sich Life-auf-der-Domplatte-Reporter mit der Ausrufung einer neuen katholischen Jugendbewegung. Nun, seither sind an anderen Orten der Welt Millionen junger Menschen in Stadien und Konzerthallen zusammengekommen, um sich "Sex and Drugs and Rock'n'Roll" hinzugeben. Und Ende dieser Woche werden sechs Millionen Besucher auf der Münchner Theresienwiese erwartet, die mit unkeuschen Gesängen und Tänzen den Maßkrug huldigen. Damit wir nicht falsch verstanden werden: Wir möchten uns keinesfalls über junge Christen lustig machen. Und auch nicht über den Papst, der ein besonnener Mensch ist, und über solche Hypes vermutlich schmunzelt. Es geht und um öffentliche Wahrnehmung. "Eine gigantische optische Täuschung," kommentierte der Kölner Publizist Burkhard-Müller Ullrich den Papstbesuch. Denn der Alltag - zumindest in Europa - sieht anders aus: Die Kirchen sind weiterhin ziemlich leer. Die Zahl der Austritte geht nach mehreren Rekordjahren lediglich leicht zurück. Für eine straff geführte Organisation wie die katholische Kirche ist es jedoch ein Leichtes, Anhänger aus aller Welt auf einem Platz in Köln zu versammeln. Das schindet Eindruck und gibt den vielen Einsamen ein warmes Gefühl. Anstatt die gebührende journalistische Distanz zu wahren, berauschten sich zahlreiche Medienvertreter an den eigenen Bildern und riefen im Mirkofonstakkato einen epochalen Sinneswandel aus. Christlich, konservativ und fromm sei die heranwachsende Generation. Unter dem Verkünden von epochalen Stimmungen, historischen Trends oder am besten gleich ganzen "Generationen" geht es offenbar nicht mehr. Das ist schon länger so. Die "Protestgeneration" von 1968 bestand in Wahrheit aus ein paar Tausend Studenten. Doch ihre für die damalige Zeit ungewohnten Protestformen verhalfen ihnen zu überdimensionaler Medienpräsenz. Die große Mehrheit der deutschen Jugendlichen tickte jedoch ganz anders, eher unpolitisch und konservativ, wie Umfragen von damals belegen. Ein schönes Beispiel für Verzerrung zwischen richtigem Leben und dem aus den Medien zusammengesetzten Bild im Kopf lieferte eine Allensbach-Befragung in den frühen neunziger Jahren. Frage Nummer eins: Wie beurteilen Sie den Zustand der Umwelt? Die Mehrheit antwortete: "ziemlich zerstört." Frage Nummer zwei: Wie beurteilen Sie den Zustand der Umwelt in ihrer Gegend? Die Mehrheit antwortete: "gut". Die Befragten stammten aus allen Teilen Deutschlands. Kann sich die Umweltsituation sich in allen Regionen verbessern, aber insgesamt verschlechtern? Die große Verschlimmerung, von der damals alle überzeugt waren, fand in Zeitungen, Radio und Fernsehen statt. 1996 befragte das Institut ostdeutsche Männer und Frauen: Wie hat sich die Situation der Frauen in der Ex-DDR verändert? Dreiviertel antwortete: "verschlechtert." Nun wurden speziell die Ost-Frauen nach ihrer ganz persönlichen Situation gefragt. Über die Hälfte gaben an, dass es ihnen besser ginge, nicht einmal ein Fünftel antwortete "schlechter". Umfragen sind besser als mediale Windmacherei. Doch womöglich wird es in Zukunft noch schwieriger, sich ein halbwegs nüchternes Bild von den Stimmungen im Lande zu verschaffen. Denn auch Umfragen - und besonders solche zur Wahl - bilden die Realität nur sehr unscharf ab. Genauso wie den Protestwähler gibt es inzwischen den Protest-Antworter. Und der weiß, dass er "die da oben" ärgern kann, wenn er die Sonntagsfrage mit "Linkspartei" oder "NPD" beantwortet. Denken Sie also daran, wenn das nächste Mal ein historischer Trend ausgerufen wird: Nicht alle Ostdeutschen sind unzufrieden, nicht alle Jugendliche christlich und nicht alle Araber gegen Demokratie. Wirkliche Massenbewegungen sind oft unauffällig und taugen nicht für dramatische Bilder. Erinnert sei nur an das die Ablehnung der EU-Verfassung in Frankreich und Holland. Es kam leise aber mächtig - und ganz ohne dass zuvor die "Generation Anti-Europa" ausgerufen worden wäre. Wir finden das irgendwie beruhigend.
Erschienen in Die Welt vom 14.09.2005
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