StandpunkteWählerverhalten Hintergrund:
Freiheit braucht "Wahnsinn"von Dirk Maxeiner und Michael Miersch Als vergangene Woche über die so genannte Jamaika-Koalition debattiert wurde, konnte sich Joschka Fischer die Unionsspitze nicht mit "Dreadlocks" beim rauchen einer "Tüte" vorstellen. Ein neunzehnjähriger Erstwähler aus dem Bekanntenkreis sagte dazu grinsend: "Fischer und Bütikofer kann ich mir aber auch nicht mit Dreadlocks vorstellen." Die grünen Spitzenkräfte der Generation 50 plus halluzinieren sich munter als Joint drehende Rastas oder letzte Rock'n'Roller. Im richtigen Leben wollen sie jungen Menschen Biomöhren für die Schulkantine verordnen. Und doch gelingt es den Grünen das lockerere Lebensgefühl für sich zu reklamieren. Sie stehen für die "Tüten", die anderen für die Klarsichthüllen. Wie sehr das Habituelle politische Botschaften überlagert, erfuhren wir später dann nochmals bei einem Restaurantbesuch mit altgedienten Liberalen in einem Vorort Berlins. Unverhofft trafen wir einen guten Bekannten aus dem Bürgerrechtler-Milieu. Er kaute seine Dessert etwas griesgrämig, blickte sich um und sagte: "Für mich ist Liberalismus etwas Revolutionäres. Das kommt hier nicht rüber." Obwohl er die politischen Analysen der wohlerzogenen Herren, die ihn umgaben, größtenteils teilte, empfand er sich als Fahrradfahrer und Zigaretten-Selbstdreher habituell deplaziert. Warum, fragte er, "müssen Verfechter der Marktwirtschaft in Deutschland eine Krawattensammlung besitzen?" Miersch besuchte dann noch einen alten Schulfreund, arbeitsloser Akademiker aus Kreuzberg, der sich seit Jahren vehement und vergeblich um einen Job bemüht. Er schimpfte auf die Bürokratie, der ihn daran hindere, unkonventionelle Arbeitsverhältnisse anzunehmen. Auch berichtete er wie Kleinunternehmer in seinem Kiez durch lächerliche Auflagen kaputt gemacht wurden. Klang wie eine FDP-Wahlrede. Gewählt hat er die PDS. Damit die Regierenden endlich kapieren, wie Hartz-IV-Empfänger leben müssen. "Die haben doch keine Ahnung, was es bedeutet, arm zu sein." Dass durch eine PDS-Regierung wohl alle ärmer würden, war ihm klar. Aber er wollte dieses Zeichen setzen. Zurück in Bayern, überraschte uns eine post-elektorische Sympathiewelle für DIE PARTEI. Diese von Titanic-Redakteuren geführte Kleinpartei hatte den Wideraufbau der Mauer gefordert. Die satirisch gemeinte Parole tönte uns als missmutiges Grummeln entgegen. Ohne die im Osten, hieß es, hätten wir eine schwarz-gelbe Mehrheit im schönen, alten Westdeutschland. Das komme davon, dass man 1,5 Billionen Euro in ein Gebiet stecke, in dem FDGB-sozialisierte Rentner die öffentliche Meinung beherrschen. Überraschenderweise wurde diese Auffassung auch von etlichen rot-grün Wählern geteilt. Meist versehen mit dem Zusatz, man dürfe das ja nicht laut sagen, aber es sei schon wahr. Stoibers viel kritisierter Ausfall im Wahlkampf sprach offenbar vielen aus dem Herzen. Wir wissen nicht ob dieser an Verbitterung grenzende Unmut ein dauerhaftes Phänomen bleibt. Mit der Gründung einer "Liga West" oder besser gleich "Liga Südwest" ist wohl nicht zu rechnen. Aber unter dem Teppich wird das West-Ost-Thema nicht lange bleiben. Dafür rumort es zu stark. Belustigte Jungwähler, Marktwirtschaftler mit Milieu-Missbehagen, PDS-Wähler mit antibürokratischem Furor, Bayern die sich nach der Bonner Republik sehnen - wir trafen Niemanden, der mit den Verhältnissen in Deutschland zufrieden war, und mit dem Wahlergebnis schon gar nicht. Die verschiedenen Hoffnungen, die es vor der Wahl gegeben haben mag, werden nun von beängstigend niedrigen Erwartungen an die Zukunft abgelöst. Die Luft ist allenthalben raus. Soll's das etwa gewesen sein? Vielleicht deutet die Bemerkung unseres Bürgerrechtlers auf den Kern hin: Womöglich wären viel mehr Deutsche für Marktwirtschaft, Bürokratieabbau und westliche Freiheit zu begeistern, wenn es ihnen anders vorgelebt würde. Nicht als sauertöpfische Notwendigkeit, nicht als Kalkül der Erfolgreichen, nicht als professorales Rechenexempel sondern als Lebensgefühl. Wie damals, als junge Familien die Scheiben ihres Trabant runterkurbelten, mit feuchten Augen in die Kameras strahlten und sagten: "Wahnsinn". Dieses "Wahnsinn" hieß, wir haben es geschafft, weil wir mutig waren und ein Ziel hatten. Plötzlich war Freiheit keine Phrase. So ein Gefühl lässt sich nicht planmäßig erzeugen. Dennoch könnte es wieder aufkommen. Dafür bedarf es allerdings einer Prise "Wahnsinn".
Erschienen in Die Welt vom 28.09.2005
Copyright © 1996-2009 Dirk Maxeiner und Michael Miersch. |
|||