Wortmarke Maxeiner und Miersch

Standpunkte

Symbolische Umweltpolitik

Hintergrund:
Der Sozialdemokrat Siegmar Gabriel wird neuer Umweltminister.

 

Umweltminister in drei Minuten

von Dirk Maxeiner und Michael Miersch

Der nächste Umweltminister heißt dem Stand der Dinge nach Siegmar Gabriel. Bei der Nachricht ist uns ein Stein vom Herzen gefallen. Das liegt weniger an Gabriel als an den Namen, die für dieses Amt sonst noch gehandelt wurden. Es wird gesagt, er sei ein Mann ohne Überzeugungen. Wir sagen: Und das ist gut so. Keine Überzeugungen sind nämlich besser als die falschen (insofern hat Gabriel deutlich bessere Voraussetzungen als sein Vorgänger). Ansonsten lesen wir, er sei bislang "nicht als Experte für Umweltfragen aufgefallen", bringe "keine Befähigungsnachweise für das Amt mit" und müssten sich erst "einarbeiten." All dies traf allerdings auch auf Joschka Fischer und Jürgen Trittin zu, bevor sie Umweltministerien bezogen. An Natur und Umwelt waren sie so interessiert wie Verona Feldbusch an der Rechtschreibereform. Zum "Einarbeiten" dürfte Gabriel freilich die Zeit fehlen, schließlich hat er einen Zeitwohnsitz bei Sabine Christiansen. Deshalb möchten wir ihm hier ein wenig behilflich sein. Es folgt unser Schnellkurs "Umweltminister in drei Minuten". wir bitten diesen an Herrn Gabriel weiterzureichen, er wird uns ewig dankbar sein.

Lektion eins: Bei öffentlichen Auftritten genügt es, die gleichen Reden zu halten wie bisher, allerdings sollte der Begriff "soziale Gerechtigkeit" durch "Nachhaltigkeit" ersetzt werden. Beide Begriffe haben gemeinsam, dass alle dafür sind, weil sich jeder sich etwas anderes darunter vorstellt. Ferner gehören einige wissende Vokabeln wie "ökologischer Fußabdruck" ins Repertoire. Seien Sie öfter mal nachdenklich, so in der Art: "Wenn die Chinesen genauso viel Auto fahren würden wie wir, dann bräuchten wir zwei Planeten." Alle werden applaudieren, außer den Chinesen, aber die sind ja weit weg. Artikulieren Sie stets die "Sorge um künftige Generationen und deren Lebensgrundlagen." Als gewesener Pop-Beauftragter wissen Sie vermutlich, dass die Lebensgrundlagen von Zehnjährigen ganz wesentlich aus der neusten Version des i-Pod bestehen. Aber behalten Sie das um Gottes willen für sich! Grundsätzlich keine Scherze zu Umweltthemen, sie könnten religiöse Gefühle verletzen.

Damit sind wir bei Lektion zwei: Als Umweltminister sind Sie in dieser Republik zugleich ein religiöses Oberhaupt. Verinnerlichen Sie die wichtigsten beiden Glaubens-Bekenntnisse: Keine Atomkraft und keine Gentechnik! Ihre erste Äußerung als designierter Umweltminister verrät bereits ein gewisses Naturtalent: "Einen Wiedereinstieg in die Kernenergie wird es mit der SPD nicht geben." Hiermit haben sie bereits die Zuneigung von Großreligionen wie "Greenpeace" und landeskirchlichen Gemeinschaften wie dem "BUND" erobert. Beschließen Sie ihren Amtseid zusätzlich mit der Formulierung "So wahr mir das Kyoto-Protokoll helfe". Rhetorisch sind sie damit für eine vierjährige Amtszeit ausreichend gewappnet. Ach ja, und meiden Sie unbedingt konkrete Umweltprobleme (wie z.B. die Überdüngung der Böden). Das interessiert niemanden, außer der Umwelt.

Achten Sie darüber hinaus auf ihren Umgang. Machen Sie unbedingt einen Antrittsbesuch bei Vandana Shiva und Wangari Maathai, das signalisiert globales Denken und ethnische Sensibilität. Loben Sie ihre Gesprächspartnerinnen als "mutige Querdenkerinnen" und "mahnende Stimmen". Die Unternehmerseite decken sie mit Lichtgestalten wie dem Biokarotten-Multi Klaus Hipp ab. Arbeiten Sie dringend an ihrer Mimik, sie wirkt derzeit noch ein wenig unbeschwert (mehr Stirnrunzeln!). Am besten, Sie nehmen etwas Schauspielunterricht in Hollywood beim Weltuntergangsexperten Roland Emmerich.

Dritte Lektion: Ihre ersten Erfolge sind zwangsläufig. Sollte der kommende Winter mild und zu warm werden, dann ist das Folge der globalen Erwärmung. Wenn die Deutschen deshalb dann weniger Heizöl verbrennen, melden sie dies als Erfolg ihrer kompromisslosen Klimaschutzstrategie: "Deutschland vorbildlich auf dem Kyoto-Pfad". Wird der Winter kalt und streng, ist auch das Folge der globalen Erwärmung. Überspielen sie den kleinen logischen Kurzschluss mit der Formulierung von "zunehmenden Wetterextremen" und fordern energisch den Beitritt der USA zum Kyoto-Abkommen. Das hat inzwischen eine gewisse folkloristische Tradition und gefällt den Deutschen immer. Kreuzen Sie sich dafür den Montrealer Welt-Klimagipfel im Dezember an. Warnen Sie dort eindringlich vor einem steigenden Meeresspiegel. Darauf lässt sich garantiert oben schwimmen.

 

 

Erschienen in Die Welt vom 19.10.2005