StandpunkteZukunftsprognosen Hintergrund:
Wir glauben an das Pferdvon Dirk Maxeiner
und Michael Miersch "Ich bin nur froh das es Clark Gable ist, der auf die Fresse fliegt, und nicht Gary Cooper." Dies sagte Gary Cooper zu seinem - wie er seinerzeit meinte - weisen Entschluss, die Hauptrolle in "Vom Winde verweht" nicht anzunehmen. Der Streifen wurde dann ein Welterfolg. Es macht Spaß Vorhersagen von Gestern herauszusuchen, besonders am Tag vor der Jahreswende. Gute Vorsätze und Prognosen haben gemeinsam, dass sie meist still begraben werden, weil das richtig Leben nicht mitspielt. Fast niemand wird gern daran erinnert - wir auch nicht. Tut jedes Mal weh, wenn man durch einen Depotauszug auf seine todsicheren Aktienkäufe von 1999 aufmerksam gemacht wird. Tröstlich ist dabei, dass auch große Geister irren. Denken wir nur an Albert Einstein oder Franz Beckenbauer. Einstein meinte: "Es gibt nicht den geringsten Hinweis, dass Atomenergie jemals nutzbar sein wird." Und Beckenbauer war sich 1990 sicher: "Wenn jetzt nach der Wiedervereinigung demnächst auch noch all die Fußballer aus dem Osten dazukommen, dann wird Deutschland auf Jahre hinaus unschlagbar sein." Ein anderer deutscher Kaiser (Wilhelm II) war ähnlich treffsicher: "Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist nur eine vorübergehende Erscheinung." Nicht nur das Auto wurde unterschätzt. Als der erste Mikrochip auftauchte, fragten Ingenieure von IBM: "Aber für was ist das gut?" Inzwischen wissen wir, wofür es gut ist. Beispielsweise um Zukunftsprognosen zu erstellen. Nachdem sich die Fehlbarkeit des menschlichen Geistes herumgesprochen hatte, wurden Computer mit dieser schwierigen Aufgabe betraut. Ergebnis: Wir irren jetzt auf viel höherem Niveau. Der amerikanische Mathematiker John von Neumann, einer der Väter heutiger Computer, darf als Pionier in Sachen Zukunftsberechnung gelten. Er war der festen Überzeugung, weit voraus liegende Vorgänge mit Hilfe mathematischer Formeln vorhersagen zu können. In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts fand er begeisterte Zuhörer im Pentagon. Motto: Berechnen Sie uns mal einen Tag mit optimalem Wetter für die nächste Landung unserer Streitkräfte. Neumann strandete irgendwo zwischen Inversion und Invasion und die Sache verlief im Sande wie die Landung in der Schweinebucht. Der deutsche Physikprofessor Wilhelm Fuchs machte danach mit seinem Bestseller "Formeln zur Macht" Furore. Er versprach mit mathematischen Methoden simulieren zu können, wie man politischen Einfluss gewinnt. Dies war für Politiker aller Parteien eine entzückende Vorstellung, stelle sich aber als Flop heraus. Inzwischen sind die Computer noch viel leistungsfähiger geworden, weshalb einige daran glauben, mit Hilfe schneller Rechner die ganze Welt verstehen zu können. Der deutsche Physiker Hans-Joachim Schellnhuber stellte in der Wissenschaftszeitschrift "Nature" seine "Erdsystem-Analyse" vor. Das Erdsystem "E" funktioniert nach der Gleichung "E = (N,H)", wobei "N= (a,b,c...);H = (A,S)". "N" besteht aus einem System von "planetaren Subsphären" (a,b,c..), der humane Faktor "H" setzt sich aus der "Androsphäre" A und dem "globalen Subjekt" S zusammen. Na dann ist ja alles klar. Der Wunsch den Lauf der Welt zu verstehen und damit die Zukunft beherrschen zu können ist ja nur allzu menschlich. Das schöne Wort von der "Lebensplanung" bringt diese Sehnsucht sehr gut auf den Punkt. Nun lehrt die Lebenserfahrung, dass man seine Lebensplanung immer wieder revidieren und veränderten Umständen anpassen muss. Das politisches Leben oder das Wirtschaftsgeschehen, der menschliche Organismus oder die Vorgänge in der Atmosphäre sind unendlich komplexe Systeme. Wer an einer Stelle in das Räderwerk eingreift, kann nie wirklich wissen, was am Schluss dabei herauskommt. Und schlimmer noch: Ein Eingriff, der gestern ein bestimmtes Resultat erzielte, kann heute zu einem vollkommen anderen Ergebnis führen. Der Schriftsteller Michael Crichton hat ein wunderbares Beispiel für diese Problemstellung gefunden: "Ein komplexes System mit dem die meisten Leute zu tun hatten ist ein Kind, besonders ein Teenager." Dem können wir aus eigener Erfahrung nur zustimmen: Man weiß eigentlich nie, welche Maßnahme, welche Reaktionen wann hervorruft. Der Weg in die Zukunft ist eben ein stolpernder Vorgang, bei dem man immer wieder bereit sein muss, Fehler einzugestehen und den Kurs zu ändern. Dabei wünschen wir Ihnen ganz individuell und uns allen als Gesellschaft im neuen Jahr eine glückliche Hand.
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