StandpunkteÖko-Mythen Hintergrund:
Die Rehabilitation der Osterinsulanervon Dirk Maxeiner
und Michael Miersch Wer den Menschen erzählt, was sie hören wollen, muss meist keine großartigen Beweise liefern. Auch wer ihnen zeigt, was sie gerne sehen möchten, braucht keine lästigen Nachfragen zu fürchten. Denken wir nur an das berühmte Foto, auf dem bewaffnete Rotgardisten in einer entschlossenen Keilformation das Petersburger Winterpalais stürmen. Die Abbildung wurde zur Ikone der russischen Revolution und fand ihren Weg in die Schulbücher der ganzen Welt. Das schöne Symbolfoto hat nur einen kleinen Haken: Es zeigt mitnichten die Vorgänge von 1917, sondern wurde Jahre später anlässlich einer Feier zur Oktoberrevolution nachgestellt. Das falsche Foto machte aus einem nächtlichen Putsch eine heroische Revolution und stillte so den mythischen Bedarf der Menschen. Ein halbes Jahrhundert später nahm in den westlichen Industrienationen die ökologische Revolution ihren Ausgang und auch sie dürstete nach Projektionsflächen. Die lieferte eine angeblich vom indianischen Häuptling Seattle gehaltene Rede. "Was die Erde befällt, befällt auch die Söhne der Erde," soll er gesagt haben, "auch die Weißen werden vergehen, eher vielleicht als alle anderen Stämme. Fahret fort euer Bett zu verseuchen, und eines Nachts werdet ihr im eigenen Abfall ersticken." Autor der weisen Worte war Ted Perry, der eine 1854 gehaltene Rede des Häuptlings im Jahr 1972 für einen Film über Ökologie kurzerhand umdichtete. Er formulierte genau das, was eine vom schlechten Gewissen gegenüber den Indianern und der Umwelt geplagte Öffentlichkeit, hören wollte: Der edle Wilde redet einer verderbten Konsumgesellschaft ins Gewissen. Das klang damals eigentlich schon zu schön, um wahr zu sein. Wissenschaftler wussten, dass auch Brandrodung und maßlose Jagd bei Amerikas Ureinwohnern durchaus üblich waren. Dies hielt die Öffentlichkeit aber nicht davon ab, die Rede für authentisch zu halten. Aufkleber mit Seattles Mahnungen klebten bald auf vielen Tausend Kofferräumen tiefsinniger Autofahrer. Ja, und jetzt müssen alle ganz tapfer sein, denn derzeit fällt ein weiterer geliebter Mythos des Zeitgeistes in sich zusammen. Wenn verdeutlicht werden soll, wie gedankenlos der Mensch den Planeten plündert und sich so die eigenen Lebensgrundlagen entzieht, tritt stets das mahnende Beispiel der Osterinsel auf den Plan. In pädagogisch wertvoller Absicht wird "Aufstieg und Fall" der pazifischen Insel (in heimischer Sprache Rapa Nui) erzählt. Und das geht in etwa so: Es war einmal eine Hochkultur, die stellte viele hundert riesige Steinköpfe auf, um den Göttern zu gefallen. Leider brauchten die Menschen zum Transport Baumstämme. Deshalb musste irgendwann die letzte Palme dran glauben, woraufhin die Kokosmilch ausging, der Boden fortgeweht wurde, die Tiere ausstarben und auch keine Fische mehr gefangen werden konnten, weil das Holz zum Schiffsbau fehlte. Das Verhängnis mündete in Bürgerkrieg und gegenseitigen Kannibalismus, worauf die Zivilisation verschwand. Aktuell macht sie sich Jared Diamond in seinem Bestseller "Kollaps" diese Deutung zu eigen und spricht von "Ökozid". Das zivilisationskritische Publikum hört die Metapher gerne und verzichtet auf genauere Nachfragen. Dies erledigen jetzt eine ganze Reihe von Wissenschaftlern in der Zeitschrift "Energy & Environment". Die schöne Geschichte wird dort furchtbar gefleddert und es bleibt nur ein Gemisch von Mythen, Gerüchten, falschen Annahmen und selektiv ausgewählten Daten und Belegen übrig. In kurzen Worten lauten die neueren Erkenntnisse: Als die ersten Europäer um 1720 die Osterinsel betraten, ernährten sich die Menschen mit einer intensiven Landwirtschaft und frischem Fisch aus den reichen Fangründen. Der Anthropologe Benny Peiser von der Universität in Liverpool schreibt: "Sie hatten sich erfolgreich veränderten Bedingungen angepasst." Zum Aussterben der Inselbevölkerung kam es erst nach der Ankunft der Europäer und zwar durch rücksichtlose Sklavenhändler und eingeschleppte Krankheiten. Die Einwohner der Osterinsel haben ihren Untergang mit großer Wahrscheinlichkeit nicht selbst verursacht. Das mag Weltuntergangs-Propheten und den Anhängern einer Denkschule missfallen, die die Osterinsel zum Kronzeugen für ihre Zivilisations- und Gesellschaftskritik gemacht haben. Dennoch ist es Zeit die Einwohner von Rapa Nui zu rehabilitieren. Als abschreckendes Beispiel sind sie so wenig geeignet wie Häuptling Seattle als Vorbild.
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