StandpunkteGentechnik Hintergrund:
Pflanzenzucht und Frömmigkeitvon Dirk Maxeiner
und Michael Miersch Derzeit entsteht oft der Eindruck, Glaubenseifer und Irrationalität hätten im Morgenland ihren festen Wohnsitz genommen. Das Abendland dagegen sei ein Hort der Vernunft. Und tatsächlich: In Sachen religiöser Toleranz und freier Meinungsäußerung hat die Aufklärung im Westen viel geleistet. Dreht es sich um andere Themen, ist die Sachlage allerdings längst nicht mehr so übersichtlich. Beispielsweise wenn es um unsere Ernährung geht. Seit es in Europa mehr als genug zu essen gibt, wurden aus Überlebenskrisen Sinnkrisen. Entsprechend dient die Nahrungsaufnahme weniger der Sättigung als vielmehr dem seelischen Gleichgewicht. Während es für einen frommen Moslem ausreicht, die Fastenzeiten einzuhalten und ansonsten Schweinefleisch und Alkohol zu meiden, ist das Bemühen um richtige Ernährung für den weltlich orientierten, europäischen Durchschnittsbürger fast schon eine Vollzeitbeschäftigung. Die immer länger werdende Liste der Tabus, Verbote, Warnungen, Empfehlungen und Diäten würde jeden Korangelehrten überfordern. Als ökumenische Basis aller Glaubensrichtungen hat sich etwa folgendes etabliert: Natürlich ist besser als künstlich, pflanzlich ist besser als tierisch und je weniger verarbeitet desto besser. Doch keines dieser Gebote könnte einer wissenschaftlichen Überprüfung standhalten. Demnächst wird voraussichtlich eine neue Runde im Streit um den Nahrungskanon ausgetragen. Denn die Welthandelsorganisation hat jenen Ländern Recht gegeben, die sich über das Gentechnik-Moratorium der EU beschwerten. Eigentlich müsste die EU nun weitere Pflanzensorten zulassen (es geht hauptsächlich um Mais). Und sie dürfte den Import von Mais aus Ländern, die längst die Vorzüge der grünen Gentechnik nutzen, nicht mehr behindern. Der Konflikt bleibt virulent, denn eine findige EU-Bürokratie kann die Marktöffnung noch lange hinauszögern. Grundsätzlich ist aber zu erwarten, dass auch in Deutschland und Frankreich immer mehr Landwirte das neue Saatgut nutzen werden, weil es besser gegen Unkraut und Insektenfraß gewappnet ist. Deshalb wird wohl spätestens zur Erntezeit der große Konfessionsstreit wieder aufflammen. Das Spekulieren ums "was wäre wenn?" ist die beliebteste Übung in diesem Disput. Dabei es gibt reichlich praktische Erfahrung. Die grüne Gentechnik hat sich nun schon zehn Jahre lang in der Hand der Landwirte bewährt. 8,5 Millionen Bauern in 21 Ländern nutzen mittlerweile die neuen Pflanzensorten und bauen sie auf 90 Millionen Hektar Ackerfläche an. Kein Mensch hat auch nur einen Pickel davon bekommen und auch das ökologische Desaster blieb aus. Im Gegenteil: Mit den neuen Sorten sparen die Bauern Energie und Pestizide. Damit der Glaube nicht unter den Fakten zusammenbricht, wird der Streit immer mehr aufs Grundsätzliche verlagert: Darf der Mensch diese Technik nutzen? In der Pharmazie hat die Mehrheit Gentechnik längst akzeptiert. Daraus resultiert die nicht eben schlüssige Position: "Injizieren ja - essen nein". Und auch für den Urlaub in Spanien, Kanada, Australien oder den USA nimmt niemand gentechnikfreies Proviant mit. Jeder hat ein Recht auf seinen Glauben, möge er noch so absurd sein. Nur sollte er ihn nicht anderen verordnen. Das EU-Moratorium verhinderte bisher, dass sich Verbraucher überhaupt für oder gegen Produkte aus genmodifizierten Pflanzen entscheiden konnten. Das kommt religiöser Zwangsbeglückung nahe. Übel wird es, wenn Menschen aus weltanschaulichen Gründen zum Hungern gezwungen werden. Gerade hat Sambia unter Applaus europäischer Aktivisten die Ablehnung von Nahrungsmittelhilfe aus genveränderten Pflanzen bekräftigt. Dies betrifft vornehmlich Mais-Lieferungen aus USA und Kanada, wo Gentechnik inzwischen Standard ist. In Ostafrika haben derzeit mehrere Millionen Menschen nicht genügend zu Essen. Fasten sollte freiwillig sein - und nicht im Geiste eines frommen Reinheitsgebots verordnet werden.
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