Wortmarke Maxeiner und Miersch

Standpunkte

Neo-Naivität

Hintergrund:
In den Kinos und auf dem Buchmarkt feiert die Öko-romantik der achtziger Jahre ein Comeback.

 

Die Rückkehr des Aussteigers

von Dirk Maxeiner und Michael Miersch

Erschienen am 03.03.2006 in DIE WELT

Moden kehren in Zyklen wieder. So bereichern Hüfthosen mit Schlag, glatte Lederjacken und große Sonnenbrillen unter Pilzkopffrisuren unser Straßenbild. Sie erinnern an ein versunkenes Deutschland zwischen Bader-Meinhof und Sonnenallee. Auch experimentelle Jugendjahre in der Landkommune bleiben lebendig - dank Birkenstocksandalen designed by Heidi Klumm. Als Vertreter der Generation Ford-Consul betrachten wir solche ironischen Zitate nicht ohne Wohlwollen.

Frage aber: Kann es sein, dass sich nicht nur die Mode sondern auch der Zeitgeist wiederholt? So ähnlich wie eine Platte, die automatisch wieder von vorne gespielt wird? Vergangene Woche tauchte jedenfalls im Kino der Werbetrailer für den Film "Die Wolke" auf. Thema: Super-Gau eines Atomkraftwerks in Hessen. Die Bösen sind skrupellose Politiker und Bosse, kahlköpfige Strahlenopfer irren umher, Polizisten schießen auf verseuchte Flüchtlinge.

Der Film beruht auf einem gleichnamigen Bestseller von 1987. Geschrieben hat ihn Gudrun Pausewang, ehemalige Lehrerin und die Rosamunde Pilcher der Anti-Atomkraft- und Friedensbewegung. Nach Tschernobyl prophezeite sie darin einen Gau für Deutschland. Ihre diversen von Strahlentod und Ökozid nur so strotzenden Werke fanden vielfach Eingang in den Schulunterricht. Eine Generation von friedensbewegten Pädagogen ängstigte ihre Schüler damit und trieb ihnen jeden Glauben an Technik, Wissenschaft oder Fortschritt aus. Dafür erhielt Gudrun Pausewang den deutschen Jugend-Literaturpreis und das Bundesverdienstkreuz.

Zum Film gibt's jetzt wieder ein Begleitheft für den Unterricht und er ist "proofed by Greenpeace." Schon der Werbetrailer für den Film wirkt auf den Betrachter seltsam surreal. So als solle mit aller Macht der Gedanke vertrieben werden, dass die Gefahr eben nicht in Gestalt von skrupellosen Bossen und deutschen Atomkraftwerken daherkommt. Im richtigen Leben steht sie im schwarzen Gewand iranischer Fanatiker mit der A-Bombe vor uns. Macht aber nichts, unverdrossen wird das geistige Arsenal der achtziger Jahre ausgepackt: Wir lassen uns von den Mullahs weder den Gau noch die Schau stehlen. Und unsere idyllischen Zukunftssstrategien auch nicht.

Aussteigen, abschalten, raushalten, verzichten heißt die Devise - und dies gilt nicht nur für die Atomenergie. Der "Aussteiger", ein Kind des Zeitgeistes der siebziger und achtziger Jahre, wird wieder gesellschaftsfähig. Diesmal nicht freiwillig, sondern aus der Not heraus. "Die Kunst des stilvollen Verarmens" heißt ein Bestseller in dem die Meinung vertreten wird, in der Arbeitslosigkeit liege beispielsweise "die Chance, sich dem Konsumterror zu entziehen." Merke: Die Lösung liegt nicht darin etwas zu tun, sondern es zu lassen und dies mit moralisch höheren Weihen zu versehen. Seit es in Deutschland praktisch kein Wirtschafts-Wachstum mehr gibt, entdecken Marktfeinde wieder den ökologischen Charme des Null-Wachstums und feiern es allen Ernstes als Dienst an künftigen Generationen. Selbst Zeitgeist-Köche und Köchinnen schwimmen auf der Welle. Sarah Wiener stellte während ihrer Rolle in der Fernsehserie "Gutshaus" fest, dass das Gesinde früher gesünder lebte als die Herrschaft: "Wir bekamen ja nur das zu essen, was die uns übrig ließen, Butter und Eier waren schon vom Teller." Kürzlich veröffentliche der "Stern" eine Titelgeschichte "Einfach die Welt verändern". Originalton: "Schließen sie den Wasserhahn beim Zähneputzen. Essen sie mehr Saisongemüse. Lernen sie einen Witz. Drehen sie die Heizung ein Grad herunter. Verschenken sie die Vorfahrt. Kaufen sie einem Obdachlosen einen heißen Kaffee." Liest sich wie eine Pop-Fassung von Angela Merkels "Politik der vielen kleinen Schritte".

Die Ethik des Erschaffens und Mehrens kommt in diesem abgrundtief pessimistischen Weltbild nicht mehr vor, genauso wenig wie das Vertrauen in den Menschen als Denker und Schöpfer. Ergebnis ist eine einzigartige intellektuelle Stagnation und Perspektivlosigkeit.