StandpunkteNaturschutz und Ökonomie Hintergrund:
Kauft Tropenholz, esst Antilope!von Dirk Maxeiner
und Michael Miersch Die Natur, so heißt es im Biotop der populären Vorstellungen, muss unbedingt vor ökonomischen Interessen geschützt werden. Der unerhörte Gedanke, dass wirtschaftliches Eigeninteresse die Natur sogar retten könne, muss hingegen erst neu angesiedelt werden. Erfreulicherweise geschieht dies. Dafür zwei Beispiele von vergangener Woche. So wurde berichtet, dass Brasiliens Präsident Lula da Silva, der eigentlich fest für eine sozialistische Rolle gebucht war, beim Schutz des Regenwaldes auf Marktwirtschaft setzt. Ein neues Gesetz erlaubt Holzfirmen in Amazonien Forst-Konzessionen zu erwerben. Die zweite Naturschutz-Neuigkeit präsentierte ein Kaufhaus unseres Vertrauens: Fleisch und Wurst von Kudus, Gnus und anderen afrikanischen Antilopenarten an - nicht billig, aber superlecker. Bevor der geschätzte Leser uns nun als Zyniker vom Dienst ablegt: Forstwirtschaft im Tropenwald und die Vermarktung von Wildtieren können den Naturschutz tatsächlich ökonomisch absichern. Denn tropische Wälder und Wildtierbestände leiden unter Raubbau und Wilderei, weil sie vielerorts Allgemeingut sind. Ökonomen nennen das "Allmende-Dilemma". Früher gab es in vielen Dörfern Allmenden, Gemeinschaftsweiden, die allen und keinem gehörten. Alle Bauern des Dorfes durften ihr Vieh dort grasen lassen. Doch Rinder, Schafe und Ziegen konnten oftmals kaum ein Hälmchen finden, weil. jeder möglichst viele Tiere dorthin trieb, aus Angst ansonsten zu wenig vom Gemeinschaftsgut abzukriegen. Diese psychologische Falle ging als "Allmende-Dilemma" in die ökonomische Fachliteratur ein (und lässt sich übrigens auch bei der Abweidung unserer Sozialsysteme beobachten). Es ist die Ursache für die Überfischung der Weltmeere, ebenso wie die Plünderung von Wildtierbeständen und Wäldern in Entwicklungsländern. Zwar gehören die Wälder zumeist den Staaten, aber Forstministerien in Kinshasa oder Kuala Lumpur sind aus der tiefe des Dschungels betrachtet weit weg. Deshalb werden Wälder rund um den Äquator nach wie vor abgebrannt. Holzwirtschaft spielt dabei eine geringere Rolle als viele glauben. Es geht vielmehr um Landgewinnung für Ackerbau, Viehzucht und Plantagen. Die Regenwälder Südostasiens schwinden für Ölpalmen (Margarine, Waschmittel, Kosmetik) und Kautschukbäume (Latex). In Südamerika wird für Sojafelder gerodet (Viehfutter). Solche Rohstoffe sind wesentlich lukrativer als Holz. "Der wichtigste Grund für den Verlust an Biodiversität und Arten," schrieb der Umweltökomom Mike Northon-Griffiths, "liegt in der Ökonomie der Landnutzung. Ungenutzte Flächen können mit genutzten nicht konkurrieren." Seit im südlichen Afrika Wildtiere bewirtschaftet werden, nahmen die Bestände erfreulich zu. Brasilien möchte diesen Effekt nun für den Regenwald nutzen. Illegaler Holzeinschlag und Brandrodung sollen gestoppt und eine nachhaltige Forstwirtschaft gesichert werden. Wenn der zur Leerformel inflationierte Begriff "Nachhaltigkeit" irgendwo sinnvoll ist, dann in der Forstwirtschaft. Dort kommt er her und ist sehr konkret: Pflanze zwei Bäume, wenn du einen fällst. Wie gut dies funktionieren kann, beobachtete Miersch bereits in den neunziger Jahren in der Nähe der Amazonas-Stadt Manaus. Dort bewirtschaftet eine schweizer Holding Hundertausende Hektar Tropenwald auf schonende Weise. Die Natur erhält genug Zeit sich zu erholen. Die genutzten Flächen unterscheiden sich in Aussehen und Artenvielfalt kaum von den benachbarten Schutzgebieten. Privatisierung ist kein Patenrezept. In Indonesien plündern Privatfirmen die Wälder rücksichtslos. Dies, weil die Behörden weggucken und die Nutzungsrechte teilweise nur für kurze Zeit erteilt werden. Dann lohnt es für Holzfäller nicht, sich um die Regeneration des Waldes zu kümmern. Brasilien will diese Fehler vermeiden. Ein aussichtsreicher Ansatz im Tropenwaldschutz, der uns ebenso erfreut wie Kudugulasch und Gnuschinken.
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