Wortmarke Maxeiner und Miersch

Standpunkte

Liberale Tradition

Hintergrund:
der Tod Eugen Richters jährt sich zum hundertsten Mal.

 

Auch er war Deutschland

von Dirk Maxeiner und Michael Miersch

Erschienen am 24.03.2006 in DIE WELT

In der Reformlyrik, die seit etwa einem Jahrzehnt via Papier, Kabel und Radiowellen auf die Deutschen einrieselt wird gelegentlich beklagt, dass es hierzulande keine wetterfeste liberale Tradition gäbe, wie bei den Angelsachsen. Daher sei die Mehrheit - egal ob rechts oder links - stets staatsgläubig und marktfeindlich eingestellt. Da ist was dran und auch wir haben diese These schon mal bemüht. Nun ist das mit den Traditionen so eine Sache. Sie können einschlafen, sie können wach gehalten, sie können aber auch neu erweckt werden. Dass man kaum noch einen Hessen in alter Tracht sieht, aber durchaus Bayern in Lederhosen und Bayerinnen im Dirndl, liegt auch an der unterschiedlichen Nachfrage. Hessen ist nicht gerade ein internationaler Tourismusmagnet und wer Frankfurt besucht, erwartet dort keine Heimatabende. Anders in Bayern, wo Amerikaner und Japaner optisch auf ihre Kosten kommen wollen.

Ähnlich verhält es sich mit dem liberalen Geist in Deutschland. Er hat durchaus eine Tradition, man muss sie nur entdecken wollen. Dazu möchten wir mit einem Nachruf beitragen. Denn es jährte sich im März 2006 der 100 Todestag von Eugen Richter. Eugen wer? Zu Lebzeiten war er so prominent wie August Bebel. Doch heute erinnert sich in der gedenk- und jubiläumsfreudigen deutschen Medienlandschaft kaum jemand mehr an ihn. Richter war die Sorte Liberaler, die man hierzulande viel zu selten findet. Über die heute übliche Unterscheidung zwischen Wirtschaftsliberalen und Bürgerrechtsliberalen hätte er vermutlich nur den Kopf geschüttelt: "Die wirtschaftliche Freiheit hat keine Sicherheit ohne politische Freiheit, und die politische findet ihre Sicherheit nur in der wirtschaftlichen Freiheit."

Er trat entschieden für den Fortschrittsgedanken und den Freihandel ein, der die Gründerjahre beflügelte und war ein scharfer Gegner der Sozialisten (deren Freiheitsrecht er jedoch gegen die Sozialistengesetze Bismarcks verteidigte). Frühzeitig warnte er vor Flottenträumen und Kolonialabenteuern und bekämpfte den preußischen Obrigkeitsstaat. Er war weltoffen, jedoch ein Erbsenzähler, wenn es um das Steuergeld der Bürger ging. Bismarck ärgerte sich über den liberalen Oppositionsführers mehr als über Bebel.

Aus heutiger Sicht verblüfft die Weitsicht des westfälischen Reichtstagsabgeordneten der frühzeitig die Gefahr der aufkommenden Antisemitismus erkannte. Unter den Nationalliberalen (der Konkurrenz zu Richters Fortschrittspartei) schwoll das anti-jüdische Ressentiment damals immer stärker an. "Die antisemitische Bewegung," hielt Richter dagegen, "erscheint bei weitem verwerflicher als die sozialistische Agitation. Sie richtet sich nicht bloß gegen äußere Besitzverhältnisse, sondern gegen die Menschen an sich und ihre Abstammung."

Auch die Zukunft des Sozialismus sah er erstaunlich klar voraus und verfasste 1891 ein Büchlein, in dem er das beschrieb, was im folgenden Jahrhundert Wirklichkeit werden sollte: Ein repressives System der Mangelwirtschaft, das die Menschen immer stärker unterdrückt. Die Regierung schließt die Grenzen und lässt auf Flüchtlinge schießen. Richters Kurzroman "Sozialdemokratische Zukunftsbilder" liest sich wie das Drehbuch für ein Stück namens "DDR".

Aber nicht nur die Hardcore-Variante der Menschheitsbeglückung weckte seine Skepsis. Angesichts der Anfänge des deutschen Sozialstaates ahnte er bereits, was passieren würde, wenn der Staat sich für immer mehr Lebensbereiche zuständig erklärt: "Wenn nun schließlich der Staat immer mehr Verantwortlichkeit übernimmt...und sich immer weniger als leistungsfähig herausstellt...dann kehrt sich zuletzt...Unzufriedenheit, die mehr und mehr sich ansammelt, gegen den Staat selbst." Das konnte man also schon vor 120 Jahren erkennen. Die lange Leitung deutscher Anti-Liberaler hätte wohl auch ein Eugen Richter unterschätzt. Ehren wir sein Andenken, und damit eine Wurzel liberaler Tradition in Deutschland.