StandpunkteKongo-Einsatz Hintergrund:
Geheimnisse der Empörungvon Dirk Maxeiner
und Michael Miersch Ein merkwürdiger Geisterzug hat sich in Richtung Kongo in Bewegung gesetzt. Keiner weiß so recht warum er fährt, wann und wie seine Insassen zurückkommen. Die Schlagzeile "Bundeswehr nach Kinshasa" wird in der breiten Öffentlichkeit Schulter zuckend zur Kenntnis genommen, so als handele es sich um einen kurzen Frühlingsschauer. Erstaunlich, immerhin werden hier 500 uniformierte deutsche Staatsbürger in ein Bürgerkriegsgebiet beordert, ohne dass jemand den Sinn dieser Aktion plausibel zu machen vermag. Das Land bleibt so ruhig wie ein Gletschersee im Mondschein. Wir haben uns schon oft gefragt: Wie muss eigentlich ein Konflikt beschaffen sein, der die Gefühle der Nation in Wallung bringt? Machen wir dazu ein kleines Gedankenexperiment. Regierung und Bundespräsident sagen im Kongo gehe es darum, Wahlen abzusichern, die den Übergang von Bürgerkrieg und Chaos zu staatlicher Ordnung und demokratischen Prozessen ermöglichten. Zu einem ähnlich noblen Anliegen hätte man unsere Soldaten freilich auch schon 2005 in Marsch setzten können. Da ging es im Irak um exakt das gleiche. Und zwar unter ähnlichen Bedingungen: Verfeindete Volksgruppen, marodierende Clans, düstere Ex-Militärs - allesamt bis unter die Zähne bewaffnet. Auch der Unterschied zwischen irakischen Selbstmordattentätern und kongolesischen Kindersoldaten ist eher akademischer Natur. Durch Anschläge sind im Irak sind in seit 2003 etwa 25 000 bis 30 000 Zivilisten ums Leben gekommen, im Kongo sind es nach WHO-Schätzungen derzeit über 30 000 Bürgerkriegsopfer - pro Monat. Die Bundeswehr wurde nicht nach Bagdad geschickt, der Einsatz hätte eine mittlere Staatskrise ausgelöst, Großdemonstrationen wegen "militärischer Abenteuer" und Aufschrei der Medien inklusive. Einen Hinweis darauf liefert die Entrüstung, die schon eine mögliche Beihilfe zweier BND-Agenten zum Sturz des Diktators Saddam Hussein auslöste. Aber warum bleibt das Land angesichts des Kongo-Einsatzes so indifferent, als handele es sich um einen Betriebsausflug der Bundeswehr? Wer ein Rezept für maximale Aufregung sucht, der sollte vor allem eines sicherstellen: Amerika muss involviert sein. Denn dann dürfen automatisch niedere Beweggründe angenommen werden. Würden die USA im Kongo die Wahlurnen sichern, wäre dies eine neue Folge in der Erfolgsserie vom "Krieg um Rohstoffe". Die eigene moralische Überlegenheit lässt sich am besten demonstrieren, wenn anderen ökonomisches Kalkül unterstellt werden kann. Nun halten sich die USA aber raus. Und deshalb ist der Kongo kein Fall für Demonstrationen und Friedensgebete. Die finden nur Zulauf, wenn sie sich mit Amerika oderdem Kapitalismus als solchen verbinden lassen. Oder mit Israel. Wenn es um die Unterjochung unschuldiger Völker geht, ist Israel der zweite übliche Verdächtige, der maximales Empörungspotenzial abruft. Der israelisch-palästinensische Konflikt genießt eine geradezu manische Aufmerksamkeit. Einzelne erschossene Terroristen in Gaza sind dem deutschen Fernsehen allemal mehr Sendezeit wert als hunderttausende Menschen, die in Darfur niedergemacht werden. In Israel und Palästina sind mehr Medienvertreter versammelt als in ganz Afrika. Das mag daran liegen, dass Israel ein für Journalisten recht angenehmer Aufenthaltsort ist, um von dort aus den unerschrockenen Kriegsberichterstatter zu geben. Ein Phänomen, das sich unterschwellig auch in Volkes Stimme widerspiegelt. Im Grunde wissen die Menschen in Europa, dass sie von Israel und den Amerika nicht wirklich etwas zu befürchten haben. Bösewichter, die sich letztendlich an die zivilisatorischen Normen halten, sind uns nun mal die liebsten und werden deshalb besonders eifrig vorgeführt. Mit Kandidaten vom Schlage Ahmadi-Nedschads möchte man sich lieber nicht anlegen - die könnten ja ernsthaft beleidigt sein. Und der Kongo? Der Kongo ist uns einfach nur egal.
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