StandpunkteDDR-Vergangenheit Hintergrund:
Die zwanzig Jahres Regelvon Dirk Maxeiner
und Michael Miersch Diese Woche waren wir in verschiedenen Städten im gleichen Film: "Das Leben der Anderen". Nach dem Abspann konnte man in dem einen Kino eine Stecknadel fallen hören, in dem anderen wurde applaudiert. In beiden Fällen war das Publikum sicht- und hörbar aufgewühlt. Auch wir mussten an Freunde im Osten denken, die damals bespitzelt, drangsaliert und weggesperrt wurden. Und an Freunde im Western, denen Nicaragua näher war, als das schreckliche Regime vor der eigenen Haustür. Der Film ist bedrückend und macht dennoch Hoffnung. Zum einen erzählt er davon, dass auch der mächtigste Apparat nicht jedem Menschen alle Menschlichkeit austreiben kann. Zum anderen lassen sein bisheriger Erfolg und die Reaktionen des Publikums ein Bedürfnis nach Aufklärung über die Realität des Sozialismus erkennen. Auch wenn - zugegeben - der Wunsch Vater unseres Gedankens ist: Womöglich neigt sich die gesamtdeutsche Spreegurken-Seeligkeit ihrem Ende entgegen. Eine Zeit lang sah es so aus, als sei das Interesse am SED-Staat friedlich weggedämmert und könne in aller Stille begraben werden - so wie es sich die alten Seilschaften wünschen. Mitte März marschierten in der Gedenkstätte Hohenschönhausen alte Stasi-Offiziere auf, um in Mannschaftsstärke deutlich zu machen, dass sie bei der Geschichtsschreibung ein Wörtchen mitreden wollen. Die Täter gerierten sich als Opfer einer Hetz- und Rufmordkampagne. Berlins Kultussenator Flierl fiel dazu originellerweise ein Aufruf zum "Dialog" ein. Man müsse mehr miteinander reden. Das erinnert uns an einen Cartoon von Robert Gernhardt. Ein Schweinchen sitzt zwischen zwei finster blickenden Schlachtern und sagt: "Aber ja - ich diskutiere gerne mit Metzgern." So ein Auftritt ehemaliger NS-Täter hätte einen Aufschrei
der Empörung verursacht. In drei Jahren liegt der Fall der Mauer zwanzig Jahre zurück. Etwa zwei Jahrzehnte dauerte es auch nach 1945 bis größere Teile der Bevölkerung bereit waren, die Verbrechen der NS-Diktatur zur Kenntnis zu nehmen. In den fünfziger Jahren, so berichten KZ-Überlebenden, wollte ihnen niemand zuhören. Das Thema wurde einfach übergangen. Sie fühlten sich wie lebendige Mahnmale, die störend im Raum standen. Ähnliche Erfahrungen haben Bürgerrechtler und politische Häftlinge der DDR gemacht. Nachdem sie anfänglich als Helden der friedlichen Revolution gefeiert wurden, erlosch das Interesse rapide. Ihren Erfahrungen fragt niemand mehr nach. Man versucht sie als Nervensägen abzustempeln, die immer über Vergangenes reden wollen. Dabei stimmt das gar nicht. Vielmehr wird Ihr bloßes Vorhandensein als bedrohlich empfunden, weil es die gesamtdeutsche Dialog- Kleister- und Konsenskultur in Frage stellt. Viele, die im Westen gelebt hatten, fanden die Agenten-Märchen eines Markus Wolf spannender und ostalgische Ausstattungsrevuen witziger. Das ist kein typisch deutsches Phänomen. Auch in Spanien und Chile vergingen an die zwei Jahrzehnte, bis wirklich offen über die Diktaturen geredet wurde. Manchmal sind es seltsame Anlässe, die den Deckel lüften. In Spanien, war es in den neunziger Jahren der englische Spielfilm "Land and Freedom", der erstmals eine breitere Diskussion über den Bürgerkrieg und seine Folgen entfachte. Einen aufrüttelnden Film über den SED-Staat hätten wir nun. Machen wir was draus.
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