StandpunkteZweifelhafte Meinungsumfragen
Volkssport Schummelnvon Dirk Maxeiner
und Michael Miersch Mögen Sie kleine Kinder und Tiere? Sagen Sie in ihrer Ehe immer die Wahrheit? Würden Sie auf eine Urlaubreise verzichten, um das Geld für Arme zu spenden? Wenn Sie eine dieser Fragen mit "nein" beantwortet haben, gehören Sie zu dem Teil der Menschheit, dem Ehrlichkeit mehr bedeutet als ein gemütliches Selbstgefühl. Vielen geht es genau umgekehrt, sie möchten lieber vor sich und anderen gut dastehen, und gehen deshalb mit der Wahrheit weniger pingelig um. Selbstauskünfte zu Themen wie Sex, Geld oder Erfolge der eigenen Kinder sind mit Vorsicht zu genießen. Das sagt die Lebenserfahrung und Psychologen bestätigen es. Manche veröffentlichte Erhebungen haben scheinen von solchen Einsichten jedoch völlig ungetrübt zu sein. Umfragen können von zwei Seiten manipuliert werden. Einerseits durch die Fragesteller. Wer geschickt formuliert, kriegt die Antwort, die er sich wünscht (damit haben wir uns in dieser Kolumne schon einmal beschäftigt). Doch auch die Befragten sind ein Risikofaktor. Es ist unter Sexualforschern eine Binsenweisheit, dass bei der Frage nach Seitensprüngen Frauen und Männern in entgegengesetzte Richtungen schummeln. Männer neigen tendenziell zum Prahlen mit ihren erotischen Erfolgen, Frauen spielen vergangene Affären gern herunter, da ihnen immer noch ein schlechter Ruf droht, wenn es allzu viele waren. Solche sozialen Normen wirken sogar dann, wenn dem Befragten kein Interviewer gegenüber sitzt und er allein und anonym ankreuzen kann. Die gleiche Umfrage über Ängstlichkeit bei Männern, fiel deutlich ängstlicher aus, als man den Testpersonen ankündigte, man werde sie nachher an einen Lügendetektor anschließen. "Wenn kein anderer da ist, den man belügen kann, belügen die Leute halt sich selbst. Jeder Fragebogen ist eine Einladung zu Selbsttäuschung," beschreibt Reto Schneider, vom schweizer Magazin NZZ-Folio dieses erstaunliche Phänomen. Wie unzuverlässig Umfragen sein können erfuhr die Redaktion von NZZ-Folio bei einer Befragung der eigenen Leserschaft. 139 der 1883 Teilnehmer gaben an, ihnen hätte das Heft zum Thema "Katastrophen" besonders gut gefallen. Schade nur, dass es nie ein Heft zu diesem Thema gegeben hatte. Die tückischen Redakteure wollten nur mal die Vertrauenswürdigkeit der Antworten testen. Viele Neurowissenschaftler und Psychologen sind heute der Ansicht, dass wir die eigene Identität ständig umbauen und auch unsere Gedächtnisinhalte lebenslang überarbeiten. Richter wissen, wie schwierig es ist, aus Zeugenaussagen ein Geschehen zu rekonstruieren. Es kann sogar passieren, dass Menschen viel menschlicher sind, als sie in Umfragen behaupten. Der amerikanische Soziologe Richard LaPiere reiste in den dreißiger Jahren mit einem befreundeten chinesischen Ehepaar durch die USA und führte Buch darüber, wie man die damals sehr exotischen Fremden behandelte. Und erfreulicherweise waren fast alle Leute freundlich und höflich. Danach schrieb er die Hotels und Restaurant an und fragte: "Würden Sie Angehörige der chinesischen Rasse als Gäste aufnehmen?" Fast alle antworteten: Nein. Dennoch kann man durch Umfragen durchaus Erkenntnisse über die Wirklichkeit gewinnen. Besonders, wenn man unterschiedliche Umfragen miteinander in Beziehung setzt. Vergangene Woche erschienen innerhalb weniger Minuten Resultate zweier aktueller Erhebungen auf unseren Bildschirmen. Die erste Meldung trug die Überschrift: "Deutsche wollen mehr Staat". 38 Prozent der Befragten hatten dafür plädiert, dass der Staat sich mehr um die soziale Sicherung seiner Bürger kümmert. Kurz darauf kam eine Nachricht, die mit dem Satz begann: "Immer weniger Deutsche bestreiten ihren Lebensunterhalt durch Arbeit." Bei einer Befragung des Statistischen Bundesamtes hatten nur noch 39 Prozent der Bürger angegeben, Erwerbstätigkeit sei ihre wichtigste Einkommensquelle. Möglicherweise besteht zwischen den beiden Zahlen ein Zusammenhang.
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