Wortmarke Maxeiner und Miersch

Standpunkte

Politische Geographie

Hintergrund:
Durch die Fußballweltmeisterschaft geraten Länder ins Blickfeld, die ansonsten in den Medien nicht vorkommen.

 

Verzerrte Weltkarte

von Dirk Maxeiner und Michael Miersch

Erschienen am 16.06.2006 in DIE WELT

Die Fußballweltmeisterschaft ist nebenbei ein geographisches Bildungsprogramm. Unsere Kinder greifen jetzt häufiger mal zum Atlas. Bei der Neujustierung ihres Medienkonsums stellten sie beispielsweise fest, dass ihr Frühstückskakao zumeist aus Elfenbeinküste stammt, oder das kleine Costa Rica 18 Nationalparks vorweise kann und Präsident Óscar Arias Sánches sich um die Rettung des Regenwaldes verdient gemacht hat.

Wer bei dieser Gelegenheit mal wieder den Diercke Schulatlas in die Hand nimmt, erfährt ein schönes Gefühl von generationsübergreifender Kontinuität, das sich dabei einstellt. Alles ändert sich, aber der Diercke bleibt bestehen. In der Ausgabe von 2002 ist auf der letzten Seite eine seltsam verzerrte Weltkarte abgebildet. Etliche afrikanische Staaten - darunter zwei WM-Teilnehmer - fehlen, ebenso einige lateinamerikanische. Malaysia und Indonesien sind kleiner als Griechenland. Flächenmäßig kleine Länder wie Großbritannien und Israel dominieren das globale Bild - als seien sie riesig aufgeblasen. Der Rätsels Lösung: Auf dieser bizarren Weltkarte entspricht die Fläche der Staaten der Häufigkeit ihrer Medienpräsenz. Gemessen wurde anhand von Nennungen in "Time". Es könnte aber auch jede andere Zeitschrift sein. Hätte man Fernsehsender genommen, bestünde die Welt vermutlich aus noch weniger Ländern.

Wo nicht viel passiert, wird auch nicht viel berichtet, könnte man meinen. Doch das ist ein Trugschluss. Wenn man die alte Regel nimmt, dass vornehmlich schlechte Nachrichten besonders gefragt sind, gäbe es aus Simbabwe, Somalia, Nordkorea oder den Provinzen Chinas eine Menge zu berichten. Auch das Ausmaß des Schreckens spielt kaum eine Rolle für die Präferenz. Sonst müssten Schlagzeilen über Sudan oder Kongo dominieren. Einige der furchtbarsten Konflikte letzten Vierteljahrhunderts wurden von der breiten Öffentlichkeit nahezu vergessen. Zum Schlimmsten was in dieser Zeitspanne auf der Welt geschah, gehörte beispielsweise der angolanische Bürgerkrieg, in dem 1,5 Millionen Menschen getötet wurden. Oder der Krieg zwischen Irak und Iran, der eine halbe Million Opfer forderte. Nur wenigen Interessierten wissen, dass der übelste islamistische Massenterror in Algerien stattfand und dien Opfer Moslems waren. Alle drei Desaster hatten gemeinsam, dass es nur wenige Bilder aus diesen Regionen in die europäischen und nordamerikanischen Wohnzimmer drangen. So wie derzeit im Sudan ein bilderloses Gemetzel stattfindet.

Das Weltgeschehen findet vornehmlich dort statt, wo sich Journalisten niedergelassen haben. Und da Journalisten ungern irgendwo hingehen, wo es nur schmutzige Hock-Klos und kein Eis für den Sundowner gibt, fällt die Berichterstattung aus solchen Gegenden ziemlich spärlich aus. Dies ist einer der Gründe, warum der Kampf gegen die Apartheid in Südafrika bei Weitem ausführlicher gecovert wurde als die furchtbarsten Genozide in anderen Teilen des Kontinents. Kapstadt und Pretoria waren auch während des Befreiungskampfes relativ angenehme Aufenthaltsorte. Der israelisch-palästinensische Konflikt rangiert nicht zuletzt auch deshalb ganz oben in der Nachrichtenhierarchie, weil nirgendwo sonst einen bewaffneten Konflikt in so angenehmer Umgebung stattfindet. Man kann den Vormittag in Jerusalem am Pool verbringen, nachmittags in Ramallah einen Straßenkampf filmen und zum Abendessen wieder zurück sein. Mehr ausländischen Journalisten berichten aus Israel als aus gesamt Afrika. Deshalb bekommen wir hierzulande jede Schießerei serviert. Weiter südlich auf der Landkarte muss die Zahl der Toten schon vierstellig sein, um in die Hauptnachrichten zu gelangen.

Neben dem Mangel an Hotellerie gibt es noch einen weiteren Faktor der ganz entscheidend die Auslandsberichterstattung beeinflusst: Passt ein Ereignis in das Klischee, dass über das jeweilige Land gerade im Umlauf ist? Moskau-Korrespondenten beklagten in den neunziger Jahren, dass sie kaum Berichte über Russlands rapiden Wirtschaftsaufschwung loswurden. Die Redaktionstuben waren an etwas anderem interessiert: Der Russenmafia. Genießen wir deshalb den medialen Ausnahmezustand und nehmen die Erkenntnis mit, dass die Welt größer, vielschichtiger und bunter ist als ihr Abbild in den Medien.