StandpunkteSelbstaufgabe Hintergrund:
Lass uns drüber redenvon Dirk Maxeiner
und Michael Miersch Vergangene Woche versprach die Titelseite des Magazins "Stern" Lebenshilfe: "Israel - Was das Land so aggressiv macht" stand da. Wir dachten eigentlich, dass man für Erklärungen nicht lange im kollektiven Unterbewusstsein schürfen muss: Wenn man vom Nachbarn mit Raketen beschossen wird, dann macht das eben aggressiv. Ist doch normal. Doch die nette Tante "Stern" sieht das entspannter. Woraus eine interessante Frage resultiert, der sich die Kollegen in Hamburg demnächst mal annehmen könnten: "Deutschland - Warum das Land so kuchengut ist." Denn das kapieren wir schon lange nicht mehr. In der einstigen Heimat von Stechschrittes und Pickelhaube haben sich im letzten halben Jahrhundert mentale Tiefenschichten dramatisch verschoben. Die große Mehrheit ähnelt nun den Hippies von einst. Man blickt sanft lächelnd in die bunte Welt und haucht "Love and Peace." Nur dass die meisten dabei nicht einmal bekifft sind. Das "Lass uns drüber reden," die Sparversion der Habermasschen Diskursethik, gilt in allen Lebensbereichen (außer auf der linken Spur der Autobahn). Drangsaliert ein Schüler die anderen, wird unter Lehrern und Eltern einfühlsam beraten, wie dem Störenfried am besten zu helfen sei. Der Schutz der anderen steht nachrangig zur Debatte. Wenn junge Männer ihre Freizeit der Bandenkriminalität widmen, lautet die brennende Frage: Fühlen sie sich diskriminiert? Egal ob Neonazi, Islamist oder Kampfhund: Alle sind therapierbar. Niemand ist wirklich böse. Schuld sind, die Erziehung, die Gesellschaft oder - die Kirchentagsvariante - wir alle. Inzwischen glauben das sogar die Täter selbst. Der Frankfurter Kindermörder Gäfgen bedauert sich selbst als Opfer, und Leute die voll besetzte Busse in die Luft sprengen, nennen sich Märtyrer. Der Gedanke, dass es untherapierbar Böses gibt, dass Fanatiker auf Vernichtung aus sind, und man sie daran hindern muss - diesen unbequemen Gedanken wollen viele nicht mehr an sich heranlassen. Im Jahr 2001 befragte das Mannheimer Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen über 3000 Personen. Man wollte herausfinden, wie das Rechtsbewusstsein der Bevölkerung in Sachen Notwehr zur juristischen Auffassung passt. Es wurden verschiedene Situationen schriftlich geschildert, in denen Menschen, sich selbst, andere oder ihr Eigentum mit Gewalt vor Angreifern schützen. Das Fazit der Studie: Im Gegensatz zur Rechtslage halten die meisten Deutschen handfeste Selbstverteidigung für Unrecht, besonders wenn der Angreifer dabei verletzt wird. Sie wollen mein Haus anzünden? Lassen Sie uns drüber reden! Auf Grundlage dieser nachgiebigen Alltagsmoral interpretieren viele Menschen auch das Weltgeschehen. Sie können nicht nachvollziehen, dass andere ihr Leben oder ihre Freiheit mit Gewalt verteidigen. Und schon gar nicht, dass es Menschen gibt, die anderen Leben und Freiheit rauben wollen - und mit denen man darüber einfach nicht reden kann. Der amerikanische Kolumnist Dennis Prager brachte es auf den Punkt. "Liebe Deutsche," schrieb er, "anstatt zu lernen, dass das Böse bekämpft werden muss, habt ihre gelernt, dass Kämpfen böse ist." Wobei man fairerweise anmerken sollte, das viele nicht-deutsche Europäer ganz ohne Nazis zu der gleichen Überzeugung gelangt sind. Im Krieg gegen die Hisbollah erklären wohl gesonnene Zeitgenossen ihr Verständnis für die Israelis, angesichts der leidvollen Geschichte des jüdischen Volkes. Als müsste man erst einen Völkermord überlebt haben, um sich wehren zu dürfen. Israel hätte aber das gleiche Recht die Dschihadisten zu bekämpfen, wenn seine Bevölkerung mehrheitlich aus Hindus oder Mormonen bestünde. In gemütlicher Runde nach dem dritten Wein hören wir in letzter Zeit immer häufiger die Frage, warum man dieses lästige kleine Land nicht aufgeben soll. Das würde eine Menge Ärger ersparen und die Ölpreise sinken lassen. Sie wollen mein Haus anzünden? Nehmen sie die Wohnung im Parterre und lassen sie mich in bitte in Ruhe.
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