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Standpunkte

Öko-Dogmen

Hintergrund:
Das Landwirtschaftsministerium will den Waldzustandsbericht nur noch alle vier Jahre erstellen.

 

Stille Beerdigungen

von Dirk Maxeiner und Michael Miersch

Erschienen am 08.09.2006 in DIE WELT

Puuhhh, hat das gedauert. Der Wald-Schadensbericht soll künftig allenfalls noch alle vier Jahre erscheinen. Im Klartext heißt das wohl: Das Waldsterben mitsamt einer darum erblühten Bürokratie wird still und leise beerdigt. Endlich. Es ist es eine schöne Vorstellung, dass sachliche Argumente und rationales Verhalten sich im gesellschaftlichen Diskurs, in der Berichterstattung der Medien und schließlich auch im politischen Entscheidungsprozess durchsetzen. Wer daran glaubt, braucht allerdings einen langen Atem und ziemlich viel Geduld.

Ein Griff in unser Archiv fördert zutage, dass alle für die Beisetzung des Waldsterbens notwendigen Fakten schon vor über 10 Jahren auf dem Tisch lagen. Es war klar, dass es zwar regionale Waldschäden gab, bei denen Luftverschmutzung eine Rolle spielte (die durch die Großfeuerungsanlagen-Verordnung von 1983 beseitigt wurden). Es gab aber nie ein flächendeckendes Waldsterben. Selbst zur Zeit der größten Hysterie hatte der Wald zugenommen. Vor allem war bereits klar, dass der Waldschadensbericht ungeeignet ist, den Gesundheitszustand des Waldes zu beschreiben. Er orientiert sich an Blätter- und Nadeldichte, die starken natürlichen Schwankungen unterworfen sind.

Jetzt ist mit dem sinnlosen Ritual also Schluss. Wobei niemand das auch offen und ehrlich sagt. Stattdessen läuft die Operation Gesichtswahrung. Anstatt die ökologischen Fakten anzuführen, ist von Bürokratieabbau und Verwaltungsvereinfachung die Rede. Das kommt besser an als die Botschaft, dass einige hundert Millionen Euro für die Jagd nach einem Phantom ausgegeben wurden. Na gut, so läuft es eben bei der Revision ökologischer Irrtümer.

Die Chronik ist stets die gleiche. Die ersten Kritiker werden als pathologische Leugner, Zyniker und von der Industrie bezahlte Betonköpfe geschmäht. Sobald die wissenschaftlichen Fakten mit dieser Methode nicht mehr vom Tisch gewischt werden können, kommt das "Silence Treatment". Die neuen Erkenntnisse werden schlicht ignoriert. Erst wenn sie sich absolut nicht mehr ignorieren lassen, wird auf leisen Sohlen der Rückzug angetreten. Ein ehrliches Eingeständnis von faktischen Irrtümern erfolgt so gut wie nie, schließlich soll das alarmistische Gesamtgebäude aufrecht erhalten bleiben. Motto: Prinzipiell könne natürlich "keine Entwarnung" gegeben werden.

Fassen wir uns also weiterhin in Geduld mit unserem Glauben an die Macht der Fakten, die Lage ist durchaus nicht hoffnungslos. So weisen Malaria-Fachleute seit langem darauf hin, dass Verbot und Verteufelung des Pestizides DDT Millionen Menschen in den Entwicklungsländern das Leben kostet. In kleinen Mengen in den Häusern angewendet tötet DDT die krankheitsübertragende Anopheles-Mücke. Nach über einem Jahrzehnt korrigiert die Weltgesundheitsorganisation ihre Einstellung und will DDT wieder zum Bestandteil der Malariabekämpfung machen. Im deutschen Entwicklungshilfe-Ministerium von Heidemarie Wieczorek-Zeul will man das noch nicht wahr haben und setzt weiter auf alternative Mosquitonetze, die sich in der Praxis leider als ziemlich unwirksam erwiesen haben. Warten wir noch ein paar Jahre, auch die deutsche Anti-Pestizid-Ideologie wird irgendwann unter dem Druck der Fakten still eingepackt und das DDT noch stiller ausgepackt werden.

Genau wie in der DDT-Frage leidet die Bundesregierung auch mit dem Atomausstieg unter zunehmender internationaler Vereinsamung. Während sich Bundesumweltminister Gabriel rethorisch kämpferisch gibt, setzt er faktisch andere Zeichen: Nach einem strickten Atomkraftgegner an der Spitze der Reaktor-Sicherheitskomission beförderte er jüngst einen ausgewiesenen Atomkraft-Befürworter auf diesen Stuhl - und zwar auffallend geräuschlos. Mal sehen, wie lange der Beschluss zur vorzeitigen Abschaltung deutscher AKW'S noch Bestand hat. Könnte gut sein, dass im engsten Familienkreis eine äußerst stille Beisetzung vorbereitet wird.