StandpunkteHundemode und Gesinnung Hintergrund:
Hunde der Nationvon Dirk Maxeiner
und Michael Miersch Deutschland ist nicht mehr was es war. Irgendwann zwischen Waldsterben und Schröders Goslaer Friedenserklärung haben sich die Deutschen neu erfunden. Wir sind Papst, warten entspannt patriotisch im Arbeitsamt, haben die Bundeswehr zum Technischen Hilfswerk umfunktioniert und retten die Welt mit Windrädern und gelben Tonnen. Das neue Deutschland zeigt sich in kleinen Alltagsritualen, vom Kindergeburtstag bis zum Gemeindeflohmarkt, und ebenso in Massenveranstaltungen wie Fußball- oder Papstpartys. Es präsentiert sich aber auch in modischen Accessoires, die oftmals Botschaften transportieren, keine konkreten aber gefühlte (um ein neu-deutsches Wort zu benutzen). Eines davon sind die Hunde. Da hat eine klare Typveränderung stattgefunden, an der man den Wertewandel ziemlich genau ablesen kann. Der deutsche Schäferhund, einst (neben dem Dackel) der Hund der Nation, ist klar auf dem absteigenden Ast. Außer als Polizeihund sieht man ihn in Großstädten kaum noch. Auch die Blinden lassen sich nur noch selten von einem Schäferhund führen. Wer einen besitzt, steht unter Rechtfertigungsdruck: Ist er Neonazi oder Hausmeister, möchte er einen Komplex kompensieren? Verdächtig. Zieht man Hunderassenbücher zu Rate, wird schnell klar, warum der Schäferhund nicht mehr in unsere Zeit passt. Dort tauchen als Charakterisierung immer wieder Worte wie "robust" und "belastbar" auf, kein einziges Mal jedoch "sensibel". Damit fehlt ihm eine wichtige Eigenschaft, die heute zum guten Ton gehört. Auch "Arbeitsbereitschaft" wird dem Tier attestiert, auch ein Attribut, dass irgendwie angestaubt klingt. Und stets betonen die Beschreibungen die "Treue" dieses Hundes. Er sei "ein Partner fürs Leben", was ihn in der Welt der "Lebensabschnittsgefährten" eher zum Außenseiter stempelt. Völlig daneben ist auch der Hinweis, Schäferhunde müssten mit "Konsequenz" erzogen werden. Wer kriegt das heute noch bei seinen Kindern hin, geschweige denn beim Hund? Wir haben es also mit einer Rasse zu tun, die zu den fleißigen, leistungsorientierten und biederen Deutschen der Nachkriegszeit passte. Von der Zeit davor ganz zu schweigen, als die Schäferhündin "Blondie" die "First-Bitch" des Großdeutschen Reiches war. Welcher Hund passt also in unsere Zeit? Da muss man nur mal den Blick über Bürgersteige, Grünstreifen und Parkanlagen schweifen lassen. Kein Zweifel: Der neue Deutsche liebt den Golden Retriever, eine Rasse die ursprünglich zum Apportieren toter Enten gezüchtet wurde, aber schon lange als typischer Familienhund firmiert. In den Beschreibungen sticht sofort ins Auge, dass der golden Retriever ein Kontrastprogramm zur disziplinierten Leistungsmaschine Schäferhund ist. Er habe ein "sanftes Wesen", dem jegliche Form von "Aggressivität und Kampftrieb" fehle. Ein Verein, der zum Wohle dieser Rasse gegründet wurde, empfiehlt bei der Erziehung der Welpen nicht zu verbissen vorzugehen. Welpenkurse" seien deshalb nicht "mit einem Prüfungszwang verbunden". Zwar würden die Hund auf manchen Übungsplätzen "jagdbezogen ausgebildet, allerdings ohne unmittelbaren Bezug zur lebenden oder realen Welt." So hat moderne Pädagogik auch in Hundeschulen ihren Platz gefunden. Der deutsche Fundamentalpazifismus wird vom Golden Retriever vollendet repräsentiert, denn die Experten bescheinigen ihm "niemals aggressiv" zu sein, auch sei "sein Schutztrieb im Vergleich zu anderen Hunderassen - wenn überhaupt - nur rudimentär entwickelt." Welcher Hund könnte besser in die Zeit passen? Zu seinen Wesensmerkmalen, so das Rasseportrait im Internet, gehöre das "gefallen wollen". Das hat er mit den neuen Deutschen gemein. Allerdings entdeckten wir im Retriever-Schrifttum einen Satz, der uns dann doch etwas skeptisch werden lies: "Der Golden Retriever besticht durch sein starkes Bedürfnis, dem Führer Freude zu bereiten." Das hätten wird doch eher dem Schäferhund zugetraut.
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