StandpunkteÖffentliche Erregung Hintergrund:
Adventsjournalismusvon Dirk Maxeiner
und Michael Miersch Seit einigen Wochen erleben wir eine Art journalistischer Adventszeit. Alle harren auf den großen Knall, den Aufschrei der islamischen Massen. Erst wegen der Idomeneo-Aufführung und dann weil deutsche Soldaten in Afghanistan mit alten Knochen posiert hatten. "Die befürchteten Unruhen sind bislang ausgeblieben," wunderte sich die Bild-Zeitung am Montag. Auf Spiegel-Online war zu lesen: " Noch schweigen die Terror-Websites nach der Totenkopf-Affäre... Möglich, dass dies nur die Ruhe vor dem Sturm ist." Offenbar haben Bombenleger in Kabul, religiöse Hooligans in Islamabad und Hassprediger in Riad andere Empörungslaunen als deutsche Redaktionen. Was bilden die sich eigentlich ein? Sind wir weniger wichtig als die Dänen? Um aus keiner Nachricht einen knalligen Artikel zu stricken bedarf es nur einiger kleiner semantischer Accessoires. Man beachte in den obigen Zitaten die Wörtchen "bislang" und "noch." Sie gehören zum unverzichtbaren Formulierungszubehör engagierter Adventsjournalisten. "Noch" ist ein kleiner sprachlicher Tausendsassa, mit dem sich die tollsten Effekte erzielen lassen. Nehmen wir einen Beispielsatz: "Vor der Küste Floridas tummeln sich Delfine." Er klingt irgendwie zu gut und könnte aus einem Reisekatalog stammen. Fügen wir also unsere kleine Wunderwaffe ein: "Vor der Küste Floridas tummeln sich NOCH Delfine." Da weiß der Leser doch gleich Bescheid, Meeresverschmutzung und Klimaerwärmung werden diese Idylle bald zerstören. Das schöne an der Formulierung ist, dass wir unsere Mahnung mit keinerlei Fakten untermauern müssen. FAZ-Online fragte diese Woche den Büroleiter von Al Dschazira, warum die Idomeneo-Affäre auf dem arabischen Sender kein großes Thema war. Herr Suliman antwortete: "Es gibt keine Beleidigten, aber die Polizei geht davon aus, dass es vielleicht welche geben könnte. Das ist doch keine Nachricht." Wie kennen die Gebräuche in der Al-Dschazira-Redaktion nicht. Aber wenn dort tatsächlich solche Sicherungen gegen aufgeblasene Null-Nachrichten existieren, könnte sich deutsche Chefredaktionen ein Beispiel daran nehmen.
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